Titel: Vilém Flusser · von Keiko Sei · S. 75
Titel: Vilém Flusser , 1992

Michael Bielicky / Keiko Sei

Die letzten Tage

„Wo kommen Sie her?“ fragte ich einen Herrn, der sich 1988 beim Europäischen Media Festival in Osnabrück neben mich gestellt hatte und dessen Deutsch einen tschechischen Akzent besaß. Der Angesprochene drehte sich um und sagte: „Wissen Sie, das hat sich Platon auch schon gefragt.“ Der Herr war natürlich Vilém Flusser.

In den folgenden Jahren hat sich unser Kontakt intensiviert und fand seinen Höhepunkt in einem sechstägigen Arbeitsbesuch bei den Flussers im Sommer 1991. Ich drehte einen Beitrag für „Experimente spezial“ (WDR). Dann trafen wir uns wieder in Prag.

24.11.1991

Edith Flusser ruft aus dem Hotel Ungelt an. Dort treffen Keiko Sei und ich die Flussers. Edith erzählt etwas erschrocken über ihre Begegnung mit tschechischen Skinheads, während eines Spaziergangs. Bei ihrem Marsch schrien sie: „Weiße Böhmen! Ausländer raus!“ Wir versichern ihr, daß es sich um eine Randerscheinung handelt. Später kommen zwei Studentinnen aus der Philosophischen Fakultät der Universität Wien und bemühen sich darum, Vilém Flusser trotz seiner Absage zu überreden, doch in Wien einen Vortrag zu halten. Er wiederholt, was er bereits in seinem Brief erklärt hatte, nämlich daß er diese Stadt meiden wird, solange 25 Prozent der Wiener Bevölkerung die Neonazis wählen. Mit der Bitte, diese Erklärung an die Medien zu geben, verabschiedet sich Vilém von den Studentinnen.

Wir gehen gemeinsam durch die Altstadt und zeigen Flussers ein kubistisches Haus und das neu renovierte „Stauouswe Theater“. Durch diese Straßen ging Vilém zuletzt vor 52 Jahren, und er schien gerührt zu sein. Wir nehmen den Wagen und fahren durch…

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