Titel: Parallele Kunst · von Jürgen Raap · S. 250
Titel: Parallele Kunst , 1992

Künstlerisches Ultimatum

Jürgen Raap über Al Hansen und die »Ultimate Akademie« in Köln

Er schreit mit kratziger Stimme einen Text ins Mikrofon und schießt dabei Feuerwerksraketen ins Gestänge einer Fabrikhalle. Explodierende Knallkörper, Funkenregen, zischende und heulende Kracher verdichten sich zum Eindruck eines Infernos: „Soldiertunes“ anläßlich der Kölner „Jim-Whiting-Show“ 1989 war bzw. ist eine „typische“ Performance des 63jährigen Al Hansen. Zur Aufführung zog er die originale Gl-Uniform an, die er schon 1946 als amerikanischer Besatzungssoldat in Frankfurt/Main getragen hatte. Seine ästhetische Radikalität definiert sich aus dem Willen, künstlerisches Vorgehen nicht von unmittelbaren Lebensbezügen biografischer oder situativer Art zu trennen; die Inszenierung geschieht denn auch mit einfachen, höchst alltäglichen Mitteln. In seinen jüngsten Collagen und Assemblagen verwendet Hansen vorzugsweise Streichhölzer und Zündholzschachteln. „Nach Duchamp und Dada kehren aufs neue die Dinge zurück: Objekte der Natur, Stoffliches, am Rande Liegendes, Funktionen des Alltags; Sensationen des Unsensationellen“, schrieb Karl-Heinz Zarius über die Fluxus-Bewegung.*

Ende der fünfziger Jahre studierte Al Hansen bei John Cage an der New Yorker „New School“, lernte dort Allan Kaprow und George Brecht kennen, und aus diesen Kontakten entwickelten sich seine ersten Happenings und Fluxus-Events. Hansen war auch einer der ersten Action-Performer mit Lehrauftrag am „Pratt Institute“ (ebenfalls in New York). 1983 zog er nach Köln und empfahl sich der lokalen Kunstszene mit dem Auftritt „Yoko Ono Piano Drop“: Er warf fünf Klaviere aus dem vierten Stock der legendären „Stollwerck“-Fabrik auf den Hof, den Sound des Aufkrachens und Zerberstens begleitete Lisa Cieslik mit Saxophonspiel.

Die Autodidaktin Cieslik hatte 1983 die Gruppe „minus delta t“ um…

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