Titel: Parallele Kunst , 1992

Eva Krings

Gewaltfrei, ökologisch, sozial…

Aporien einer »anderen« Kulturpolitik

I.

Als Die Grünen 1983 zum ersten Mal in den Deutschen Bundestag einzogen, betrat damit auch ein anderes Kulturverständnis die Bühne der etablierten Politik. Anders als die bis dahin im Parlament stilprägende Altersgruppe des Wiederaufbaus, die in Kunst und Kultur vor allem überzeitliche Schön- und Wahrheiten gegen die Wirren der Zeit suchte, verknüpften die nun vertretenen „68er“ ausdrücklich kulturelle Produktionen und soziale Erfahrung.1

Die damit verbundene Säkularisierung von Kunst und Kultur bedeutete eine erste breit getragene lebenspraktische Absage an die Tradition einer Kulturauffassung, die selbst die deutsche Arbeiterbewegung weitestgehend reproduziert hatte.

Dieser spezifisch deutsche Kulturbegriff trennt, anders als etwa Konzeptionen des englischen und französischen Sprachraums, Alltag, Ökonomie und Politik deutlich von geistigen Belangen und betrachtet erstere als „kulturfern“.

Der Soziologe Norbert Elias nennt verschiedene Gründe für diese deutsche Besonderheit.2 Im Vordergrund stehen sozialstrukturelle Ursachen: Die deutschen Kulturträger des 18. Jahrhunderts waren vorwiegend finanziell abhängige und politisch einflußlose Beamte. Ihre Aufwertung geistiger und innerer Werte spiegelt ihre soziale Situation und Perspektive – Machtlosigkeit, Überkompensation, aber auch hegemoniale Ansprüche.

Das Kulturverständnis der Grünen ist anders zusammengesetzt, doch ebenso überdeterminiert. Die romantische Sehnsucht, Kunst in Lebenspraxis zu überführen, spielt hier ebenso eine Rolle wie die Überzeugung, einzig in der sinnvollen Gestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse erweise sich die wahre Kunstfertigkeit. Das Ästhetische gilt einerseits als Sphäre eigentlicher Lebensqualität (Freiheit, Selbstbestimmung, Kreativität, Intuition), andererseits als Schleier über den wirklichen, sprich: Überlebens-Problemen.

Im Unterschied zu anderen Themenfeldern werden diese verschiedenen Positionen jedoch kaum strömungskonform besetzt, eher bilden sie schwer durchschaubare Komplexe im Denken der einzelnen KulturpolitikerInnen.

Selbstironisch faßt ein Papier aus dem Kulturbüro des Bundestags zusammen: „Den für die Kunst zuständigen ideelen Gesamtgrünen gibt es gar nicht. Er zerfällt in mindestens zwei Personen. Dr. Jekyll kommt von ganz tief unten und liest mit Thränen in der Stimme (das ‚h‘ ist leider gefühlsimmanent) Poeme von StrafgefangenInnen oder weist stumm auf einen Karton mit fünfundachtzig Bleistiftzeichnungen, die ‚die Problematik des Waldsterbens sinnlich veranschaulichen‘. Mr. Hyde kommt von ganz hoch oben, direkt aus dem kunstwissenschaftlichen Seminar, trägt mit Vorliebe schwarz und flüstert unablässig zweierlei: ‚Postmoderne!‘ (Gesichtsausdruck: gallig) und ‚Es gibt nichts Richtiges im Falschen!‘ (Ausdruck hier: beglückt bedrückt). Beide verbindet ein unerschütterliches Ressentiment gegen Größe. Hierin treffen sie sich auf spiegelverkehrte Weise mit dem christdemokratischen (Kulturpolitiker, d.V.): von seiner Ehrfurcht vor der Kunst bleibt beim gesamtgrünen Doppelwesen nur noch die Furcht, und so wie der geheime Wunsch des einen sein mag, die Leute durch das Beispiel von Größe zu eben dieser Größe emporzuheben, scheint oft das Bestreben der anderen allein noch darin zu liegen, das Große zur Basis herunterzuziehen: Kunst am Boden.“3

Daß diese Schilderung kaum übertrieben ist, belegt die kärgliche Historie grüner Kulturpolitik. Zwar gab es in den ersten Jahren Versuche, einen „grünen Kulturbegriff“ zu kreieren, doch diese tendierten alsbald in Richtung Weltformel; Zutaten lieferten – unter anderem – Anthroposophie, Historischer Materialismus und Negative Dialektik. Immerhin Überschaubarkeit stellte der bald anschließende Disput her, der unter dem etwas überdimensionierten Etikett „Richtungsstreit in der grün-alternativen Kulturpolitik“ in die Parteiannalen einging. Im Kern der Auseinandersetzung stand die Frage, ob Kultur als (weltanschaulicher) Teil von Klassenkämpfen zu werten sei oder ihren Sinn gerade der Möglichkeit zur Grenzüberschreitung verdanke. Das Problem konnte trotz erheblicher Papierproduktion letztlich nicht befriedigend entschieden werden und verlor später als „Überbauphänomen“ rasch an Relevanz für parteiinterne Auseinandersetzungen.

Anfangs verlangte die Bundestagsfraktion von der zuständigen Bundesarbeitsgruppe noch Auskunft über den Stand der Arbeit am „grünen Kulturbegriff“, doch als sich nichts Griffiges einstellte, zog sie ihre Libido kurzerhand von der Kulturfrage ab.4 In den zwei Legislaturperioden, die die Grünen in Bonn vertreten waren, fand sich folglich auch kein/e Abgeordnete/r, der/die kulturpolitische Themen kontinuierlich und verantwortlich bearbeitete.

Obwohl die achtziger Jahren für Kultur „Konjunktur“ verzeichneten und die anderen Parteien immerhin programmatische Anstrengungen unternahmen, blieben die Grünen nahezu stumm.

II.

Da der gegenwärtige strukturelle ökonomische, technologische und kulturelle Wandel Züge einer gesamtgesellschaftlichen Ästhetisierung trägt, wächst im politischen Sektor die Beachtung von Kunst und Kultur. Mit der Besetzung dieses Feldes werden von seiten der Parteien seit Anfang der achtziger Jahre hegemoniale Ansprüche verbunden.

In der Christlich-Demokratischen Union entdeckte vor allem die „Modernisierer-Fraktion“ das Thema. In einer vielbeachteten Rede forderte etwa Kurt Biedenkopf – damals Landesvorsitzender der CDU in Nordrhein-Westfalen, heute Ministerpräsident von Sachsen – das „Recht auf kulturelle Utopie“, auf kulturelle und politische „Spinnerei“.5 Daß diese Rede im Titel den sozialdemokratischen Slogan der siebziger Jahre – „Kultur für alle“ – übernahm, signalisierte den Anspruch, Fortschritt künftig unter anderen parteipolitischen Vorzeichen voranzutreiben. Kulturelle Betätigung wird hier sowohl als Innovationspotential begriffen wie als Ressource zur Kompensation der Härten und Schwierigkeiten, die der gesellschaftliche Wandel notwendig mit sich bringt: Zerfall tradierter Milieus, Verlust vertrauter Lebensformen, Verstädterung, Vereinsamung. Biedenkopf betrachtet ferner die kulturelle Sphäre als den einzigen Ort einer hoch komplexen und wenig integrierten Gesellschaft wie der unseren, um ihre Ziele zu reflektieren.

Diese Position war und ist, wie sich bald zeigte, in der CDU nicht mehrheitsfähig. Trotzdem prägte sie den kulturpolitischen Diskussionsprozeß: Die These, schöpferische Phantasie sei eo ipso eine „systemsprengende“ Kraft, hatte sich im Alltag ohnehin als unhaltbar erwiesen.

Zeitgleich verabschiedete auch ein Bundesparteitag der Freien Demokraten Programmatisches zur Kultur: „Neue Chancen kultureller Lebensgestaltung“.6 Hier verliert das Kulturelle den letzten Hauch von Transzendenz: „Die Dynamik des Marktes verlangt schöpferische Veränderung, und sie braucht den kreativen Menschen, der mit der technologischen Entwicklung Schritt hält.“ Künstler geraten damit in eine Vorreiterrolle für jedermann und jederfrau. Ihre (vermutete) Fähigkeit, „ureigenste Entwürfe“ gegen die Tendenz „zur Erstarrung, Bürokratisierung, Risikovermeidung und Standardisierung“ zu setzen, befördert sie unversehens in elbstverständnis als Programmpartei entsprechend mühte sich die Sozialdemokratische Partei durch die ganzen Achtziger mit „der kulturellen II. Frage“. Schon 1982 hatte ein interner Lagebericht unmißverständlich darauf hingewiesen, daß die SPD, obwohl ihr einige der profiliertesten Kulturpolitiker zugehörten, dabei war, „die Meinungsführerschaft“ zu verlieren.7 Man beschloß, einen offensiven Diskurs über die Frage zu beginnen, „welche Funktion(en) Kultur in unserer Gesellschaft haben soll“, ferner auf die Genossen vor Ort stärker einzuwirken, um deren tiefverwurzeltes Mißtrauen gegenüber der sich längst etablierenden Alternativkultur etwas zu besänftigen.

Über den Versuch, dem neuen Grundsatzprogramm der Sozialdemokratie ein Kulturkapitel beizufügen – gedacht auch als Anstoß zu einer überfälligen Kulturdebatte -, ist viel geschrieben worden: Kritisches und Selbstkritisches, Hämisches und Polemisches.8 Deutlich wurde jedenfalls, daß sich mittels eines „erweiterten Kulturbegriffs“ keine Gegenposition zu der wachsenden gesellschaftlichen Inanspruchnahme von Kunst und Kultur begründen ließ: Wenn alles Kultur ist, ist Kultur letztlich nichts. In der endlich verabschiedeten Fassung des neuen Grundsatzprogramms sind folglich alle Überlegungen zur kulturellen Produktion in dem Kapitel „Die freie, gerechte und solidarische Gesellschaft: Eine neue Kultur des Zusammenlebens“ aufgegangen: „Wir wollen kritisches Bewußtsein fördern, zu aktiver und solidarischer Lebensgestaltung anregen, persönliche und gesellschaftliche Emanzipation voranbringen.“9 Die besondere Bedeutung symbolischer Bezüge, ästhetischer Bildung(en) ist völlig verschwunden, letztendlich von der moralisch-pragmatischen Vernunft geschluckt worden.

Hätten Die Grünen die Vorgänge in der sozialdemokratischen Partei aufmerksamer verfolgt, hätten sie sich – vielleicht – einige Um- und Irrwege ersparen können.

III.

„Die Kulturrevolution ist also nicht ein ästhetischer Ersatz für die Revolution, ein Aufstand im Museum, ein Attentat auf den Park, eine Frechheit im Theater. Eine solche Anwendung von ihr zu machen, hieße die Kultur in dem Ghetto zu lassen, in das der Kapitalismus sie gesperrt hat. Die Kulturrevolution im Spätkapitalismus ist ungeduldiger, großzügiger, weniger leicht zufrieden als die ökonomisch-politische Revolution. Sie schließt nicht nur die Aufhebung der Kapitalverhältnisse, sondern die Revolution aller Verhältnisse ein, in denen der Mensch zur Ware und die Ware zum Subjekt geworden ist … Die Revolution: schaffen wir solche Verhältnisse, daß jeder Anteil am Werk Picassos nehmen kann. Die Kulturrevolution: schaffen wir solche Verhältnisse, daß jeder Picasso und Picasso jeder werden kann!“10

Kaum zwanzig Jahre sind vergangen, seit der Schriftsteller Peter Schneider zur Kulturrevolution aufrief. Kaum zehn Jahre, seit es schien, daß sie immerhin Fortschritte mache – fast dreißigtausend alternative und gegenkulturelle Aktivisten und Aktivistinnen trafen sich 1978 in West-Berlin auf dem TUNIX-Kongreß, um den weiteren Aufbau einer „alternative society“ zu diskutieren. Die Idee war bestechend einfach: Durch den Aufbau von Gegeninstitutionen (Bio- und Gesundheitsläden, alternativen Schulen und Kitas, Cafés, Kneipen, Buchläden, Zeitungen, Wohngemeinschaften u.s.f.) sollte die durch immanente Widersprüche und Sinndefizite ausgehöhlte Gesellschaft allmählich und unaufhaltsam von der Gegenkultur übernommen werden.

Die Diagnose der ästhetischen Verarmung der Massen bei gleichzeitiger Ghettoisierung der schöpferischen Kräfte in der Kunst führte in den siebziger Jahren denn auch zu einer Entfesselung alternativen Unternehmungsgeistes.

Die bundesdeutsche Kulturrevolution setzte allerdings – nach einer kurzen Phase grenzüberschreitender Emphase – vor allem auf die Neufassung alltäglichen Lebens. Subkulturelle Experimente mit illegalen Drogen, freier Sexualität oder künstlerischen Aktionen (nach Art von „war art riot“) blieben Ausnahmezustand. Einzig dem Therapieboom gelang es, das Bewußtsein, daß jede gesellschaftliche Befreiung „am eigenen Leib“ der Individuen ihren Anfang nehmen muß, dauerhaft zu beerben.

Die gegen-kulturelle Erweiterung des Kulturbegriffs zielte vor allem darauf ab, verlorene oder vergessene Alltagskompetenzen zu fördern oder erneut auszubilden. Aufhebung der Entfremdung hieß Selbstorganisation und Selbstverantwortung alltäglicher Angelegenheiten. Hatte die „Kritische Theorie“ noch Formen und Handeln unterschieden, verwischten sich jetzt die Grenzen. Ästhetische Erfahrungen waren nicht Ziel der zahlreichen Projekte, sondern praktische Veränderungen. Kultur definierte sich nicht über ihre symbolische Funktion, normativ-moralische Handlungsaspekte standen im Vordergrund.

Die Ressource, aus der sich die Hoffnungen auf einen Umbruch der herrschenden Verhältnisse speisten, hieß „Kommunikation“. Durch kommunikative Praxis schien „Heimat“ möglich zu werden, Lebenswelt, jenseits der Zweckrationalität eines hochdifferenzierten ökonomischen und technologischen Systems. Nicht zufällig hießen die autonomen Kulturhäuser bis zu ihrer Akzeptanz durch die etablierte Politik „Kommunikationszentren“.

Insofern bedeutete die Erweiterung des bürgerlichen Kulturbegriffs durch die alternativen Milieus letztlich keine ästhetische, sondern eine eminent praxisorientierte Angelegenheit. Kreativität sollte zwar aus der gesellschaftlichen Arbeitsteilung befreit, dann aber in die Lösung zukunftsrelevanter Probleme reinvestiert werden.

Dem Horizont grünen Kulturverständnisses fehlt bis heute aufgrund dieser Annahmen und entsprechenden Praxiserfahrungen ein Begriff des Ästhetischen. Aus denselben Gründen, aus denen an den DDR-Universitäten das Fach Politologie nicht vertreten war, gibt es in grünen Kreisen keine nennenswerte Beschäftigung mit Kultur – man geht davon aus, daß sie ohnehin überall „drinsteckt“. Im Fall grüner Überzeugungen in der „für alle“ problemlos verfügbaren Münze Kommunikation.11

Eine erste Verunsicherung in diesem alternativen Weltbild hätten die Anfang der achtziger Jahre in vielen Städten aufflackernden sogenannten Jugendunruhen darstellen können.

1981 war das Kommunikations- und Jugendzentrum „Komm“ in Nürnberg Schauplatz der bislang größten Massenverhaftung in der BRD-Geschichte; zur gleichen Zeit wurden in Berlin das „KUKUK“ durchsucht und in Köln das autonome Kulturzentrum „Stollwerck“ geräumt. Und „Züri brannte“, nachdem die „Unzufriedenen“ eine Operngala gestört und die Ordnungsmächte sie unverhältnismäßig roh vertrieben hatten. Nicht nur die Anlässe – Besetzungen und Schließungen autonomer Kulturhäuser -, auch die Formen des Protests zeigten, daß die kulturelle Frage durch den alternativen Alltag einer – und Spezialisierung einer „Freien Szene“ (Freie Theatergruppen, alternative Spielstätten u.s.f.) andererseits nicht erledigt war.

Für viele inzwischen gestandene Alternative hatten die neuerlichen Kulturkämpfe etwas Befremdliches. Nicht nur wurde die Leitwissenschaft der Studentenbewegung, die Soziologie, durch die Ethnologie abgelöst („Nur Stämme werden überleben!“), die Ästhetik der Bewegung unterschied sich von Grund auf von der der vorangegangenen Protestgenerationen, Punk war keine Botschaft, ein Fanzine kein Flugblatt. Überhaupt konstituierte sich das Verhältnis zur Sprache ganz anders, Analyse und Polemik wurden durch eine neue Bildhaftigkeit ersetzt. Im ganzen mangelte es zwar an revolutionärer Eindeutigkeit und Ernsthaftigkeit, nicht jedoch an Intensität.

Die eigentümliche Atmosphäre aus Trotz, Ironie und Selbstbewußtsein irritierte besonders Alternative, Grüne und „Alt-68er“. Die ästhetische Expressivität, die Verweigerung kommunikativen Austauschs, die fehlende Pragmatik der Bewegung wurden kurz entschlossen als Zeichen narzißtischer Regression gedeutet, das Gespenst des „NST“, des NeuenSozialisationsTyps, ging um. Interessanterweise trafen die unruhigen Jugendlichen in der Schweiz nicht nur auf ungleich härtere staatliche Sanktionen, sondern auch auf engagierte Fürsprecher wie den Schriftsteller Adolf Muschg oder den Psychoanalytiker Paul Parin. Eine etablierte alternative Szene, die für symbolische Bezüge, für das Spiel von Authentizität und Stilisierung weitgehend blind ist, existierte in der Schweiz in vergleichbarer Form nicht.

IV.

Die unzureichende Sensibilität der Grün/Alternative für ästhetische Fragestellungen hat zunächst kulturpolitische Folgen.

„Neue Kulturpolitik“ meint hierzulande nach wie vor eine Bündelung von Ideen und Strategien, die in den siebziger Jahren im (sozialdemokratischen) Umfeld gesellschaftlicher Reformbemühungen entwickelt wurden. Programmatische Entwürfe des Deutschen Städtetags oder der Kulturpolitischen Gesellschaft, das Engagement von Kulturdezernenten wie Hermann Glaser oder Siegfried Hummel stehen für den Versuch, in der bundesrepublikanischen Gesellschaft auch kulturelle Chancengleichheit durchzusetzen. Praktische Ansätze zur Dezentralisierung von Kultureinrichtungen, zur Förderung kulturpädagogischer Unternehmungen und Unterstützung selbstorganisierter Aktivitäten bezeichnen für viele Kommunen auch heute noch uneingelöste Ansprüche.

Trotzdem bedürfen die vor dem Hintergrund der „Unwirtlichkeit der Städte“ und des mangelnden kulturellen Angebots entstandenen Konzepte heute mindestens einer Reformulierung. Die Tendenzen zur Mediatisierung des Nahraums, zur Individualisierung und Diversifizierung kultureller (Lebens-) Formen, zur Multikulturalität städtischer Kulturräume verlangen kulturpolitische Entwürfe, die die Utopie der „gleichen Berechtigung“ und das Faktum der Pluralität zusammendenken.

Die Grünen, obwohl aus einem heterogenen kulturellen Feld kommend, haben ihre Geschichte bislang nicht in kulturpolitisches Profil umsetzen können.

Vielleicht noch folgenreicher ist ihre kulturelle Abstinenz jedoch für die politische Kultur. Die Manifestation „anderer“ kultureller Umgangsformen traf Anfang der achtziger Jahre in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit auf einen nahezu schmerzhaften Mangelzustand. Das in Deutschland ohnehin chronische Defizit der Politik an symbolischer Form, an Inspiration und Esprit hatte einen neuerlichen Tiefpunkt erreicht.12 Auch wer mit den Grünen nicht sympathisierte, zeigte sich dankbar etwa angesichts einer beherzten Rede über die mangelnde Liebesfähigkeit der versammelten Parlamentarier oder im Plenum verteilter Sonnenblumen. Die Anfänge der Grünen ließen kurzfristig die Hoffnung keimen, Politik könnte in Deutschland doch mehr sein als Routine, Technokratie und verunglücktes Pathos – könnte vielleicht mit Lust an der Form, am Symbolischen, an ästhetischer Qualität zu tun bekommen.

Heute ringen die inzwischen in Bonn nicht mehr vertretenen Alternativen vornehmlich miteinander und um Struktur- und Organisationsfragen. Der Einsatz von Trillerpfeifen wurde auf der letzten Bundesdelegiertenkonferenz nur mit knapper Mehrheit nicht sanktioniert. Der Regenbogen, ein Spiegelungs- und Übergangsphänomen ist in den letzten Jahren wohl nicht zufällig aus der Parteiemblematik verschwunden.

Diese Normalisierung nur als Anpassung an gegebene Verhältnisse zu bezeichnen, greift zu kurz. Sie ist Folge eines Kulturverständnisses, das der praktischen Vernünftigkeit unangefochtenen Vorrang vor ästhetisch-expressiver Imagination einräumt.

Heute hat sich die Wirklichkeit völlig verändert, das erfordert auch andere Strategien von Kunst und politischer Radikalität. Durch eine nie zuvor gekannte Befreiung der Formen und Linien, der Farben und der ästhetischen Konzepte, durch die Vermischung aller Kulturen und Stile hat unsere Moderne eine allgemeine Ästhetisierung bewirkt, den Aufstieg aller Formen der Kultur – nicht zu vergessen die der Gegenkultur – befördert und eine Auferstehung jeglicher Modelle der Darstellung und Gegendarstellung initiiert. Ist die Kunst immer eine Utopie gewesen, also etwas, das sich der Verwirklichung entzieht, so ist diese Utopie heute zur Gänze verwirklicht: Durch die Medien, die Informatik und das Video ist heute jedermann potentiell kreativ. Man muß deshalb nachdenken und ausprobieren, was ein Bild ausmacht, wie Bilder sich zueinander verhalten. Wer davon nichts versteht, ist künftig nicht realitätstüchtig. Nicht mal Politiker können sich das leisten.“13

ANMERKUNGEN
1 Vgl. dazu: Albrecht Göschel, Wandlungen kultureller Orientierungen in der Abfolge von Generationen, in: Prokla 80, Berlin 1990.
2 Norbert Elias, Der Prozeß der Zivilisation, Frankfurt a. M. 1976.
3 Karlheinz Koinegg, Claudia Siede, Ein Leben für die Kartoffel, Bonn 1989.
4 Die erwähnte Bundesarbeitsgruppe Kultur, die inzwischen mehrere Arbeitstagungen zu kulturpolitischen Themen veranstaltet und dokumentiert hat, ist in der gegenwärtig diskutierten Strukturreform der Grünen Partei konsequenterweise nicht mehr vorgesehen.
5 K. Biedenkopf, Kultur für alle, in: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Kultur für alle oder Träume von Spinnern? 77. Fachtagung der KPV/NW, Recklinghausen 1986.
6 F.D.P., Neue Chancen kultureller Lebensgestaltung. Beschluß der Bundesparteitage, 23.-25.5.1986 und 21./22.11.1986.
7 Vorstand der SPD (Hrsg.), Kulturpolitische Initiative der SPD. Bericht des Beauftragten des Parteivorstandes für Kulturpolitik, Reinold Schattenfroh. Vorgelegt am 19.11.1982.
8 Lesenswert allemal: H. Glaser, Ein aufgeblähter Schaumberg, in: Die Neue Gesellschaft 6/1987, S. 528 f.
9 SPD, Grundsatzprogramm der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands 12/89, S. 33.
10 Peter Schneider, Die Phantasie im Spätkapitalismus und die Kulturrevolution, in: Kursbuch 16, Berlin 1969.
11 Daß sich diese Vorstellungen mit der Tendenz zum Purismus trefflich verbinden lassen, ist verschiedentlich angemerkt worden. So von Lothar Baier, Für eine linke Kultur, in: Die Linke neu denken. Acht Lockerungen. Berlin 1984.
12 Vgl.: Karl Heinz Bohrer, Ästhetik und Politik sowie einige damit zusammenhängende Fragen, in: Sonderheft Merkur 9/10, S. 719 ff., Stuttgart 1986.
13 Mehr dazu bei Jean Baudrillard, Transästhetik, in: Inszenierte Kunstgeschichte, S. 8 ff.