Titel: Vilém Flusser , 1992

Harry Pross

»Du sollst dir nicht machen ein Bild«

Mit meiner Lektüre seines ersten deutschen Buches „Für eine Philosophie der Fotografie“ bin ich 1983 das erste Mal auf Vilém Flusser gestoßen. Ich war fasziniert und schrieb in der Süddeutschen Zeitung, es gelte, ihn zu entdecken. Das glaube ich auch heute noch, selbst wenn ich inzwischen weiß, daß seine Ausstrahlung nicht meßbar, kaum beschreibbar, nur erlebbar war. Vor mir hatten ihn andere entdeckt: 1965 hatte ihn der „Merkur“ über Guimaraes Rosa, 1974 über den Peronismus und 1978 über die „kodifizierte Welt“ zu Wort kommen lassen. Ich wußte auch nicht, daß er in São Paulo ein gefragter Kolumnist war, als ich ihn 1984 zu einem Seminar über soziale und politische Aspekte von Kitsch einlud. Er kam, kannte von den Geladenen nur Abraham Moles und war im Nu der Provokateur des Gesprächs: Kitsch als Umweltverschmutzung, als Abfallstau, als Kreislaufstörung im Kulturprozeß. Das leuchtete den Bewohnern von Weiler im Allgäu unmittelbar ein, den Professoren aber weniger. Bei den nachfolgenden „Kornhausseminaren“ war er fast immer dabei, und jedesmal „rief er herbei“: Widerspruch, Abwehr, Zustimmung. Unvergessen bleibt mir der Zusammenstoß mit Lilli Faktor-Flechtheim und Lew Kopelew nach seiner Behauptung, der Mensch brauche keine Heimat, nur ein Dach über dem Kopf, und das könne er auch in Auschwitz haben. Unvergessen auch die begütigende Handbewegung von Frau Edith Flusser, wenn er in der Diskussion aufbrauste.

Was uns einander näherbrachte, war die generationsbedingte Skepsis. Er wurde 1921 geboren, ich 1923. Beide hatten wir an der Last der Überlebenden zu tragen. Aber erst…

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