Titel: Ästhetik des Immateriellen · S. 86
Titel: Ästhetik des Immateriellen , 1988

David Galloway

Die Muse in der Steckdose

Im Orwell-Jahr 1984 stellte der Maler Michael Badura einen Personal Computer in sein Atelier. Wenngleich er der „elektronischen Revolution“ skeptisch gegenüberstand, machte er seine ersten vorsichtigen Experimente mit graphischen Bildern, die Stein um Stein wie in der Backsteingotik aufgebaut wurden. Bald darauf verstaute der Künstler seine Maler-Utensilien und widmete sich ausschließlich der neuen Bildsprache. „Der Computer verändert unsere Realität“, argumentiert er, „so wie der Kubismus die Welt vor 60 Jahren verändert hat.“ Die Veränderung schließt das ständige Rattern des Plotters ein, der Baduras Kompositionen auf drei Meter langen Papierstreifen ausdruckt. Die Maschine sei viel zu langsam, klagt er, um seine Ideen umzusetzen. Sein Bremer Kollege Wolfgang Zach teilt diese Ungeduld und baute sich eine schallisolierte Kabine, in der der Plotter die ganze Nacht knattern kann, ohne das Baby aufzuwecken.

Badura und Zach haben Werkzeuge ausgewählt, die ursprünglich für rein technische Anwendungen gebaut waren, schreiben ihre eigenen Programme und „unterliefen“ so die pragmatischen Vorgaben der Hersteller. Eudice Feder ging noch einen Schritt weiter. Die 70jährige Künstlerin erschafft zarte, moiréhafte Zeichnungen mit Hilfe eines Programms, das SIMULA heißt und darüber hinaus die offizielle Computersprache der skandinavischen Streitkräfte ist. „Es macht mir immer Freude, wenn Künstler etwas positiv einsetzen, was potentiell eine erschreckende Technologie darstellt. Darin klingt die Hoffnung des Propheten Isaias, Schwerter in Pflugscharen zu verwandeln.“1 Eudice Feders Erfahrung ist keine Ausnahme; viele elektronische Weiterentwicklungen stammen, kaum überraschend, aus der Militär- oder Weltraumforschung. Der Bildhauer Wen-Ying Tsai erinnert sich noch genau an den Schock, den er spürte, als…

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