Ausstellungen: Hannover , 1988

Thilo Koenig

Fotovision – Projekt Fotografie nach 150 Jahren

Diese Ausstellung ist unübersichtlich und verwirrend. Aber: Sie ist einer der intelligentesten Parforce-Ritte durch die Welt der Fotografie, der in letzter Zeit zu sehen war. Hatte man sich in Hannover verrechnet? „Fotovision“ hat das Glück, schon vordem großen Jubiläum der Veröffentlichung eines neuen Mediums (1839) im nächsten Jahr zu beginnen – vermutlich bleibt sie die einzige Ausstellung, die noch wirklich wahrgenommen wird.

Daß diese Präsentation des Sprengel-Museums nicht leicht konsumierbar ist, dafür sorgen zahlreiche ‚Stolperschwellen‘, die unsere Betrachtung verunsichern und zum Nachdenken anregen. Die Ausstellung versucht, und das ist ihre ganz große Stärke wie zugleich Schwäche, in einem weiten Bogen alle Anwendungsarten der Fotografie zu umspannen – von der Portraitsilhouette bis zur Laser-Installation, von frühen Polizeifotos zur Zielfotografie, von Abbildungen enthaupteter Commune-Kämpfer bis zu Voyeuraufnahmen. Sie zeigt die Fotografiergeschichte einmal nicht als Stil-, Technik- oder Personengeschichte, sondern als Kaleidoskop unterschiedlichster Aspekte des mechanisch abbildenden, doch keineswegs objektiven Mediums.

„Kurzschluß der Nachrichten“: Fehlende Fotos als Irritation. Am 5.6.1987 mußte die „International Herald Tribüne“ infolge eines Streiks mit weißen Leerstellen gedruckt werden. „Bild-Karriere“: Aufnahmen von Marilyn Monroe, dazu ein Computerausdruck aller beim Ullstein-Bilderdienst verfügbaren Marilyn-Motive. „Die Interessen der Wahrnehmung“: Erst 1977 untersuchten CIA-Mitarbeiter alliierte Luftaufklärungsfotos (1944) der IG-Farbenwerke bei Auschwitz nach Abbildungen der Todeslager selbst. Trotz detaillierter Berichte von wenigen Entkommenen hatte man damals die Dokumente nie danach befragt und so die abgebildete Realität des Schreckens nicht wahrgenommen. Dazu das Fotoalbum eines SS-Schergen.

Sind dies Beispiele „Öffentlicher Archive des Lebens“, so bietet die Installation „Kodak, Futschi und Struppi“…

Kostenfrei anmelden und weiterlesen:

  • 3 Artikel aus dem Archiv und regelmäßig viele weitere Artikel kostenfrei lesen
  • Den KUNSTFORUM-Newsletter erhalten: Artikelempfehlungen, wöchentlichen Kunstnachrichten, besonderen Angeboten uvm, jederzeit abbestellbar
  • Exklusive Merklisten-Funktion nutzen
  • dauerhaft kostenfrei

L_Test-Zugang