Monografie · von Carla Schulz-Hoffmann · S. 176
Monografie , 1988

Carla Schulz-Hoffmann

Hubertus Reichert

Eindeutige Uneindeutigkeit, Gültigkeit der Gegensätze

Hubertus Reichert, 1952 in Lüneburg geboren, gehört zwar objektiv noch in die Kategorie des „jungen“ Künstlers, sein bisheriges Werk zeigt jedoch eine dafür ungewöhnliche Konsequenz und innere Gültigkeit, oft so überzeugend, daß man sich kaum einen darüber hinausgehenden Schritt vorstellen kann. Und dies, obwohl Offenheit und ein Nebeneinander von Gegensätzen mit beinahe obsessiver Radikalität vorgeführt werden.

Was vermag einem Künstler dieser Generation noch die Gewißheit des richtigen Weges zu geben, worin liegt noch die Chance eindeutiger Ausdrucksformen? Die experimentelle Phase der Moderne ist längst vorbei, Materialien unterschiedlichster Provenienz sind ausprobiert, vielfach variierend eingesetzt, Techniken von allen Seiten angegangen. Die viele Jahre emphatisch geführte Diskussion, ob Figuration oder Abstraktion einen höheren Stellenwert besitzt, vermag kaum mehr ernsthaft zu bewegen. Nüchternheit, manchmal Resignation haben sich Bahn gebrochen. Alles scheint möglich, alles erlaubt und die Frage nach den angemessenen Mitteln, wer stellt sie noch? Und gerade hier, in dieser Phase scheinbar allgemeiner Akzeptanz, die die Kunstszene in Beliebigkeit und Gleichgültigkeit abzuschieben droht, in einer Situation des Überdrusses wird die Frage der eigenen Verantwortlichkeit notwendiger denn je. Was kann, was soll ein Künstler sich selbst noch zur Aufgabe machen, will er nicht in den Sog austauschbarer Modeströmungen geraten, die das nur scheinbar Neue schon veralten lassen, bevor es erwachsen wurde?

Das Sich-Freimachen von herrschenden Trends, die selbstgewählte Askese gegen einen oft tragisch vereinnahmenden Kunstbetrieb, das konsequente Beharren auf ausschließlicher Eigenverantwortlichkeit waren ohne Zweifel stets probate Mittel der Selbstbehauptung, ohne deshalb freilich jemals so sehr schon in der Wurzel gefährdet zu…

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