Gespräche mit Künstlern · von Karlheinz Schmid · S. 210
Gespräche mit Künstlern , 1988

Ottmar Hörl

Für die Kunst muß man sich überwinden

Ein Gespräch mit Karlheinz Schmid

Im kommenden Jahr feiert die Fotografie ihren 150. Geburtstag. Was Pioniere wie Daguerre und Talbot im 19. Jahrhundert entdeckt hatten, wurde in der Vergangenheit allerorts behutsam entwickelt und zur Meisterschaft geführt. Dabei spielen technische Neuheiten, siehe „photokina“, die wesentliche Rolle. Die Kamera, mit ausgeklügelter Elektronik gemästet, dient nicht selten als Fetisch. Jedenfalls begünstigt das Medium eine differenzierte seismographische Wahrnehmung, eine empfindsame Reaktion auf die Wirklichkeit. Dagegen erscheint das Projekt „Sightseeing“ mit fünf nagelneuen Kameras, die Du in Süddeutschland gleichzeitig mit laufendem Transportmotor aus einem Sportflugzeug geworfen hast, wie ein brutaler Akt, wie ein Bombardement. Handelt es sich in der Tat um einen Tiefflug-Angriff auf die Konsumgesellschaft, die allein in der Bundesrepublik jährlich zehn Milliarden Mark für Fotografie ausgibt? Oder geht es Dir als Bildhauer ausschließlich um die Eroberung einer vernachlässigten Dimension plastischer Arbeit, also um temporale Qualitäten?

Warum brutaler Akt? Ich würde es als einen etwas ungewöhnlichen, aber durchaus rationellen Arbeitseinsatz eines dafür hochspezialisierten Werkzeugs bezeichnen. Einer Kamera ist es gleichgültig, ob ihre Funktionsfähigkeit nach 16 oder nach 2000 Aufnahmen zerstört ist. Interessant ist doch nur, ob sich über ihren vielleicht nur einmaligen Einsatz eine klare und eindeutige gestalterische Struktur erschließen läßt. Der Einsatz der Mittel muß im Verhältnis zum Ergebnis inhaltlich erklärbar sein. Selbst wenn die Kamera, ohne eine einzige Aufnahme gemacht zu haben, irgendwo zerschellt, ist es immer noch kein brutaler Akt. Es ist schlicht und einfach Materialvergeudung.

Also doch eine Art Kritik an der Konsumgesellschaft, freilich eine sehr…

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