Titel: Ästhetik des Immateriellen , 1988

Louis Bec

Zoosystemiker

Präsident des wissenschaftlichen Instituts für paranaturalistische Forschung
an Herrn Professor Galdan-Tseren
Direktor des zoologischen und botanischen Gartens von Werchojansk

Lieber Herr Professor,
ich danke Ihnen für Ihren Brief und für Ihr Interesse an meiner Arbeit über die Scheinhaftigkeit.
Ähnlich wie Sie beschäftige auch ich mich unentwegt mit der Frage, warum manche Menschen so hartnäckig und auf merkwürdig naive Art nicht nur danach trachten, „des Lebendigen habhaft zu werden“ – wie sie behaupten -, sondern es auch für längere Zeit oder für immer zu unterjochen.
Sie versuchen nahezu alles, Jagen und Fallenstellen, Domestizierung, symbolische und magische Darstellung, wissenschaftliche und technologische Rekonstruktion, Geiselnahme und wer weiß, was noch alles, bis hin zur genetischen Manipulation…
Die verschwendete Tatkraft und der beharrliche Fanatismus sind um so betrüblicher, als sie vergebens sind.
Anstelle des Lebendigen bleibt immer nur die Enttäuschung übrig in Form von sterblichen Überresten, Artefakten, Abbildungen und Modellen.
Wie viele schlaue Substitute auch immer – eingetauscht gegen ein Wunderwerk -, wie viele Enttäuschungen als Antwort auf zynische, ironische, freche und verächtliche Fragen.
Deshalb frage ich mich, wer nach so vielen Niederlagen noch ein derart grobes Unterfangen mit so primitiven und unzulänglichen Methoden weiterführen mag.
Sie, der Sie in Ihrem Wirkungsbereich täglich mit dem Lebendigen konfrontiert sind, werden sich dessen genau bewußt sein. In den Laboratorien erforscht man nicht mehr nur das Leben, auch wenn man das noch glaubt. Das Interesse gilt heute vielmehr dem Algorithmus des Lebendigen.
Die Biologie ist eine Wissenschaft der Artefakte geworden, künstlich konstruierter Systeme, die sowohl intellektuell als auch…

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