Ausstellungen: Köln , 2005

Jürgen Raap

Dörte Wehmeyer

»Befremdend nah (Werkreihe TABU)«

Oberlandesgericht Köln, 18.10. 2005 – 31.10.2005

Das Gebäude des Kölner Oberlandesgerichts stammt aus dem Jahr 1911, und es spiegelt sehr anschaulich das Staats- und Rechtsverständnis des wilhelminischen Zeitalters wider. Den Untertanen von Wilhelm II. machte diese pompöse Architektur klar, wie sie sich vor den Schranken der richterlichen Obrigkeit zu fühlen hatten: klein und demütig. Seit einiger Zeit finden im Treppenhaus Kunstprojekte statt, doch keine der bisherigen Ausstellungen ist so explizit auf die in Teilen auch höchst unrühmliche Geschichte dieses Gebäudes eingegangen wie jüngst Dörte Wehmeyer mit einer Abfolge von Objekt-Installationen.

Verbrannte Bücher, und zwar durchweg juristische Literatur, ein gekipptes Boot, aus dem sich Glasscherben ergießen, Bleibäume, Stühle mit ausgesparten Sitzflächen und Röntgenbilder von genagelten Ästen und medizinischen Scheren thematisierten die Barbareien der Nazi-Zeit und vor allem das Versagen der Justiz. Vor 1945 wirkte eine Vielzahl an Juristen an der Entrechtung und Enteignung der Juden mit, an den schändlichen „Rassegesetzen“ und an der Willkürjustiz der „Volksgerichtshöfe“. Nach dem Kriege etablierten sie sich ungehindert wieder an den Hochschulen, in der Politik, in den Verwaltungen, Kanzleien und Gerichten. „Furchtbare Juristen sind das Ende des Rechts gewesen und haben den Beginn der Demokratie bestimmt“, resümierte der frühere Verfassungsrichter Martin Hirsch über diese Zeit der Restauration in der Nachkriegszeit.

Auf diesen wunden Punkt legte Dörte Wehmeyer den Finger mit großen Stahlplatten, in die große handgeschöpfte Papierbögen in strahlendem Weiß eingefügt sind: Eine Anspielung auf die oberflächlich betriebene „Entnazifizierung“, die es manchen Tätern erlaubte, ihre gründlich beschmutzte Weste weiß zu waschen und den „Persilschein“…

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