documenta 14 in Athen , 2017

EMST

Unerschlossenes, politisches Potential

von Sabine B. Vogel

Solche Kombinationen von älteren und eigens für die documenta entstandenen Werken sind typisch für Szymczyks Konzept – was deutlich mehr zur Verwirrung als zu einem Erwachen unseres „unerschlossenen politischen Potentials“ beiträgt, zumal die vielen Vitrinen den Ausstellungen eine museale Starre verleihen. Besonders krass wird diese Vermischung im EMST (Nationale Museum zeitgenössischer Kunst), mit 77 Künstlern der größte Ausstellungsort der documenta – und Ort eines überwältigenden, thematischen Chaos. Hier werden in einer ärgerlichen Willkürlichkeit Schlagworte wie „Gender und Genres“, „Arbeit und Liebe“, „die Bank und das Museum“ vermischt – verwirrend und qualitativ äußerst disparat. Da sortiert Hans Eijkelboom in einem Video Passanten nach den Mustern ihrer Oberbekleidung und Handtaschen. Einen Schritt weiter sehen wir in Vakuum verpackte Alltagsfragmente von Danai Anesiadou, Olu Oguibes Buchsammlung zum Thema Biafra, Lionel Wendts romantisierende Fotografien aus Sri Lanka von 1938–43. 2. Weltkrieg, Hitler, Holocaust, Golfkrieg, Arbeiterbewegung – offenbar hatte Szymczyk plötzlich Sorge, irgendein Thema zu übersehen und hat hier alles hineingestopft, was sonst keinen Platz fand: Lois Weinbergers gesammelten und in Kästen sortierten, wunderbaren „Erkundungen im Abgelebten“, Forough Farrokhzāds Film über Leprakranke, Stanley Whitneys Farbfeldmalerei, Ernest Mancobas Strichbilder aus den 1990ern, Maria Enders „Transcriptions of Sound“ von 1921 und daneben die hinter geschlossenen Wänden verborgene Performance von „Geography Athens“, von der man nur die Fußbewegungen und den Atem hört – wie findet das alles zusammen? Dazwischen immer wieder Werke mit filigranen Linien wie Maria Lais mit Fäden durchzogene Bilder von 1967 bis 2009, daneben albanische Propaganda-Malerei von Llambi Blido, Pandi…

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