Ausstellungen: Hamburg , 2017

Warten. Zwischen Macht und Möglichkeit

Hamburger Kunsthalle 17.02. –18.06.2017

von Hajo Schiff

Sogar die TV-Tagesthemen haben sich den Scherz erlaubt, mit ratlosen Sprechern und der Unterzeile „Bitte Warten“ auf diese Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle hinzuweisen. Kaum etwas ist so allgemein zugänglich, wie das Thema Warten. Die Ausstellung beginnt mit einem Warteraum, in dem die Digitaluhren verschiedene Zeiten zeigen: Wartezeit wird subjektiv empfunden. Der Inbegriff des Wartens sind Haltestellen. Die von Ursula Schulz-Dornbusch fotografierte Architektur der Haltestellen in Armenien lässt aber an erwartbaren Dingen, wie Regenschutz oder kommendes Transportmittel zweifeln. Was da in der einst sowjetischen Provinz gebaut wurde, sind eher Traumschaltstellen, metaphysische Orte für den Wechsel von Wirklichkeitsräumen, es scheinen utopische bis irre Umsteigeorte einer Reise ins Ungewisse. Was Jochen Kuhn beim Warten auf den Bus erlebte, erzählt er mit müder Stimme in seinem Zeichenfilm: Der Ludwigsburger Filmprofessor schafft es in wenigen Minuten, eine Liebesgeschichte von der ersten Überraschung über das höchste Glück, den notwendigen Verzicht darauf und die traurige Trennung bei Abfahrt des Busses zu erzählen.

In Erinnerung an Franz Kafkas Text „Vor dem Gesetz“ erhalten Andreas Gurskys frühe Fotos von Pförtnern großer Konzerne oder die von Paul Graham schon 1985 in englischen Sozialämtern heimlich abgelichteten Wartenden eine zusätzliche Bedeutung. Zeigen letztere das ermüdende Warten in den Behörden, konnten bei Rayyane Tabet die Behörden nicht warten: Das Visum des Beiruters lief noch vor Ausstellungseröffnung ab. Sein Raum mit Strichmustern an den Wänden zählt vielleicht Stunden, Tage oder Wochen. Zeit vergeht ebenfalls sehr langsam in den Fotos des Katalanen Txema Salvans, gleich ob…

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