documenta 14 in Athen · von Max Glauner · S. 224
documenta 14 in Athen , 2017

Kulturkolonialismus und Politfolklore

Die documenta 14 zeigt zu ihrer Eröffnung in Athen eine Vielzahl performativer Positionen – kaum eine löst die hehren Ansprüche ihrer Macher ein

von Max Glauner

Der Künstler Rick Lowe strahlt übers ganze Gesicht. Er empfängt jeden Gast einzeln, „good to see you!“ Der charismatische Afroamerikaner, Jahrgang 1961, hat zur Eröffnung seines „Victoria Square Project“ geladen. Im Rahmen der documenta 14 hat er mit seinen Helfern ein helles Ladengeschäft in der Nähe des Archäologischen Nationalmuseums in einen Nachbarschaftstreff umgewandelt. An einer Maschine werden jetzt bunte Überzüge für Stofftiere aber auch Pistolen gestrickt, Stifte und Papier auf einem langen Tisch fordern unter dem Motto „Mein-Victoria-Platz“ den Besucher auf, der Phantasie freien Lauf zu lassen, und Karten an der Wand informieren über die sozio-kulturelle Struktur des Viertels, während draußen Kulinarisches fürs Leibliche Wohl sorgt. Der Kneipenwirt gegenüber hat sich mit Lowe längst angefreundet und versichert, dass das „Victoria Square Project“ eine prima Sache sei. Nicht erst seit der Platz vor zwei Jahren durch ein improvisiertes Flüchtlingscamp in die Schlagzeilen geriet, habe sich viel verändert. Die Solidarität der Anwohner war damals überwältigend. Aber der spekulative Leerstand, der Wegzug Alteingesessener, wilde Mietverhältnisse in Flüchtlingsunterkünften und die gleichzeitige Gentrifizierung hatten die Nachbarschaftsgemeinschaft schon vorher unterminiert. Heute bereiten Drogendealer und minderjährige Flüchtlinge, die sich prostituieren, Sorgen im Kiez. Da sei es gut, dass Alteingesessene und Zugezogene über Lows Initiative ins Gespräch kämen. Wie das konkret zustande kommt, soll sich nach einer Orientierungsphase zeigen. Lowe will seinen 100-Tageaufenthalt in jedem Fall verlängern.

Der Künstler wurde durch sein „Project…

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