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Monografie · von Matthias Reichelt · S. 210 - 223
Monografie , 2013

Matthias Reichelt
Folke Köbberling & Martin Kaltwasser

Hold it! Recyceln als Kunst und Kritik gesellschaftlicher Verhältnisse

Die Stadt ist ein besonders umstrittener Raum, in dem unterschiedliche ökonomische Interessen aufeinanderprallen und sich soziale Widersprüche verdichtet manifestieren. Gegen den Umbau der Innenstädte im Interesse von Investoren, Bauspekulanten und Konzernen, die Privatisierung des öffentlichen Raumes und die Verteuerung von Wohnraum hat sich zu verschiedenen Zeiten Widerstand geregt. Zu nennen sind hier beispielhaft Hausbesetzungen für den Erhalt preiswerten Wohnraums und Aktionen wie „Reclaim the Street“, mit der um die Rückgewinnung des öffentlichen Raums für politische Manifestationen gekämpft wurde, anstatt die Stadt widerspruchslos zu einer Werbefläche für die Kapitalinteressen konfektionieren zu lassen. Besonders in Berlin als junger Hauptstadt findet in den Innenstadtbezirken unter dem Stichwort Gentrifizierung eine verstärkte Verdrängung von ökonomisch ärmerer Klientel statt, gegen die sich Proteste regen.

In diesem Kontext eines widerständigen Denkens ist auch die Konzeptkunst von Folke Köbberling und Martin Kaltwasser anzusiedeln. Die sporadische Zusammenarbeit begann 1998 und seit 2002 firmieren sie als Künstlerduo, das alle Arbeiten gemeinsam konzipiert. In ihren Werken nutzen sie Architektur ebenso wie die Intervention und thematisieren die Stadt, den öffentlichen Raum, Verkehr, Wohnen und die Materialökonomie. Mit ihren skulpturalen Interventionen schaffen sie eindrucksvolle Bilder, zeigen Defizite auf und leisten einen utopischen Vorgriff auf mögliche Praxen in der Zukunft, denn, wie der Politologe und Autor Raul Zelik ausführte:

„Der Kapitalismus ist sozusagen da verschwenderisch, wo er sparsam sein sollte, und er gibt sich geizig, wo wir längst im Reich der Freiheit sein könnten. Wir brauchen einen Gegenentwurf, und wir müssen überlegen, wie dieser aussehen, wie er sich entwickeln könnte. Wir müssen begreifen, dass auch nach dem Kapitalismus etwas kommt und dass es von uns abhängt, ob diese Zukunft besser oder schlechter ausfällt.“1

Beispielhaft ist ein von beiden geschildertes2 Erlebnis aus dem Jahr 1998, als das Künstlerpaar gewohnheitsgemäß mit offenen Augen durch Berlin lief, um das Mobiliar für die gemeinsame Wohnung in Kreuzberg aus möglichst kostenneutralem Material bauen zu können. Beim Besuch der ersten Berlin-Biennale in den Kunstwerken 1998 fragten sie die Security-Leute, was mit den Sperrholzplatten der temporären Ausstellungsarchitektur geschehe. „Könnt ihr alle haben!“, war die Antwort.

Die LKW-Ladung hochwertiger Holzplatten diente dem Künstlerpaar und dessen Freundeskreis dann lange als universelles Baumaterial und war vielleicht das nachhaltigste und wirkungsvollste Resultat dieser ersten Berlin-Biennale. Und es war die Initialzündung für einen Denkprozess, der zu einer künstlerischen Methodik führte, denn die mit der Berlin-Biennale gemachte Erfahrung ließ sich im Hinblick auf schnelle Produktion und deren anschließende Zerstörung und Entsorgung gerade im Bereich Kunst, Theater, Kulissen- und Messebau wiederholen. Köbberling und Kaltwasser haben den gesamten zweistöckigen Stand der Galerie Anselm Dreher auf dem Artforum 2007 aus den Resten der zuvor hier gezeigten Internationalen Funkausstellung erbaut und ihre Arbeit mit dem Akronym „ifa“ betitelt. Im Kontext der Kunstmesse sowie des auf Konzeptkunst und Minimalismus setzenden Galerieprogramms zitierte das Künstlerduo verschiedene programmatische Kunstrichtungen wie Konstruktivismus, Bauhaus und Arte Povera.

Bei verschiedenen Gelegenheiten präsentierten die Künstler das von ihnen meist vor Ort gesammelte (Rest-) Baumaterial als „Baustoffzentrum“3 oder als liebevoll gestaltete museale Materialkunde mit Legende und Angabe des Fundortes.4

Wie mit größeren industriellen Produkten umgegangen werden könnte, zeigte das Künstlerpaar 2011 mit dem Einsatz zweier ausrangierter Rolltreppen im öffentlichen Raum in einer kleinen ländlichen Gemeinde in Österreich.5 Die mit „Rolltreppe im Kinderland“ betitelte Arbeit hält den Clash von Technik und Natur in einem bizarren Bild fest.

Reparaturen wie auch Handfertigung von Objekten sind zum Luxus einer wohlhabenden Schicht geworden, während die meisten Menschen ein vergleichsweise billigeres Neuprodukt erwerben. Seit den 1970er-Jahren steht dafür der Begriff der „Wegwerfgesellschaft“, die den Geld-Waren-Geld-Kreislauf forciert. In Anbetracht der Energie- und Ressourcenverknappung ist dies ökologisch völlig kontraproduktiv. Es kommt noch ein weiteres Problem hinzu, nämlich die Verschiffung und Verklappung von Abfällen im Meer sowie die ökologische Belastung durch Transporte und „preiswerte“, meist illegale Müllentsorgung in Ländern des Trikonts. Zur Problematik der Müllproduktion und seiner anschließenden Entsorgung hatte das Künstlerduo für das Werkleitz Festival 2010 eine Intervention konzipiert, die die Bevölkerung mit dem industriell zu Kuben gepressten Müll im Stadtraum konfrontiert hätte. Unter dem Titel „Trash circulated“ wären jeden Tag an einem anderen Ort im Stadtraum die über Nacht umgesetzten Müllkuben, wie von Geisterhand gesetzt, wieder aufgetaucht. Das der Öffentlichkeit bewusst verborgene Prozedere von Müllkonfektionierung und Transport, ob auf heimische Deponien oder ins Ausland, wollte das Künstlerduo sichtbar machen, und in absurder Weise auf die Spitze treiben. Da die müllverarbeitende Firma aus Angst vor einem schädlichen Image nicht zu einer Kooperation bereit war, konnte dieses Projekt zwar nicht realisiert werden, macht aber den konsequenten Ansatz des Künstlerduos im Umgang mit Ressourcen und Abfallproduktion deutlich.6

Diese komplexe Problematik, in der sich soziale, ökonomische und ökologische Aspekte bündeln, haben Köbberling und Kaltwasser im Fokus. Ihre Arbeiten müssen deshalb auch als künstlerisch vorgetragene Kapitalismuskritik verstanden werden, da sie letztendlich das Prinzip der Maximierung der Profitrate und die daraus resultierenden Parameter des Höher, Schneller, Weiter einer auf Markt getrimmten Gesellschaft kritisieren, weil „die Globalisierung des Kapitals über alle soziale Beziehungen hinwegwalzt und die Lebensgrundlagen zerstört“.7

Köbberling und Kaltwasser setzten bei ihren unmittelbaren Lebensumständen an und hinterfragten und erweiterten sukzessive ihre Perspektive von den lokalen auf die globalen Verhältnisse. In den folgenden Jahren realisierten sie viele Projekte im In- und Ausland, als deren Ergebnis temporäre Gebäude, Stadtmöblierung und andere funktionale Objekte entstanden, deren Oberfläche und damit ihre ästhetische Erscheinung die Provenienz des Materials nicht verleugnet, sondern geradezu betont. Die Oberfläche wird nicht in industriell gewohnter Weise perfekt geglättet und homogenisiert, sondern macht das Patchwork selbst zur ästhetischen Qualität und damit sowohl Fertigungsprozess wie Materialzusammensetzung deutlich sichtbar. Neben dem ästhetischen Reiz der offenen Form, die immer etwas von dem Ergebnis des vor Ort organisierten Materials abhängig ist, ist auch ein partizipatorischer Effekt wichtig: Die Spender des Materials werden argumentativ in den Prozess eingebunden und die Realisierung der Arbeiten erfolgt oft mit örtlichen Aktivisten. Letztendlich beabsichtigt das Duo, mit der Do-it-yourself-Ästhetik ein Problembewusstsein für den Umgang mit Ressourcen und Material zu schaffen.

Architektur und Stadt

2005 realisierte ein Konsortium verschiedener Firmen das T-Com-Haus als Werbemaßnahme unter dem Motto „Wohnen in der Zukunft“ in der Mitte Berlins zwischen Friedrichstraße und Potsdamer Platz. Das bis in alle Einzelheiten mit High-Tech ausgestattete und komplett videoüberwachte Haus stand im negativen Sinne Pate für das von Köbberling und Kaltwasser im selben Jahr auf dem Parkplatz des Martin-Gropius-Baus konstruierte Haus im Rahmen der Ausstellung „Urbane Realitäten. Fokus Istanbul“.8 Im Unterschied zu der industriellen Vorfertigung der Teile des T-Com-Hauses leisteten Köbberling und Kaltwasser mit Unterstützung von Freunden Handarbeit. Ihr „Musterhaus“ fügten sie aus Sperrmüll, Fundstücken und Bauabfällen zusammen. Am Ende stand das Gebäude im Maßstab des T-Com-Hauses und diente als sommerlicher Ort für Debatten über Stadtpolitik und informelles Handeln. Denn die Politik des Do-it-yourself bestimmt zu einem beachtlichen Teil die allnächtliche Stadterweiterung Istanbuls ebenso wie in anderen rasant wachsenden Metropolen im osteuropäischen, asiatischen und afrikanischen Raum.

Istanbuls Bevölkerung wuchs von 1 Million in den 1950er-Jahren auf heute ca. 13,2 Millionen an. Seit den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts zog es viele Menschen auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben nach Istanbul, das jedoch keinen bezahlbaren Wohnraum bot. Die Familien nahmen sich das brachliegende Land und errichteten ihre Hütten, sogenannte Gecekondus, was soviel wie „über Nacht gesetzt“ bedeutet. Bis zu 200 dieser Hütten entstanden in manchen Nächten. Sie durften nicht mehr abgerissen werden und wurden später mittels einer tapu (Grundbucheintragung) legalisiert. Der Staat duldete diese „nach formalem Recht illegale Aneignung öffentlichen Bodens, da er auf diese Weise Kosten für Infrastrukturen und Wohnungsbau sparen konnte …“.9 Mit ihrem „Hausbau“, einer über Nacht im August 2004 südlich der Berliner Trabantensiedlung Gropiusstadt erbauten Holzhütte, sowie einer ganzen „Experimentalsiedlung“ mit Studenten der TU Berlin ein Jahr später am selben Ort, intendierten sie ein Nachdenken über Ressourcen und bürgernahe Stadtplanung. 2005 ließ sich der von Köbberling und Kaltwasser organisierte „Bautrupp“ aus Architekten und Stadtplanern Zeit und bot der Bevölkerung der Gropiusstadt die Chance, ihnen dabei über die Schultern zu schauen. Nach Fertigstellung der temporären Siedlung fanden Veranstaltungen im Rahmen der „1. Internationalen Woche für informelles Bauen“ statt, wo das Projekt den Anwohnern und anderen Interessierten erläutert wurde, um einen Denkprozess über den öffentlichen Raum, Selbstorganisation und die „Kultur des Bastelns“ anzuregen.

Mit ähnlich temporären Gebäuden für diverse Funktionen im öffentlichen Stadtraum setzten Köbberling und Kaltwasser auch architektonisch Kontrapunkte als Kritik an einer Stadtpolitik, die von Bürgern kaum nutzbare Plätze und Areale schafft, die eher abstoßend wirken und sich zu No-Go-Arealen entwickeln. Das ist in München mit dem St.-Quirin-Platz der Fall, dessen Unwirtlichkeit vor allem durch das als Parkplatz benutzte Brachgelände, einen Autobahnzubringer mit dem damit verbundenen Lärmpegel bestimmt ist. Genau dort installierten Köbberling und Kaltwasser 2006 aus Fundhölzern und Holzresten von Münchener Baustellen die „Fliegenden Bauten“, eine Gruppe von vier Pavillons im Ausmaß von jeweils 5 x 3 x 3 Metern. Die Pavillons waren Teil der Ausstellung „Ortstermine 06 – Gefährliche Kreuzungen. Grammatik der Toleranz“10 und wurden für Veranstaltungen und Filmprogramme zu Rassismus, Migration und Stadtpolitik genutzt.

Auf Einladung der Shedhalle in Zürich zur Ausstellung „Work to do – Selbstorganisation in prekären Arbeitsbedingungen“ konzipierte das Duo 2007 inmitten eines Innenstadtareals mit geringer Altbausubstanz, auf dem Werdplatz, unweit der Zürcher Börse, ein Gebäude aus gefundenem Baumaterial und Holzresten. Das „Werdplatzpalais“ wurde für den Zeitraum des Projektes als Vortragssaal, Kino und Galerie genutzt. Der deutliche Kontrast schon in der Farbe der einzelnen Holzplatten wie auch des ausladenden Vordachs machten den Pavillon trotz seiner im Vergleich zu den umgebenden Bauten geringen Ausmaße von 6 x 12 x 3,90 m zu einem optisch markanten Punkt.

Im Rahmen des London Festival of Architecture 2010 entwickelte das Duo ein temporäres Theater im Auftrag der „Red Room Theatre Company“11und setzte den Bau gemeinsam mit ca. 100 freiwilligen Helfern auf dem Freigelände einer innerstädtischen Londoner Schule im Distrikt Southwark um. Dieses erste komplett aus Theaterkulissenresten, Baumaterialabfällen und Paletten vom New Covent Garden Market gefertigte Londoner Theater wurde im „Guardian“ als junkitecture (Kombination von junk = Abfall und architecture) hymnisch ob seiner Sparsamkeit bei der Errichtung, seiner architektonischen Qualität und Effektivität gefeiert und mit dem „Architects’ Journal Small Projects Award 2011“ ausgezeichnet. Wie ein gestrandetes Raumschiff besetzte das Jellyfish Theatre höchst renditeträchtigen Londoner Boden. Die Namensreferenz, kongruent mit der baulichen Erscheinung, war die Würfelqualle, Chironex Fleckeri, das giftigste Tier der Welt, aber zugleich eines der schönsten. Sie spielt auf die freie Form der Architektur an, auf ihre Fragilität und die ideelle, politische Brisanz, solch eine mit primitivsten Mitteln und der Mithilfe von Londoner Bürgern erbaute Architektur der herrschenden Geldideologie gegenüberzustellen.

Wie ausrangierte, aber aufgrund der hohen Energiekosten sowie der verwandten Ressourcen ökologisch „teure“ Plastikbecher nutzbar sind, zeigten Köbberling und Kaltwasser 2011 mit ihrer Arbeit „Event“ im Berliner Haus der Kulturen der Welt.12 Die 32.000 bei Stadtmarathon- Veranstaltungen gesammelten Becher wurden jeweils halbiert und zu einem funktionalen Welldach montiert, das mit 140 qm Fläche die Besucherterrasse des Hauses überspannte.

Die Überwachung des öffentlichen Raums in Großstädten hat das Duo am Beispiel Nottinghams thematisiert. Dort, wie in den meisten Städten Großbritanniens, sind die Innenstädte nahezu flächendeckend videoüberwacht. Als ironisches Aperçu demonstrierte das Künstlerduo die Sicherheitslücke im Orwellschen Kontrollsystem und markierte 2009 mit „Blind Spot“ die toten Winkel der Videoüberwachung in Nottingham13 und erinnerte die Bevölkerung daran, dass kein Schritt im öffentlichen Raum unbeobachtet ist.

Einen archäologischen Ansatz zu Stadt und ihrer Geschichte verfolgten Köbberling und Kaltwasser 2007 auf dem als „Skulpturenpark“ firmierenden Brachgelände, im ehemaligen Mauerareal Berlins zwischen Kreuzberg und Mitte gelegen. Auf diesem Gelände, eine der wenigen letzten Reminiszenzen des Kalten Krieges, hoben sie an mehreren Stellen das Erdreich aus und legten Reste alter Gebäude der Vorkriegszeit frei. Mit Holzstegen nebst Balustraden und Treppen hinab in die freigelegten Ruinen ermöglichten sie den Besuchern ein Entdecken der jüngsten historischen Schichtungen im Boden und der imposanten Leistung einer sich selbst überlassenen Vegetation, die mit einer großen Pflanzenvielfalt alles zu ihrem Nährboden macht. In einer 180-Grad-Wende war die „Turn it one more time“ genannte Arbeit auch eine Referenz an die zur Mauerzeit auf Westberliner Seite installierten Aussichtsplattformen mit Blick auf Ostberlin.

Vancouver war 2010 der Austragungsort der Winterolympiade sowie der Paralympics. Die Böden der Unterkünfte des eigens dafür erbauten Olympischen Dorfes waren während der Olympiade mit speziellen ökologisch verträglichen Microstrand-Wheat Panels (Weizenstroh-Pressspanplatten) geschützt, die anschließend entsorgt wurden, um die Appartements zu veräußern. Auf einem benachbarten Industriegelände befand sich eine der letzten Brachen mit entsprechendem Wildwuchs in der ansonsten luxuriös zugebauten Innenstadt. Während eines Stipendiums des „Canada Council“ bauten die Künstler mit den Wheat Panels einen gigantischen Bulldozer detailgetreu als Negativsymbol für die sogenannte „Top-Down-Urbanisierung“ nach. Der Begriff bezeichnet die Durchsetzung von urbanen Großereignissen ohne demokratische Entscheidungsfindung, ungeachtet von Bürgerinteressen, was auch in der „Golden City“ Vancouver der Fall war. Der konzeptuell beabsichtigte Prozess der sukzessiven Verwitterung und des Verfalls des Bulldozers bietet dem natürlichen Wildwuchs neuen Nährboden. Die Konversion eines Symbols für den Abraum zum Ort neuer Vegetation ist die von den Künstlern geplante Ironie der Geschichte.

Verkehr und Mobilität

Es liegt nahe, dass sich Köbberling und Kaltwasser aufgrund ihrer künstlerischen Fokussierung auf Ressourcenpolitik und den städtischen Raum auch dem Themenkomplex Verkehr, Mobilität und CO2-Emission annehmen. Zusammen mit Antje Grabenhorst, einer Politikaktivistin, gründeten sie ein Unternehmen für den privaten Emissionshandel14, das die Unterlassung luftverschmutzender Mobilität mit der dadurch möglichen Existenzsicherung verband. Ihr Pilotprojekt „Private Emissiontrade“ teilt „jedem Einwohner der BRD private Emissionsrechte zu, die zu einem Festpreis verkauft werden können. Wer z.B. weder fliegt noch Auto fährt, kann durch den Verkauf seiner Verschmutzungsrechte ein monatliches Einkommen von 1.500 € erzielen. Öffentliche Aktionen, ein Videofilm und ein Ausstellungsbeitrag thematisieren die Zusammenhänge zwischen Einkommen, Arbeit, Nichtarbeit und Luftverschmutzung“.15

Die Verursacher nahmen die beiden Künstler in mehreren Arbeiten und Interventionen im öffentlichen Raum ins Visier. Am Beispiel eines vollkommen aus Abfallholz erbauten Prototyps des von Porsche konzipierten Cayenne zeigte das Duo überzeugend, dass die Konstruktion des Sport Utility Vehicle (SUV) auf Panzer und Amphibienfahrzeugen aus dem Militärbereich basiert. Die Jeep-ähnliche Karosserie ist höher und breiter als bei herkömmlichen Autos und in der Regel mit einer recht luxuriösen Innenausstattung versehen. Der Motor ist stärker und seine Emissionen sind höher. Interessanterweise nimmt die Begeisterung für diese Fahrzeuge in dem Maße zu, wie die Erkenntnisse über die umweltschädlichen Auswirkungen von Verkehr stärkere Verbreitung finden und die Kommunen versuchen, die Verkehrsdichte in den Städten zu Gunsten des öffentlichen Personennahverkehrs zu reduzieren. Mit den SUVs demonstrieren die (Neu)Reichen ihre gesellschaftliche Stellung und Macht in der Öffentlichkeit. Sie blicken aus den höher liegenden Innenräumen durch meist verdunkelte Scheiben auf die anderen Verkehrsteilnehmer herab. Porsche Cayenne, und vor allem der martialisch wirkende Hummer, treiben die Militarisierung des Verkehrs voran. Die frontale Karambolage von zwei Porsche Cayennes baute das Künstlerduo aus Abfallholz frappierend detailgetreu nach. Diese „Crushed Cayenne“ wurden bei manchen Präsentationen noch mit Staumeldungen unterlegt und machten die Absurdität einer vor allem auf Individualverkehr setzenden Politik deutlich.16

Im dicht besiedelten Berliner Bezirk Neukölln platzierten die Künstler im Dezember 200817 auf dem als Parkraum nutzbaren Mittelstreifen der zentralen Karl-Marx-Straße eine um 20 % größere Version des Audi Q7 aus weißem Holz. Seiner Größe entsprechend belegte er – um nicht in die Fahrbahn hineinzuragen – gleich mehrere Parkplätze und blieb vier Wochen der nasskalten Witterung ausgesetzt. Der von den Künstlern intendierte Verfall als Zeichen einer Verkehrspolitik auf Abwegen wurde im Titel „White Trash“ antizipiert. Allein, die Anwohner – ganz im Bann des Fetisch Q7 – durchkreuzten den Plan der Künstler und pflegten und behüteten die Skulptur.

Während eines Stipendiums der Chinati Foundation 2010 in Marfa, Texas, wurde das Künstlerpaar mit seinen zwei Kindern mit dem äußerst unzulänglichen öffentlichen Personennah- und -fernverkehr konfrontiert. Durch Marfa führen die Gleise, auf denen täglich Viehtransporte auf der West-Ost-Achse passieren und alle zwei Tage der „Sunset Limited“ mit seinen Schlaf- und Panoramawagen verkehrt. Schon lange hält aber in Marfa keiner der Züge mehr. Mit ihrem Bau eines Bahnhofswarteraums mit großer Sitzbank aus alten Transportkisten für Donald Judds Arbeiten übten sie einerseits Kritik an der Verkehrspolitik und antizipierten eine mögliche Renaissance der Eisenbahn aufgrund der Energieverknappung. Bei dem Projekt „Ausgang City/Aufgang Nord“ 2010 in Saarbrücken18 gestaltete das Künstlerduo unter dem Titel „Mobile Kälte“ die eher abweisenden Wartezonen der Deutschen Bahn AG im Bahnhofsbereich Saarbrückens um. Dazu bauten sie Modelle bequemer Sitzbänke aus traditionsreichen Bahnhöfen in Barcelona, Riga und Los Angeles nach, deren Wartebereiche angenehmere Orte sind als die, die die Deutsche Bahn ihren Kunden anbietet.

Bei mehreren Gelegenheiten demonstrierten die Künstler – meist in Workshops – die Möglichkeit der Konversion von Kraftfahrzeugen zu Fahrrädern unter dem Motto „Cars into Bicycles“19 und inszenierten spielerische Events in der Form von TV-Kochkunst-Shows (eine ironische Referenz an die 1960er-Jahre der TV-Kultur), um das umfassende Nachdenken über Mobilität, Verkehr, Ökologie, Sparsamkeit und soziale Gesichtspunkte zu befördern. Dort stellten lokale Stadttheoretiker und Aktivisten ihre Ideen vor.20 Mit dieser Art von TV-Kochstudio hatte das Künstlerpaar bereits in seinen Anfängen, 1999 in seinem Kreuzberger Studio, mit Besuchern experimentiert. Die frontale Bühnensituation bot die Chance, eigene Arbeiten zu Gesellschaft, Politik und Stadtraum im Konzeptstadium vorzustellen und andere Künstler und Aktivisten zu Vorträgen einzuladen und anschließend mit dem Publikum in einen Dialog zu treten.21

Mit dem konzipierten „Fahrradbahnkreuz“ würdigt das Künstlerduo die architektonische Leistung der Planer und führt sie angesichts der ökologischen Situation einer zeitgemäßeren Nutzung zu. Auch die in Großbritannien 2011 realisierte Arbeit „Finish/Goal“ unterstreicht die Notwendigkeit eines Umdenkens in der Verkehrspolitik. Dies geschieht jedoch nicht als moralisierender Appell, sondern mit einer Aufwertung der alltäglichen Fahrradpraxis als sportive Handlung. Der Fahrradweg durchs Olympiagelände endet in einem Zieltor ähnlich der Tour de France.

Informeller Tauschmarkt, Aushebeln der Geldökonomie

Kommunitäre und sozialpolitische Aspekte im Werk von Folke Köbberling und Martin Kaltwasser gibt es zuhauf. Parallel zu einer Produktionsreihe der Volksbühne in Berlin22, die sich mit den Überlebensstrategien und den informellen Praxen in den vom globalen Kapitalismus gebeutelten Städten befasste, installierte das Duo zusammen mit Claudia Burbaum 2003 die „Selbstbedienungszentrale“. Nach der Theorie und der Beschreibung ferner Phänomene wurde der benachbarte gläserne Pavillon an der Volksbühne zur stark frequentierten Schnittstelle zwischen Anbietern und Suchenden aller möglichen Gegenstände und Leistungen. Die Bedingung für eine Vermittlung: alles musste kostenlos abgegeben werden. Das Prinzip Angebot und Nachfrage war hier befreit von den Verwertungsgesetzen des Systems. Die Grundbedingung der Warenzirkulation, die Realisierung von Mehrwert, der Tausch von Ware gegen Äquivalent in Form von Geld oder Dienstleistung wurde für drei Wochen erfolgreich ausgehebelt.

Anmerkungen
1 Raul Zelik in einem Interview „Utopie ist realistisch“ im Blog „Hyperbaustelle“: http://www.bundesquadratur.de/u-blog/2009/11/15/utopie-ist-realistisch/
2 Folke Köbberling & Martin Kaltwasser: Ressource Stadt. City as a Resource. One Man’s Trash is Another Man’s Treasure. Berlin: jovis 2006, S. 7.
3 Im Rahmen des Projektes: Work to do! Selbstorganisation in prekären Arbeitsbedingungen, 2007 in der Shedhalle, Zürich; http://archiv.shedhalle.ch/dt/archiv/2008/programm/thematische_reihe/konzept/index.shtml
4 Galerie Anselm Dreher, Berlin 2007.
5 Kunstprojekt im öffentlichen Raum der Niederösterreichischen Landesregierung: http://www.publicart.at/home.php?pnr=749&il=12&l=deu
6 Werkleitz Festival 2010, konzipiert und organisiert unter dem Titel „Angst hat große Augen“ von Daniel Lehmann und der KUNSTrePUBLIK: http://www.angsthatgrosseaugen.de/
7 Robert Kurz: Blutige Vernunft. Essays zur emanzipatorischen Kritik der kapitalistischen Moderne und ihrer westlichen Werte. Bad Honnef: Horlemann 2004, S. 9.
8 Von Christoph Tannert für die Künstlerhaus Bethanien AG konzipiert und im Martin-Gropius-Bau 2005 realisiert.
9 Stephan Lanz: Stadtentwicklung durch Self-Service: Das Modell Istanbul. In: Köbberling & Kaltwasser: Ressource Stadt. a.a.O., S. 34.
10 Konzipiert und organisiert von Farida Heuck, Ralf Homann und Pia Lanzinger für „Ortstermine“, einem Kunst-im-öffentlichen-Raum-Programm des Münchener Kulturreferats.
http://www.ortstermine-muenchen.de/archiv/download/2006/ToleranzProgramm_scr2.pdf
11 „The Red Room seeks to free the imagination from the status quo. We aim to create theatre, film, debates, forums, and web-based events that challenge social injustice and promote human rights. We aim to create work that is original, daring, provocative and inspiring, for audiences who question the changing world.” Siehe: http://www.theredroom.org.uk/
12 Festival „Über Lebenskunst“ vom 17.–21.8.2011 im HdKW und im Stadtraum.
13 „Radiator Festival“, Nottingham 2009: Exploits in the Wireless City.
14 Vorgestellt bei der Ausstellung „unvermittelt – Kampagne für einen Arbeitsbegriff jenseits von Überarbeitung und Mangel“ in der NGBK, Berlin 2008.
15 http://zope2.in-berlin.de/wsb/unvermittelt/intern/alle-projektbeteiligten/private-emissiontrade/private-emissiontrade-2/
16 Z.B. in der Lothringer 13/Laden, München, 15.2.–29.3.2008.
17 Im Rahmen des von Birgit Anna Schumacher und Uwe Jonas konzipierten und organisierten Projektes „space – thinks“, das von April bis Dezember 2008 in Berlin-Neukölln stattfand.
18 Ein 2010 von Kai Bauer kuratiertes Projekt mit temporären künstlerischen Interventionen im öffentlichen Raum Saarbrückens. Siehe http://ausgangcity.wordpress.com
19 Z.B. 2008 beim Steirischen Herbst und 2010 bei einem Projekt der University of California, Riverside in Los Angeles.
20 Zuletzt am 1./2. Juni 2011 im Hauptbahnhof von Toronto auf Einladung des Goethe-Instituts in Toronto.
21 „Concrete Cuisine – Studio for Metropolitan Cooking“, vorgeführt u.a. bei den Offenen Ateliers O-Straße, organisiert von NGBK u.a. 1999.
22 „7 Islands and a Metro“ und „Self-Service-City“ in der Volksbühne, Berlin 2003.
Folke Köbberling

geboren 1969 in Kassel. 1990–1995 Studium der Bildenden Kunst, Kunsthochschule Kassel. 1994–1995 Emily Carr Institute of Art & Design, Vancouver.

Martin Kaltwasser

geboren 1965 in Münster. 1985–1988 Studium der Bildenden Kunst, Akademie der bildenden Künste Nürnberg. 1989–1997 Studium der Architektur, Technische Universität Berlin.

Einzelausstellungen und Projekte im öffentlichen Raum (Auswahl)

2012: Our CenturY, Ruhrtriennale, Jahrhunderthalle, Bochum; Zoma Residence, Zoma Contemporary Art Center, Harla (Äthiopien). 2011: bottom up, Galerie für Gegenwartskunst, Bremen; Postautomobilzeitalter, Jack Hanley Gallery, New York (USA); White Trash #5, Zabriski Point, Genf (CH); Transit Kitchen, Union Station/Toronto, Conference Hall/Montreal (CDN). 2010: Stop, Locker Plant, Chinati Foundation, Marfa (USA); The Games are open, Project for Southeast False Creek, Vancouver (CDN); Jellyfish Theatre, Oikos Theatre Festival, London; Cars Into Bicycles, Bergamot Station, Santa Monica (USA). 2009: Platforms, Ujadowski Castle, Warschau (PL), Fermata, Villa Serpentara, Olevano Romano (ITA); Stau, Galerie Anselm Dreher, Berlin. 2008: Rasender Stillstand, Lothringer 13, München; Amphis, Wysing Arts Centre, Cambridge (GB); SUV, Simultanhalle, Köln; 2007: Baustoffzentrum, Shedhalle, Zürich (CH) ifa, Galerie Anselm Dreher, Art Forum Berlin; Schaulager, Galerie Anselm Dreher, Berlin; Turn It One More Time, Skulpturenpark Mitte, Berlin; Tropical Forest, Gallery AK 28 Stockholm (SWE);

Gruppenausstellungen (Auswahl)

2012: Car Culture – das Auto als Skulptur, Lentos Museum,Linz (AU); Labor, OK Centrum für Gegenwartskunst, Linz (A); Regionale 2012, Murau (A); Fahrradbahnkreuz, Raumsichten, Nordhorn. 2011: Tracing Mobility, Haus der Kulturen der Welt, Berlin; Mobilisieren, Städtische Galerie Nordhorn; Festival Überlebenskunst, Haus der Kulturen der Welt, Berlin; Car Culture, ZKM Karlsruhe. 2010: Maison Folie Wazemmes, Lille (F); Angst hat große Augen, Werkleitz Festival, Halle; Zur Nachahmung empfohlen, Berlin; Poznan Biennale, Poznan (PL); 2009: São Paulo Biennale of Architecture (BRA); Crash Crush/Wrijving geeft warmte, TAG, The Hague (NL); Internationales Sommerfestival Kampnagel, Hamburg); Pittoresk, Marta Herford; Come in friends, the house will be yours, Badischer Kunstverein, Karlsruhe. 2008: Steirischer Herbst 08, Graz (A); Was ist ein Platz? Wiener Neustadt (A) Land Wars, Te Tuhi Centre for the Arts, Aotearoa (NZL); unvermittelt, NGBK, Berlin. 2007: Die Stadt von morgen, Akademie der Künste, Berlin; Work to do_ n° 2, Shedhalle, Zürich (CH); Parcella, Impex Contemporary Art Provider, Budapest (HU) Talking Cities – Micropolitics of Urban Space, Kokerei Zollverein, Essen; Ortstermine 06: Gefährliche Kreuzungen, München; ORT-ung, Galerie 5020, Salzburg (A); Fokus Istanbul: urbane Realitäten, Martin-Gropius-Bau, Berlin; Industriestadtfuturismus, Kunstverein Wolfsburg; 2004: Fast Um$onst, Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin , Flexibilität, Kunstverein Wolfsburg; Tourist City, Künstlerhaus Bremen; 2003: take off 2, Forum Stadtpark, Graz (A); Learning from*, NGBK , Berlin/ Kunsthalle Exnergasse, Wien(A)

www.koebberlingkaltwasser.de

von Matthias Reichelt

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