Magazin: Symposien & Kongresse · von Ingo Arend · S. 465
Magazin: Symposien & Kongresse , 1996

Ingo Arend

Götterdämmerung der Erinnerung?

Mnemosyne. Ein Symposium zu Kunst und Gedächtnis in der Bonner Bundeskunsthalle

Zu den Aporien nicht nur dieses runden Erinnerungsjahres gehört der rituelle, meist folgenlose Appell an die Erinnerung. Die gemeinsame Anrufung ihrer Göttin: „Sprich, Mnemosyne“ auf einem Symposion der Bonner Bundeskunsthalle Ende September kann man als weiteres Symptom für die Hilflosigkeit auf hohem Niveau werten, die sich angesichts unserer umbrechenden Erinnerungskultur ausbreitet. Ist gegen die Tatsache, wie sie in Archiven und Museen zu verstummen beginnt und so skrupellos wie die offizielle Erinnerungspolitik des Bundeskanzlers das bewußt unscharf geplante Erinnerungsbild an der Berliner Neuen Wache ins öffentliche Erinnerungsbewußtsein implantierte, irgendein Erinnerungskraut gewachsen. Der Versuch einer letzten Rettung der Erinnerung durch die Kunst mutet nur auf den ersten Blick merkwürdig an. Auch wenn sich der vielerorts beklagte Verlust einer lebendigen Erinnerungskultur gewiß nicht mit den Rollen wiederbeleben läßt, die der türkisch-französische Künstler Sarkis afrikanischen Kultfiguren von der Insel Réunion in der Bundeskunsthalle unter die Füße gebunden hat, um sie aus ihrer Enteignung zur exotischen Skulptur durch die Kolonialmacht Frankreich zu befreien.

Doch wer könnte die Titanin Mnemosyne besser zum Sprechen bringen als ihre Musenkinder, die die Tochter von Ge und Uranos, von Himmel und Erde nach neun Tagen Beischlaf mit Zeus gebar. Nicht nur nach der mythologischen Familiengeschichte gehören Kunst und Gedächtnis enger zusammen, als das papierene Archivgeraschel vermuten läßt, das man beim Stichwort Gedächtnis normalerweise assoziiert. Es war zwar nicht gerade eine neue Erkenntnis, daß unser visuelles kollektives Gedächtnis zu einem großen Teil auf der Erinnerung beruht, die im Film…

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