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Ausstellungen: Hamburg · von Rosa Windt · S. 540 - 543
Ausstellungen: Hamburg , 2017

Hanne Darboven 

Gepackte Zeit
Sammlung Falckenberg 25.02. – 03.09.2017
von Rosa Windt

In Kooperation mit der Hanne Darboven Stiftung zeigt die Sammlung Falckenberg gegenwärtig bereits zum zweiten Mal eine umfangreiche Ausstellung mit Werken von Hanne Darboven. Die Ausstellung „Gepackte Zeit“ erhebt den Anspruch einer werkprozessualen Herangehensweise und liefert teils Einblicke von der Werkfindung bis hin zu raumgreifenden Werkkomplexen, die im Ausstellungsraum mit verschiedenen Exponaten aus dem Archiv der Sammlung Falckenberg, der Hanne Darboven Stiftung sowie mit Leihgaben aus der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen und der Sammlung Viehof kontextualisiert werden. Dabei sollen die Aspekte „langjährige (Künstler-) Freundschaft“, „Kunstgeschichte“ sowie „assoziative Verbindungen“ grobe konzeptuelle Klammern liefern und ordnen den Arbeiten Darbovens u. a. solche von Ed Ruscha, Sol LeWitt, John Baldessari, Lawrence Weiner oder Carl Andre zu. Im Erdgeschoss wird Darbovens frühe Arbeit „Ohne Titel (Frühe Konstruktionen, Berechnungen, Drehungen (5))“, (1966 – 1969) Ed Ruschas fotografischer Serie „Parking Lots“, (1967/99) gegenübergestellt. Die Arbeiten sind unabhängig voneinander entstanden, zeugen jedoch von formaler Ähnlichkeit: Ruschas s/w Fotografien bilden zur frühen Morgenstunde aus einem Helikopter aufgenommene leerstehende Parkplatzareale ab. In der Aufsicht verliert sich die ursprüngliche Funktion der Parkbuchtmarkierungen in einer grafischen Struktur, die sich in Darbovens Zeichnung wiederfinden lässt. Sie ist Teil einer ersten großen Serie von sogenannten Konstruktionszeichnungen, die Darboven während ihrer New Yorker Zeit anfertigte. Auf kariertem, weißem oder mit Millimetereinheiten versehenem Papier operieren sie mit algebraischen und geometrischen Handlungen, wie der Multiplikation, Spiegelung, Umkehrung oder Rotation und teilweise suggerieren kleine Richtungspfeile und Notizen am Rand der Zeichnungen ein Repetieren der zeichnerischen Operationen. Zunehmend verzichtete Darboven auf die zeichnerische Ausführung von abstrakten und numerischen Relationen und übertrug diese – in Verknüpfung mit persönlichen, politischen, geschichtlichen Ereignissen – in eine komplexes Zahlensystem. In einem formal exakt bestimmten Rahmen wird eine Methode der Katalogisierung entwickelt, die es der Künstlerin erlaubte, vielschichtige Zusammenhänge sinnlich erfahrbar zu machen und partiell zu visualisieren. In diesem Kontext zählt das Werk „Kinder dieser Welt“, (1990 – 1996) zu Darbovens materialschwersten Arbeiten und versammelt im gesamten ersten Obergeschoß der Ausstellungsfläche diverse gesammelte Spielzeuge, Puppen und Spieluhren, sowie 224 Bücher, 114 Packpapiertafeln, 2134 Blatt Blechbläsertrio […], 286 verschiedene Blatt Notenpartitur und 63 Blatt Index. Die Arbeit entstand als Reaktion auf den Fall der Berliner Mauer und das Ende des Kalten Krieges und wurde in der Imagination einer „kosmopolitischen Kinderwelt“ von der Künstlerin als Sinnbild für einen optimistischen Neubeginn artikuliert. Die ausgestellten Puppen, Kinderbücher und Spielzeuge, die sich dem Rezipienten vor einer Vielzahl von Papier und Büchern zunächst unmittelbar vermitteln, weisen dabei teils erhebliche Gebrauchsspuren auf und erwecken den Eindruck morbider Verlassenheit. Sie scheinen ihrem einst belebten Kontext entrissen und, auf Miniatursesseln und -sofas drapiert oder in Vitrinen hinter Glas verschlossen, wie gespenstische Karikaturen. Kindheit und Erziehung waren für Hanne Darboven zentrale Themen und finden sich bereits in der Arbeit „Welttheater ›79‹“, (1979) und deren Weiterentwicklung „Welttheater ›93‹“, (1993) wieder. Für „Welttheater ›79‹“ wurden auf insgesamt 356 Tafeln 134 populäre Blechsammelfiguren (für Kinder) systematisch aus verschiedenen Positionen abgelichtet und als Reproduktionen in ein fortlaufendes grafisches Szenario integriert. Klaus Honnef fasst für diese Arbeit bereits 1997 zusammen: „Hanne Darboven öffnet […] den Blick der Betrachter. Sie benennt die elementaren Dinge, die von den aufgeregten Massenmedien unterschlagen werden. Gegen deren effektvoll inszeniertes Welttheater meldet sich hier ein künstlerischer Protest.“ In dieser Hinsicht lässt sich auch die Arbeit „Kinder dieser Welt“ als gesellschaftlicher Gegenentwurf verstehen.

Neben monumental anmutenden Arbeiten wie „Welttheater ›79‹/›93‹“, und „Kinder dieser Welt“ zeigt die Ausstellung „Gepackte Zeit“ eine Reihe von für Darbovens Werk ikonischen handgeschriebenen Taschenkalendern, Tagebüchern und Briefen, die von einem intimen, teils autobiografischen Eindruck zeugen. Auch die Arbeit „Milieu ›80‹: Heute“, (1979 – 1980), versehen mit Innenansichten des ehemaligen Ateliers und Wohnhauses der Künstlerin in Hamburg-Harburg, liefert in Gegenüberstellung mit der Arbeit „Ansichten ›85‹, Index“, (1985) private Sequenzen. Der Ausstellungstitel soll dergestalt auf Darbovens wiederkehrende Methode verweisen, gesellschaftliche, politische wie stets eng damit verwobene private Ereignisse akribisch zu untersuchen, zu „beschreiben“ und „festzuhalten«. Die Werke eint dabei eine Obsession, die alltägliches Arbeiten und Leben zum künstlerischen Material erhebt und, wie Darboven selbst erklärte, den Künstler zum alleinigen Arbeiter seiner Sache macht: „Ich habe viel gearbeitet. Aus dieser Sicht gesehen möchte ich den Erfolg, den meine Arbeiten haben, nicht verneinen. Denn ich habe ein gutes Gewissen; ich habe meine Tausende von Zetteln geschrieben. Im Sinne dieser Verantwortung – Arbeit, Gewissen, Pflichterfüllung – bin ich kein schlechterer Arbeiter als jemand, der eine Straße gebaut hat.“