Ausstellungen: Recklinghausen · von Claudia Posca · S. 336
Ausstellungen: Recklinghausen , 2011

Claudia Posca

Hartmut Neumann

»Von Affen und anderen Menschen«

Kutscherhaus Recklinghausen, 3.4. – 15.5.2011

Kunstreisende sind Genießer. Einmal mehr, wenn dem Ausstellungsort – noch vor aller Besichtigung dortiger Kunst – ein besinnlicher genius loci einwohnt. So, wie dem einstigen Kutscherhaus in Recklinghausen unweit der noch bis Ende 2011 im Umbau befindlichen Kunsthalle. In frühlingslauer Luft ist die Dependance nicht nur dem Ruhrpott-Fan ein kleines Idyll mit Rosenspalier, Springbrunnen und Vogelgezwischer unterm Schattenspiel alter Bäume.

Was Wunder, dass dieser verwunschne Fleck wie gemacht für Hartmut Neumann erscheint, einem Künstler, dessen nicht ganz so friedfertiges Werk kontinuierlich die Themen- und Motivpalette zwischen Flora und Fauna, Tieren, Licht und Nacht, Natur und Künstlichkeit von der natura naturans bis hin zur natura naturata in Bildwelten packt, so packend, dass die Gegenwartskunst ohne diese biestig-schönen Artefakte immens ärmer wäre. Denn wer schon kümmert sich im aktuellen Kunstgeschehen ums Update von Stillleben, Tier- und Pflanzenwelt? Zu schnell ist der Verdacht zur Hand weltfremd, gar anachronistisch bildnerische Tradition und/oder Kunstgeschichtsjuwelen zu zitieren.

Der 1954 in Delmenhorst geborene Maler, Zeichner, Buchgestalter, Linolschneider und Fotograf Hartmut Neumann scheut diese Reibung nicht. Collagierend, konzeptuierend, konstruierend und dabei den Binnenraum von Natur, Gegenständlichkeit und Artefakt unter Aussparung von Figürlichkeit umfänglich nutzend, macht seine Kunst Eignes draus. Sinnlich opulent schärft sie im Zugriff auf entlarvende Entfremdungs- und Ironisierungsstrategien beim Blick auf eine erste (ursprüngliche) und auf eine zweite (gefilterte) Natur die Wahr-Nehmung einer entzauberten Welt, von der man weiß, dass nur mehr punktuell der zunehmend flüchtigen Sehnsucht nach Ursprünglichkeit ein tatsächliches Erleben beschieden ist, wie es der tschechische Schriftsteller Milan Kundera exemplarisch pointiert, wenn er schreibt: „Hunde sind unsere Verbindung zum Paradies. Sie kennen nichts Böses oder Neid oder Unzufriedenheit. Mit einem Hund an einem herrlichen Nachmittag an einem Hang zu sitzen, kommt dem Garten Eden gleich, wo Nichtstun nicht Langeweile war – sondern Frieden.“

Meist weit entfernt davon sind Arbeit und Leben. Und so bekümmert sich Hartmut Neumanns bildnerisches Tun im Wissen um den drohenden Verlust kreatürlicher Empathie medial umfassend ums Naturkundliche im weitesten Sinne, dabei souverän Tradition und Moderne, Vorbild und Inszenierung, Ornament und Konzept als knisternde Kunstgeschichte mit Sympathie für das Rohe und das Naive, für das Grotesk-Ätzende, Schräge und Outsiderartige fortschreibend.

Infolgedessen gerät die im Kutscherhaus Recklinghausen präsentierte Hartmut-Neumann-Schau zum kleinen feinen Event, – dazu noch zunächst gar nicht geplant, dann aber mit Verve angegangen, weil die Räume des ansässigen Kunstvereins unerwartet unbespielt die vorübergehend raumlose Kunsthalle lockten, ihrem ehemaligen „junger westen“-Preisträger (1983) und heutigem Professor an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig ein spontanes Ausstellungsangebot zu offerieren. Rundum Gelungenes kam dabei heraus, bestens zeigend, dass es nicht immer Riesenausstellungen sein müssen, um nachhaltig zu wirken.

Tatsächlich beginnt die „Von Affen und anderen Tieren“ berichtende Präsentation, recht betrachtet schon draußen in „Mutters freier Natur“ und ihrem Schönwettertag, weil, drastisch konfrontiert, all dies jäh endet, sobald der „Tisch für dunkle Gedanken (Nest 4)“ rechter Hand des Portals passiert ist. Mit dieser Deckenhohen Mixed-material-Installation zeigt der seit 1988 in Köln lebende Hartmut Neumann jedwedem Idyll die rote Karte: Nicht etwa, dass tatsächlich ein Folterinstrument für plüschig-gelbe Entenküken aufgebaut wäre – dazu ist die gewollt roh zusammen gezimmerte Architektur mit ihrer seriell aufgetürmten Holzelefanten-Stele einerseits und dem an höchster Stelle montierten Storchennestartigen Siegerkranz andererseits viel zu skurril. Was aber die heftig irritierte Assoziation nicht hindert, die auf drei Etagen implantierten Küken-Präparate als höchst verloren in einer für sie befremdlichen Umgebung einer Anti-Natur-Kulisse zu empfinden. Auf jeden Fall ist es in diesem Moment vorbei mit der Beschaulichkeit. Hartmut Neumanns Kunst hat Fallstricke. Und die kommen in ihrer gebrochen abbildlichen Ästhetik, darin sich Künstlichkeit als Natur vermittelt bzw. sich die Natur als Artefakt zeigt, besonders gern farbig-ornamental, um nicht zu sagen, nahezu barock daher, loten dagegen in der Fotografie neben den ausgesprochen lichtleuchtenden C-Prints auch das Schummerig-Dunkle einer die Anfänge der Schwarz-weiß-Fotografie in Erinnerung rufenden Lichtbildnerei aus.

Neuen Fotoarbeiten Hartmut Neumanns in einer eher selten zu sehenden Konfrontation mit Bildern aus der Outsider-Sammlung des Künstlers sowie aus der Sammlung der Naive der Recklinghäuser Museen ist die Präsentation im Kutscherhaus auf zwei Etagen gewidmet: unten die Lichtbildnerei, oben die Fremdkunst, was sich zu einem wunderbar runden, vergleichend prickelnden und bedeutungsintensiven Gesamteindruck fügt, in dem alte und neue Kunst sich gegenseitig erhellen, einig im Geist, menschliche Paradies-Sehnsucht zu feiern

Frontal nach Eintritt zu sehen: Neben der Gelatine-Silber-Abzug-Serie der „Punk-Affen“ (Punk-Affe strahlend, Punk-Affe im Barock, Punk-Affe mit Mütze, Punk-Affe weiblich, alle 2008) fünf C-Prints fünf unterschiedlicher Affenköpfe, jeweils von Kränzen portraithaft dekorativ eingerahmt, dabei im Outfit entweder warm verpackt, hübsch geschmückt oder feierlich gestylt, was ebenso clownesk wie beängstigend abgründig wirkt, weil das Tier – trotz schönster Robe – willkürlich fixiert, die Qual seiner Verwandten im Laborversuch in Erinnerung ruft, nicht zuletzt auch der ungemein „sprechenden“ Augen dieser C-Prints wegen, die zweifellos lebendig erschienen, wären die fotografierten Primaten nicht tatsächlich ausgestopft und als Schaustücke in den naturkundlichen Sammlungen Hartmut Neumanns archiviert. „Wir sind tot“ titelt in konterkarierender Anspielung auf Magrittes „Ceci n` est pas une pipe“ ein das begleitende Katalogbüchlein illustrierender Pigmentdruck auf Barytpapier von 2009, darauf Fuchs und Dachs, Otter und Eichhorn zwar in Echtzeit, nicht aber echt lebendig posieren – als gleichermaßen totes Leben sowie lebendiger Tod. Da mag man sich fröstelnd fragen, wie oft wohl präparierter Alltag davon nicht weit entfernt ist!?

Zur Ausstellung ist ein 48-seitiger Katalog erschienen mit einem Text von Hans Jürgen Schwalm.