Gespräche mit Künstlern , 2000

»Mein Projekt ist
ein Denk-Werk«

MARIUS BABIAS IM GESPRÄCH MIT HANS HAACKE ÜBER SEINEN ENTWURF FÜR DAS BERLINER REICHSTAGSGEBÄUDE

Die gute Nachricht zuerst: Nach fast zweistündiger Debatte in Bundestag im April 2000 wurde mit der denkbar knappsten Mehrheit von 260 zu 258 Stimmen der Gruppenantrag gegen das Haacke-Projekt „Der Bevölkerung“ im nördlichen Lichthof des Reichstags abgelehnt. Einer Realisierung steht nun nichts mehr im Wege. Die Entscheidung stand auf des Messers Schneide. Während sich die Grüne Antje Vollmer mit dem populistischen Blut-und-Boden-Vorwurf einmal mehr ins intellektuelle Abseits manövrierte (wo Walser sie herzlich begrüßen wird), ließ der CDU-Abgeordnete Kauder, der mit seiner Indiskretion in der FAZ die Debatte überhaupt erst losgetreten hatte, die Hosen runter, indem er an das gesunde Volksempfinden appellierte. Norbert Lammert, Kultursprecher der CDU/CSU-Fraktion, bezeichnete das Projekt als „Albernheit“ und sprach Haacke die ästhetische Kompetenz ab. Rita Süßmuth, die den Kunstbeirat unerbittlich gegen Einmischung der Politik verteidigt, hielt ein flammendes Plädoyer für Haacke und warnte die eigene CDU-Fraktion vor dem falschen politischen Signal nach rechtsaußen. Im Vorfeld der Bundestagsdebatte hatte Klaus Staeck in der wackelnden SPD-Fraktion für Haacke geworben: „Ein Nein würde in der Öffentlichkeit als Zensur bewertet.“ Dann die schlechte Nachricht: Hans Haacke wird auch in dieser Debatte den Ruf nicht los, ein kunstpolitischer Provokateur zu sein. Von links nach rechtsaußen sind sich viele Kritiker einig. Wahlweise wird argumentiert, Haacke habe doch einen hübschen Erfolg erzielt, eine Realisierung sei egal oder überflüssig, da der Künstler seine Aufgabe bereits erfüllt habe, im ästhetischen Konflikt zugleich den politischen sichtbar gemacht zu haben….

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von Marius Babias

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