Titel: Kunst im Licht von Konkurrenz ... · von Christian Wessely · S. 150
Titel: Kunst im Licht von Konkurrenz ... , 2005

CHRISTIAN WESSELY

MIMESIS UND RELIGIOSITÄT

EIN BLICK AUF DEN ANSATZ RENÉ GIRARDS

Die Gesellschaft in den westeuropäischen und nordamerikanischen Staaten steckt in einer Art Identitätskrise. Aufflammende Nationalismen, konkurrierende Teilkulturen in einzelnen Staaten, aber auch die Ausbildung paralleler Subkulturen mit hohem Identifikationswert im selben Kulturkreis sind Symptome dafür, dass Gemeinschaften mehr oder weniger verzweifelte und zugleich fruchtlose Versuche unternehmen, ihre „Einheit“ zu bewahren. Schlüsselbegriffe in diesem Zusammenhang sind Neid, Mimesis, Religion und Kunst – heute zu Unrecht oftmals gering geschätzte Größen. Die folgenden Gedanken sollen in zwei Voraussetzungen und drei Ausführungen eine kurze Darstellung des kreativen Ansatzes von René Girard versuchen, der Ansatz und Lösung für diese bekannten Probleme völlig neu versucht hat, und mögliche Konsequenzen dieses Ansatzes skizzieren.1

Erste Voraussetzung: Das Ärgernis der Sünde

„Neid realisiert sich … als Begehren eines Subjekts nach Gütern, die zu Sein und Haben eines anderen Subjektes gehören und nicht durch Austausch zu erwerben sind. Was ihm Objekt wird, ist beliebig, ohne Rücksicht seiner sachlichen Valenz…“2

Soweit ein Auszug aus einer lexikalischen Definition des Neides. Theologisch betrachtet gilt Neid als Sünde, und zwar nicht etwa als eine der Sünden, die „halt schon mal passieren können“, sondern als „Hauptsünde“. Die Tradition der Römisch-Katholischen Kirche kennt sieben Hauptsünden: Stolz, Habsucht, Zorn, Unkeuschheit, Unmäßigkeit, Trägheit und Neid.3 Früher wurden diese Sünden als „Todsünden“ bezeichnet; eine Nomenklatur, die auch der „Katechismus der Katholischen Kirche“4 noch beibehält, obwohl sie missverständlich ist: sie verursacht weder den Tod des Sünders noch fordert sie die Todesstrafe für das, wessen er sich schuldig gemacht hat, sondern sie „zerstört die Liebe…

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