Nachrichtenforum: Museen & Institutionen · von Jürgen Raap · S. 457
Nachrichtenforum: Museen & Institutionen , 2000

KÖLN: MUSEUMS-PERSPEKTIVEN

Als Bundeskanzler Gerhard Schröder mit dem Engagement des Bundes die Krise um den Baukonzern Philipp Holzmann AG fürs erste abwenden konnte, hatte sich aus der Sicht der Kölner Ratspolitiker die rheinische Lebensweisheit „Et hät noch immer jot jejange“ wieder einmal bewahrheitet. Denn mit einem äusserst günstigen Angebot (44 Mill. Mark) hatte Holzmann den Auftrag für den Bau des neuen Wallraf-Richartz-Museums erhalten. Die Gesamtkosten mit städtebaulicher Anbindung belaufen sich auf 70 Mill. Mark. Im November 1999 war der Rohbau aber erst zu 70 % fertig gewesen. Bei einer Konzern-Pleite hätte eine wochenlange Bauunterbrechung der Stadt Mehrkosten in zweistelliger Millionenhöhe beschert. Allein die Verputzarbeiten hätten dann wegen Witterungsschäden ein zweites Mal komplett durchgeführt werden müssen. Der Termin für die feierliche Eröffnung muss aber wohl auf jeden Fall um zwei Monate auf Juli 2000 verschoben werden.

Als nächstes Projekt steht der Neubau der Kunsthalle am Josef-Haubrich-Hof mit Räumen für das Rautenstrauch-Joest-Museum und dem Kölnischen Kunstverein auf der Tagesordnung. Der neue OB Harry Blum (CDU) entwickelt aber schon weitere ehrgeizige Pläne: Europas erstes komplett unterirdisches Museum schwebt ihm vor. Es soll sich vom neuen Wallraf-Ri chartz-Museum zum römischen Praetorium im Spanischen Bau des Rathaus-Komplexes erstrecken.

OB Blum und der neue Kulturausschuss-Vorsitzende Franz-Josef Knieps (s. auch „Personalia“) hatten zuvor die Idee eines „Stiftermuseums“ in die Öffentlichkeit getragen. Um Abwanderungen weiterer Privatsammlungen zu verhindern, wollen Blum und Knieps die Stifter „besser pflegen“ (s. „Kunstforum“ Bd. 148, S. 448). Ein „Stiftermuseum“ könnte aber nur auf rein privatwirtschaftlicher Basis finanziert und dann von einer privaten Stiftung betrieben werden. Denn angesichts knapper Kassen sind Museumsprojekte nach dem „Ludwig-Modell“ (der Stifter schenkt die Sammlung, die Stadt gibt das Gebäude) derzeit nicht mehr möglich. Den Stadtkämmerer plagt aktuell ein Defizit von 106 Mill. Mark. Knieps gewann allerdings den Eindruck, dass diese Idee eines Privat-Museums bei den lokalen Sammlern bislang keine allzu große Begeisterung auslöste. In den kommenden Wochen will man daher im Kulturausschuss „auch andere Modelle diskutieren“ (Knieps).

SPORTMUSEUM

Daniel Spoerri hatte es um 1980 mit seinem „Musée sentimentale“ vorgemacht: Geschichte läßt sich auf „sentimentale“ Reliquien und Relikte wie die Handschuhe von Kaiser Wilhelm oder die Bleistifte von Heinrich Böll focussieren. Nach dem selben Prinzip bestückte man später das Bonner Museum der Geschichte mit der Strickjacke von Helmut Kohl und den Turnschuhen von Joschka Fischer. Im Kölner Rheinauhafen eröffnete man nun ein Sportmuseum, das selbstredend neben einem historischen Tennisschläger auch die Arbeitsgeräte von Steffi Graf und Boris Be cker zeigt, sowie die Stollen-Schuhe, mit denen einst Uwe Seeler den Ball ins Tor lenkte.

EXPONATE VERSCHWUNDEN

Dr. Gisela Völger, Direktorin des Rautenstrauch-Joest-Museums für Völkerkunde in Köln, traute ihren Augen kaum. Die Abbildung einer Pferdemaske in einem Versteigerungskatalog kam ihr nämlich höchst bekannt vor – die Maske gehörte anscheinend zu den rund 55.000 Exponaten, die ihr Museum beherbergt. Erste Vermutung: sie verschwand möglicherweise schon 1992/93 aus dem Gebäude, als dessen Keller wegen des Rheinhochwassers geräumt werden mußte. Das 1906 eingeweihte Museum gilt hinsichtlich seines baulichen und ausstattungstechnischen Standards in jeder Hinsicht als unzulänglich. Unter den äusserst beengten Verhältnissen können die Exponate nicht so aufbewahrt werden, wie dies eigentlich erforderlich wäre. So stellte sich heraus, dass nicht nur die Pferdemaske, sondern rund 220 Exponate nicht mehr da waren, wo sie eigentlich sein sollten. Axel Kaske (SPD), Vorsitzender des städtischen Rechnungsprüfungsausschusses, hat die Verwaltung zu einer umfassenden Untersuchung aufgefordert. Bis zum 1. April 2000 müssen die Wissenschaftler nun die Inventarliste Punkt für Punkt durchgehen. Einige der vermissten Exponate tauchten aber schon wenige Tage später wieder auf: Sie fanden sich in einer Schublade am Arbeitsplatz eines Restauratoren wieder, der seit dem Sommer krank geschrieben ist.

MUSEUM ULM

Bereits 1978 schenkte der Ulmer Verleger und Publizist Kurt Fried (1906-1981) dem Museum seiner Heimatstadt eine Sammlung mit rund 400 Kunstwerken. Sie repräsentieren einen Querschnitt durch die Kunst der 50er bis 70er Jahre in Europa und den USA. Später ergänzte man die Sammlung um Kunst der 80er Jahre. Zu den Beständen gehören Arbeiten von Frank Stella, Roy Lichtenstein, Günther Uecker, Max Bill oder auch Gerhard Richter. Doch erst jetzt können die Exponate in einer ständigen Ausstellung angemessen präsentiert werden. Im November 1999 wurde nämlich ein Erweiterungsbau eingeweiht, den die Architekten Johannes Manderscheid und Eberhard Raupp entworfen haben. Er bietet 1.350 qm Ausstellungsfläche.

KUNSTHALLE MANNHEIM

Am 5. Dezember 1999 feierte die Kunsthalle Mannheim ihr 90jähriges Bestehen. Gleichzeitig wurde auch der Erweiterungbau eröffnet. In den Bunkeranlagen unter dem Kunsthallenbau konnten 1000 qm zusätzliche Ausstellungsfläche und weitere 1000 qm neuer Depotraum gewonnen werden. Dieser Erweiterungsbau ist für die Kunst ab 1960 reserviert, vor allem für die Vertreter des „Nouveau Réalisme“ wie Arman, Yves Klein, Daniel Spoerri, Niki de St. Phalle und Jean Tingueley. Ein weiterer Raum dokumentiert die Portrait-Plastik im 20. Jahrhundert mit Skulpturen u.a. von Alfred Hrdlicka und Bernhard Heiliger. Durch die zusätzlich gewonnene Fläche kann die Kunsthalle nun auch ihre bislang öffentlich nicht gezeigte Keramiksammlung (Schenkung Gisela Freudenberg) präsentieren.

KARLSRUHE: NEUES MUSEUM

Am 4. Dezember 1999 nahm das Museum für Neue Kunst in Karlsruhe seinen Betrieb auf. Es umfasst die Lichthöfe 1 und 2 des Zentrums für Kunst- und Medientechnologie (ZKM) und verfügt über 7000 qm Ausstellungsfläche auf 3 Etagen. Schwerpunkt der Sammlung ist zeitgenössische Kunst aus regionalen Privatsammlungen, u.a. aus der Stiftung Fröhlich und aus den Sammlungen Siegfried Weishaupt, FER und Grässlin. Für die Eröffnungsausstellung stellte Frieder Burda zusätzliche Leihgaben zur Verfügung. Die Bestände aus der europäischen und amerikanischen Kunst nach 1960 sind mit jeweils wegweisenden Künstlern und ihren Werken nach thematischen und ästhetischen Gesichtspunkten geordnet worden. So stehen Beispiele aus der Pop Art (Warhol, Lichtenstein) Vertretern des Abstrakten Expressionismus (Mark Rothko, Ellsworth Kelly u.a.) gegenüber. Mario Merz und Jannis Kounellis repräsentieren die Arte Povera. Die Concept Art und Minimal Art ist mit Wand- und Bodeninstallationen von Donald Judd, Carl Andre, Joseph Kosuth, Sol LeWitt und Richard Serra dokumentiert. Adresse: Lorenzstraße 9, 76135 Karlsruhe. Internet: www.mnk.zkm.de.

115 JAHRE LÜGENMUSEUM

Schon Theodor Fontane verspürte bei seinen Streifzügen durch die brandenburgische Provinz „eine helle Freude“ beim Anblick des Sammelsuriums auf Schloss Gantikow. Das dortige „Lügenmuseum“ wurde soeben 115 Jahre alt. Hier kann man u.a. das abgeschnittene Ohr von van Gogh und das angebliche Geburtszimmer Willy Brandts bestaunen. Das Berliner Stadtmagazin „Zitty“ schwärmt vom „verrücktesten Museum Deutschlands“, und selbst die seriöse „Welt“ lobt die skurille Schau als herzerfrischendes Gegenstück zu den „paranoiden sauberen Galerien“. Adresse: Lügenmuseum, Am Anger 001, 16866 Gantikow, Tel./Fax 033971-54782 (Autobahn Berlin-Hamburg, Ausfahrt Neuruppin, dann Richtung Kyritz).

HAMBURG: ARBEITS-INSTALLATION

Vor zwei Jahren wurde in Hamburg das „Museum der Arbeit“ eröffnet. In einem speziellen „Kunstraum“ können zeitgenössische Künstler über einen längeren Zeit raum eigene Installationen inszenieren. Diese stehen in bewusstem Kontrast zu den historischen Stücken der Museumssammlung. Die Oberkustodin Dr. Elisabeth von Dücker zeichnet für dieses Rauminstallations-Programm verantwortlich. Das von Hannimari Jokinen eröffnete Projekt „MehrFachLastig“ wird noch bis zum 16. April 2000 gezeigt. Es bezieht sich „auf die Museumsobjekte und -inszenierungen, die mit verschiedenen Formen der Arbeit und mit Rollenwechsel und Rollenzuordnungen von Frauen und Männern zu tun haben“. Infos: Museum der Arbeit, Poppenhusenstr. 12, 22305 Hamburg, Tel. 040-4528322081.

BASEL: SCHAULAGER

Die Basler Laurenz-Stiftung ist Träger der Kunstsammlung der Emanuel-Hoffmann-Stiftung. Sie will im Frühsommer 2002 in Münchenstein bei Basel ein neues Gebäude für die Sammlung einweihen. Dort entsteht allerdings keine Museums-Dependance, sondern ein „Schaulager“. Maja Hoffmann (später in 2. Ehe Maja Sacher) hatte schon 1941 der Stadt Basel erste Dauerleihgaben überlassen. 1980 wurde für die stetig angewachsene Sammlung ein Museum für Gegenwartskunst eröffnet. Doch dieses ist inzwischen viel zu klein: Nur etwa 5-10 % der Bestände können gleichzeitig ausgestellt werden. Daher plant man nun ein „Schaulager“, in welchem die Werke nach Voranmeldung für Fachpublikum in kleinen Gruppen zugänglich sind. Dicht gehängt erfolgt ihre Gruppierung nach konservatorischen und klimatischen Gesichtspunkten und nicht nach kunstwissenschaftlichen Kriterien.

BERN: PAUL-KLEE-HAUS

Diverse Schenkungen und Dauerleihgaben bilden den Grundstock für ein neues Museun, das in Bern entsteht und Paul Klee gewidmet ist. Für dieses Paul Klee-Zentrum im Quartier Schöngrün präsentierte der Architekt Renzo Piano unlängst einen Vorentwurf. Das Gebäude wird später über mehr als 40 % des Gesamtwerks von Paul Klee verfügen. Über den aktuellen Stand der Planung sind Infos unter www.paulkleezentrum.ch. abrufbar. Mit diesem Haus ergänzt und erweitert Bern sein Kunstmuseum, das im Oktober 1999 nach 18monatiger Renovierung wieder eröffnet wurde. Für eine publizistische Darstellung des Gesamtwerks von Paul Klee in mehreren Bänden (bis Ende 2002) erbittet die Paul-Klee-Stiftung über noch unbekannte Werke in Privatbesitz Informationen: Paul-Klee-Stiftung, Kunstmuseum Bern, Hodlerstr. 8-12, CH-3000 Bern.

LUZERN: NEUES KUNSTMUSEUM

Im Kultur- und Kongresszentrum Luzern wird am 19. Juni 2000 das Neue Museum seine Pforten öffnen. Die erste Wechselausstellung trägt den Titel „Mixing Memory and Desire/Wunsch und Erinnerung“. Die Künstlerliste nennt u.a. die Namen Reinhard Mucha, Franz West, Marlene Dumas und Christopher Wool. Insgesamt stehen für die ständige Sammlung und Wechselausstellungen 2000 qm zur Verfügung, die sich auf 20 Säle aufteilen. Bespielt werden diese Säle nach einem Prinzip der „rollenden Programmierung“. Wechselausstellungen und einzelne Sammlungsteile durchdringen und überlappen sich gegenseitig. Auch die Eröffnungsausstellung wird „nach zwei bis drei Monaten in eine ganz anders gewichtete, konzeptionell verschobene Ausstellung übergehen“. Adresse: Tribschenstrasse 61, 6005 Luzern. Internet: www.centralnet.ch/kultur/kunstmuseum.

LONDON: TATE GALLERY

Am 12. Mai 2000 eröffnet die Londoner Tate Gallery einen neuen Filialbau für die Bestände der internationalen Moderne am südlichen Themseufer. Aus diesem Anlass hat man sich auch für neue Namen entschieden: Die alte Tate Gallery heißt künftig „Tate Britain“. Deren Gebäude wird derzeit renoviert und am 24. März 2000 wieder eröffnet. Die neue Dependance wird hingegen den Namen „Tate Modern“ tragen. Weil sich die Bestände der Tate Gallery seit 1950 verdoppelt haben, entschloss man sich für ein zusätzliches Gebäude in London: Ein ehemaliges Kraftwerk an der Bankside wurde zu „Tate Modern“ umgebaut. Weitere Tate-Filialen gibt es bereits seit 1988 in Liverpool und seit 1993 in St. Yves. Die Aufteilung der Londoner Sammlung auf die beiden Gebäude „Tate Britain“ und „Tate Modern“ erfolgt nicht einfach nur mit einem zeitlichen Einschnitt. Während nämlich woanders das Jahr 1900 eine Scheidemarke zwischen „alter“ und „moderner“ Kunst bildet, nimmt man bei der Neuordnung der „Tate“-Bestände epochale Überlappungen in Kauf: In „Tate Britain“ will man nämlich die Exponate von 1500 bis 1999 nicht chronologisch, sondern nach Themengruppen präsentieren. So werden etwa unter dem Stichwort „Home Life“ Beispiele aus der Kunst des 16. Jahrhunderts mit Darstellungen der modernen Hausfrau beim Pop-Künstler Richard Hamilton zusammen gezeigt. Im Sinne einer solchen Dramaturgie findet man in „Tate Britain“ auch Arbeiten von Gilbert & George. Aus ähnlichem Grund sind ebenso Francis Bacon und David Hockney in beiden Häusern präsent. „Tate Modern“ zeigt aber ausschließlich Kunst nach 1900 und wird darüber hinaus eine Galerie für die Kunst des 21. Jahrhunderts sein. Zur Eröffnung ist eine Louise Bourgeois-Retrospektive angekündigt.

BARCELONA: MUSEU PICASSO

Nach der letzten Erweiterung 1982 hat das Museu Picasso in Barcelona im Herbst 1999 zwei weitere Gebäude an seinen Komplex in der Carrer de Montcada angegliedert: In unmittelbarer Nachbarschaft ergänzen Casa Mauri und Palau Finestres die drei bisherigen Museums paläste. Die Gesamtfläche beträgt nun 10.628 qm. Mit den neuen Sälen für Wechselausstellungen wird im Erdgeschoß auch ein neuer Konferenzsaal in Betrieb genommen, so dass der Museumsshop sich um die Fläche des bisherigen Konferenzraums erweitern kann. Zu den baulichen Maßnahmen gehören des weiteren eine spezifische lichttechnische Ausstattung der Säle und die Verbindung der Gebäude durch ein besucherfreundliches Wegesystem mit einem neuen transversal angelegten Boulevard.