Ausstellungen: Hannover · von Michael Stoeber · S. 311
Ausstellungen: Hannover , 2008

Michael Stoeber

Nouveau Réalisme – Revolution des Alltäglichen

Sprengel Museum, Hannover, 9.9.2007. – 27.1.2008

Die Künstlergruppe der Nouveaux Réalistes hat mit einem künstlerischen Realismus im traditionellen Sinne nicht das Geringste zu tun. Es geht ihnen in ihren Werken, von denen die ersten in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts entstehen, nicht um eine realistische Abbildwirklichkeit, sondern der materielle Stoff der Welt, die Dinge des Alltags, die „Realien“, werden ihnen zum Medium ihrer Kunst. Der neue Realismus, das ist das reine Pigment in den „Monochromen“ von Yves Klein, alter Autoschrott in den „Kompressionen“ von César, der Inhalt von Mülltonen in den „Poubelles“ von Arman, die Überreste von Speisen in den „Fallenbildern“ von Daniel Spoerri, die „Plakatabrisse“ der Affichisten Raymond Hains, François Dufrêne, Jacques Villeglé und Mimmo Rotella. Die Künstler „malen“ und gestalten mit Tüchern und Schuhen, Puppen und Bestecken, Plastikflaschen und Gebissen. Sie zertrümmern Klaviere und Kuckucksuhren und ordnen die Überreste zu eindrucksvollen Bildobjekten. Es ist, als hätten sie eine Überlegung von Roland Barthes aus seinen „Mythologies“ für ihre Kunst fruchtbar gemacht. Dort sieht der französische Denker im Auto der Gegenwart „das genaue Äquivalent zu den großen gotischen Kathedralen“ der Vergangenheit. Ihre Bezeichnung als Nouveaux Réalistes verdanken die Künstler indes nicht Roland Barthes, sondern dem französischen Kritiker und Kurator Pierre Restany, der nie verlegen war, wenn es darum ging, neue ästhetische Phänomene publikumswirksam zu benennen.

Die sehr sehenswerte Ausstellung im hannoverschen Sprengel Museum zeigt großartige Werke der Nouveaux Réalistes und dokumentiert in dem die Schau begleitenden, kenntnisreichen Katalog die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der Künstlergruppe. Erarbeitet wurde die Ausstellung zusammen mit französischen Partnern von der Réunion des Musées Nationaux, dem Centre Pompidou, dem MNAM und dem CCI in Paris. Bevor sie nach Hannover kam, konnte man sie schon im Pariser Grand Palais anschauen. In der niedersächsischen Landeshauptstadt wird die Sprengel-Schau flankiert von einer gleichfalls sehenswerten monografischen Ausstellung des Plakatabreißers Jacques Villeglé. Ausgerichtet hat sie die Stiftung Ahlers Pro Arte in ihren Räumen in der alten Kestnergesellschaft in der hannoverschen Warmbüchenstraße. Die Exponate stammen aus der Sammlung von Jan A. Ahlers, dessen Stiftung dankenswerterweise auch die Sprengel Ausstellung substantiell unterstützt hat. Dass Ahlers nicht nur über Werke von Villeglé verfügt, sondern von allen Nouveaux Réalistes der ersten Stunde dokumentieren Leihgaben der Stiftung, die in die Sprengel Ausstellung gewandert sind, darunter ein schönes „Feuerbild“ von Yves Klein „mit Anthropométrie“ aus dem Jahre 1961.

Die Nouveaux Réalistes der ersten Stunde, das sind Arman, Dufrêne, Hains, Klein, Raysse, Spoerri, Tinguely und Villeglé, die sich am 27. Oktober 1960 in der Pariser Wohnung von Yves Klein im Bewusstsein ihrer „singularité collective“ zur Künstlergruppe zusammenschließen. Autor und Mitunterzeichner des die Gründung besiegelnden und begleitenden Manifestes ist natürlich kein anderer als Pierre Restany. Er zeichnet verantwortlich für das schöne Paradox von der „kollektiven Einzigartigkeit“ der Gruppe. Der widersprüchliche Begriff schafft das geeignete Dach, unter dem sich die unterschiedlich arbeitenden Künstler zusammenfinden können. Zu ihnen stoßen bald auch noch Rotella, César, Christo und Niki de Saint-Phalle. Sie alle sind in der Ausstellung mit einzigartigen Inkunabeln ihrer Kunst aus jenen Jahren vertreten.

Dazu zählen u. a. die anspielungsreiche Décollage „Marilyn Monroe“ (1963), ein Plakatabriss des Italieners Mimmo Rotella, der die Diva zugleich ins Erhabene entrückt und vulgarisiert. Die phonetischen Gedichte Rotellas und seines Künstlerkollegen Dufrêne, in denen das reine Lautmaterial der Sprache allein durch Arrangement und Wiederholung Sinn aus sich entlässt. Christos in Stoff eingepackte Ölfässer, die später zum Material seiner ersten Intervention im öffentlichen Raum werden, der Straßenabsperrung in der Pariser rue Visconti am 27. Juni 1962. Die Trennung zweier Hauptarterien in der französischen Metropole verweist damals auch auf den Bau der Berliner Mauer. Die wunderbaren „Méta-matics“ von Jean Tinguely, selbst malende und zeichnende Maschinen, mit denen der Schweizer die Abstraktionen der École de Paris samt ihres heroischen Künstlerbildes ironisiert. Oder Niki de Saint-Phalles verehrungswürdige Schießbilder, bei denen sie den Männern das Gewehr aus der Hand nimmt und es zum Instrument der Befreiung de Frau von patriarchalischer Bevormundung macht.

Ein eigenes Ausstellungskapitel ist der Verehrung von Marcel Duchamp gewidmet, die seitens der Nouveaux Réalistes auf einem grandiosen Missverständnis beruht. Der Schöpfer des Ready Made ist für sie die frühe Legitimationsfigur der Einführung des Alltagsgegenstandes in die Kunst. Sie feiern ihn mit eigenen Werken. Spoerri mit einer Fotoreihe von Klosetts aus Museen und Künstlerwohnungen in New York und Philadelphia, die an Duchamp alias Richard Mutt, den Autor von „Fountain“, erinnern sollen. Arman ehrt den Schachspieler Duchamp mit einem selbst gestalteten Schachspiel, und Tinguely widmet dem „coolen“ Denker einen „Frigo Duchamp“, einen Eisschrank, der eine Ohren betäubende Alarmsirene in Gang setzt, sobald man seine Tür öffnet. Mit der „ästhetischen Taufe des Alltagsgegenstandes“ (Restany) wollte Duchamp indes nichts zu tun haben. In einem Gespräch in den fünfziger Jahren mit dem Direktor des New Yorker Museum of Modern Art über die Entstehung der Ready Mades gibt der Begründer der konzeptuellen Kunst zu Protokoll, er habe damals nach Gegenständen gesucht, denen gegenüber er gänzlich „unaffiziert“ gewesen sei. Mit anderen Worten: Duchamp hätte seine Ready Mades auch blind auswählen können. Es ging ihm allein um die Illustration der These, dass ein neuer Kontext dem Gegenstand eine neue Bedeutung schafft. Sprich, ein Müllhaufen vor dem Museum ist eine Sache für den Sperrmüll, ein Müllhaufen im Museum Kunst. Als der Direktor sich daraufhin wundert: „But how come, Marcel, that these things are so beautiful today?“ antwortet der Meister mit dem berühmt gewordenen Satz: „Well, you know, nobody is perfect.“

Andere Kapitel der perfekten Sprengel-Schau berühren den Einzug von Alltagsrealien in die Kunst deutscher und amerikanischer Künstler, darunter Günther Uecker und Wolf Vostell sowie Robert Rauschenberg, Jasper Johns und John Chamberlain, die damit zu Brüdern im Geiste der Nouveaux Réalistes werden. Rauschenberg stellte zusammen mit Daniel Spoerri, Martial Raysse, Niki de Saint-Phalle und Jean Tinguely in der legendären „“Dylaby“-Schau (1962) des Amsterdamer Stedelijk Museums aus, zu der Per Olof Ultvedt zusammen mit dem Museumsleiter Pontus Hulten die Ideenskizze geliefert hatte. „Dylaby“ steht für Dynamische Labyrinthe, und die Ausstellung zählte schon damals auf die aktive Teilnahme des Publikums, das begeistert bei der Sache war, wie Filme und die schönen Aufnahmen des Künstlerfotografen Ed van der Elsken dokumentieren. In Hannover haben auf Initiative von Co-Kurator und Direktor Ulrich Krempel die Museumstechniker auch den „Raysse-Beach“ aus jenen Tagen wieder erstehen lassen. Eine heitere Idylle aus Sandstrand mit Plastikente, Schwimmring und Spielball. An den Wänden schwarz-weiße Fotoschönheiten, denen der französische Künstler reale Hüte und Sonnenbrillen aufgesetzt und Blumen und Badetücher in die Hand gedrückt hat. Eine wunderbare Wurlitzer-Box spielt die Hits aus jener Zeit. Auf einem alten Foto sieht man, wie Niki de Saint-Phalle und Robert Rauschenberg bei der „Dylaby“-Eröffnung auf dem Sand tanzen. In ihrer heiteren Inbesitznahme der Installation scheint der schöne Traum der Nouveaux Réalistes auf, Kunst und Leben gelingend zusammenzuführen. Heute geht´s erkennbar musealer zu. Aber gute Laune verbreitet der Raysse-Beach noch immer.

Nouveau Réalisme, Revolution des Alltäglichen, Hatje Cantz, 351 S., mit Texten von Kaira Cabañas, Cécile Debray, Ulrich Krempel u. a., 29,00 Euro