Titel: Postmoderne Seele und Geometrie , 1986

Teil II: Neue Geometrie und die Topik der Psyche

Nach dem in thematische Stichworte und nach einzelnen Künstlern geordneten Überblick konzentriert sich der zweite Teil auf eine These, die durch einige Werke exemplarisch belegt werden soll. Die Geometrie bezeichnet dabei weniger eine gemeinsame stilistische Kategorie, als eine bestimmte (strukturelle) Beziehung zwischen dem „Ich“ (Subjekt) und der Wirklichkeit (dem Realen). Dieses Verhältnis ist in der Bildgeometrie selbst vermittelt und gibt sich dort als reflexive Verschränkung von Bild und Psyche zu erkennen: „Das Bild als Wohnung der Seele und die Seele als Wohnung der Bildzeichen“. Diese topologische Verklammerung geht auf ein Dictum des französischen Psychoanalytikers Jaques Lacan zurück, der darin die Reflexivität der Subjekt-Objekt-(Innen-Außen-)Beziehung und die Relation von Sprache (language) und Mensch (subjet) beschreibt: Der Mensch bewohne die Sprache und die Sprache bewohne den Menschen.

Die klassische (Kunst-)Interpretation ging von einer klaren Trennung zwischen dem Außen der Objektwelt und dem Innen der Psyche als perspektivisches Zentrum der Identität aus. Schon im 19. Jahrhundert löste sich diese feste Architektonik von Seele und Umgebung in ein feinschichtiges Membransystem, das das Subjekt einer fließenden Verbindung mit der Außenwelt aussetzte, auf. Ernst Machs „Analyse der Empfindung“ beschrieb die Wirklichkeit als ein Bündel von subjektiven Empfindungen, die in der Wahrnehmung durch eine von Erfahrungen vorgeformten Matrix geordnet und verarbeitet werden. (Machs Lehre hatte damals nicht nur großen Einfluß auf Einsteins Relativitätstheorie, sondern auch auf die Impressionisten und v. a. auch auf die Wahrnehmungspsychologie.) Die äußere Realität ist also eine Projektion der inneren Wahrnehmungswirklichkeit. Umgekehrt riß der Existentialismus im 20….

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