Ausstellungen: Hamburg , 2015

Klaus Honnef

Triennale der Photographie

Ausstellungen zur Fotografie in Hamburg, 18. – 28.6.2015

Es geht also doch: Vier Museen und zwei weitere öffentlich/private Kunsthäuser ziehen gleichzeitig und koordiniert in einer Stadt an einem Strang mit dem Ziel, ein kulturelles Ereignis zu stiften. So zeichneten sich in der sechsten Auflage der „Triennale der Photographie Hamburg“ wenigstens die Konturen dessen ab, was einzelne Events zu einem deutschen Festival von europäischem Rang machen. Endlich kam sie den Vorstellungen nahe, die ihre Urheber, darunter der große Fotograf und Sammler F.C. Gundlach, bei der Gründung hegten. Dank eines umtriebigen Kurators aus Polen. Dank seiner Ideen, seines Charmes, seiner Hartnäckigkeit und seiner Überzeugungskraft: Krzysztof Candrowicz. Und nicht zuletzt dank einer kräftigen Finanzspritze der Kultursenatorin Barbara Kisseler, der Lichtgestalt im provinziellen Kleinklein regionaler und kommunaler Kultur(zer)verwaltung.

Es gibt sie wirklich noch: Ausstellungen, die weder belehren noch auf dem Mainstream kommerzieller Galerienkunst schwimmen. Nichts desto weniger neue Perspektiven aufschließen. Die intelligent inszeniert sind und Fragen aufwerfen, die zum Nachdenken anregen. Zugleich überschaubar, weil ihre Kuratorinnen und Kuratoren sich auf die wesentlichen Punkte konzentrieren, und, ja, entsprechend unterhaltsam. Eine angenehme Alternative zur Gigantomanie der Biennalen und der Documenta – obwohl, wer sämtliche Ausstellungen der Triennale sehen wollte, schon eine Woche Aufenthalt an der Alster in Rechnung stellen musste.

Es ist tatsächlich möglich: Ein Konzept zu formulieren, das nicht von außen den kulturellen Phänomenen aufgepresst wird, sondern sich aus ihrer besonderen Beschaffenheit entfaltet, ein Konzept, das der Praxis den Vorzug vor der Theorie gibt und diese nicht zur Illustration fragwürdiger Thesen missbraucht. Unter dem biblischen Motto „The Day Will Come“ – um seine Internationalität unter Beweis zu stellen, ist der deutsche Kunstbetrieb inzwischen weitgehend „english spoken“ – richtete die Triennale den Blick auf die umwälzenden technischen Veränderungen des fotografischen Mediums durch Eintritt in die digitale Welt und deren Auswirkungen auf den Umgang mit den Bildern sowie deren Charakter. Um das Fazit vorweg zu nehmen: Der Übergang zur digitalen Technik ist keineswegs die Ursache des tief greifenden Wandels, wie häufig behauptet. Vielmehr vollendet er einen Prozess, der mit dem Aufkommen der Fotografie und ihrem Einbruch in das Universum der Bilder begonnen hat: Die Emanzipation der Bildherstellung von den technischen Fähigkeiten ihrer Urheber. Paradoxerweise befreite erst die hochkomplexe Digitalfotografie die Bildermacher von allen technischen Fesseln. Schon der leichte Fingerdruck auf einen Punkt eines Smartphones produziert ein vollendetes Bild im Nu.

Es leidet deshalb keinen Zweifel, dass nicht nur die Zukunft eines neuen Verständnisses der Bilder begonnen hat, sondern auch, dass sich der Status der Bilder samt ihrer Realisatoren, der professionellen Fotografen wie der Künstlerfotografen, auf Dauer grundlegend verändern wird. Über das Ausmaß und die Einzelheiten spekulieren ein Dutzend Experten, Kuratoren, Fotografen, Theoretiker und Galeristen in einem der sieben schmalen quadratischen, informativen Triennale-Kataloge mit identischem Format und Umfang (auch eine vorbildliche Neuerung). Ihre Antworten fallen unterschiedlich aus. Keine ist apokalyptisch. Kurator Candrowicz zitiert aus dem Manifest „A partir de maintenant“ der Rencontres in Arles vom Juni 2012: „Jetzt sind wir eine Reihe von Verlegern. Wir alle recyceln, kopieren und setzen ein, laden herunter und remixen. Wir können Bilder alles machen lassen. Alles was wir brauchen ist ein Auge, ein Gehirn, eine Kamera, ein Telefon, ein Laptop, ein Scanner, eine Ansicht.“ Das ist die optimistische Variante. Die andere erwähnt er ein paar Absätze vorher: Die digitale Fotografie „bringt uns dem Banalen näher“. Die dritte wäre die apokalyptische: Dass die Bildermacher wie Marionetten am Gängelband der programmierten Algorithmen im Auftrag der Interessen allmächtiger und allgewaltiger Konzerne ihre Bilder produzieren: standardisierte Google- und Facebook-Bilder eben. Einmal abgesehen von der Gefahr, unbewusst und ohne eigene Kontrolle gemäß den vorgegebenen Passformen politische oder sonstige Propaganda zu verfertigen.

Es dürfte eigentlich keine Überraschung bereiten, wenn eine Ausstellung von und mit fotografischen Bildern ohne Erklärungstexte und Bildtitel auskommt, und ist es inzwischen gleichwohl. Esther Ruelfs und Teresa Gruber unternahmen mit „When We Share More Than Ever“ im Museum für Kunst und Gewerbe den Versuch. Allein durch selten gewordene kuratorische Courage, sorgfältige Auswahl und intelligente Inszenierung gelang ihnen eine Übersicht über das Phänomen Fotografie abseits der eingefahrenen Diskursgleise. Endlich einmal eine Ausstellung aus Flughöhe der Ausspähsatelliten und nicht aus der Nahsicht des Borkenkäfers. Nur mithilfe der Kapitelüberschriften, die dem Gedanken des „Sharing“, des (Mit)teilens, folgten, entfalteten die Kuratorinnen eine ebenso verblüffende wie inspirierende Darstellung der Fotografie aus gegenwärtiger Sicht. Mit Ausblick auf die Zukunft des Mediums im Spiegel seiner Vergangenheit. Ohne die vernutzten Begriffskrücken schrieben sie die fotografische Geschichte um. Ein Beispiel: Die verwirrende Bilderwelt der „News“ fasste die Rubrik „Sharing Evidence“ zusammen. Fabelhaft. Bilder des frühen fotografischen sowie Bilder des gegenwärtigen Netz-Journalismus, Magazin neben Internet im optischen Vergleich. Die schillernde (und trügerische) Oberfläche dessen, was augenscheinlich auf der Hand liegt, – visuell evident. Ein kleiner Geniestreich, diese Ausstellung. Nach Florian Ebners Essener Debüt „(Mis)Understanding Photography“ und Markus Schadens „The PhotoBookMuseum“ in Köln der dritte kühne Schritt, die Zwänge der formelhaften und selbstbezüglichen Fototheorie abzustreifen. Der Brennpunkt verschiebt sich vom Bild auf dessen Funktion. Den Kontrast lieferten Bettina Steinbrügge und Amelie Zadeh im Kunstverein mit „When Photography Revises“: ledersprühend, belehrend, bildkarg und im Kielwasser des ausgemusterten Schlachtschiffes der Medienkritik. Mit Fragen (und Antworten), die wir vor über dreißig Jahren im „KUNSTFORUM“ aufgeworfen haben, ohne auch nur eine einzige weiterzuführen. Probe: „Betrachten wir aktuelle politische Ereignisse, deren mediale Aufbereitung, ist den Bildern ein Unbehagen eingeschrieben.“ Hm? Die präsentierten Werke boten keine Erläuterung.

Es trifft nicht zu, dass sich die Bilder in der Flut der Bilder wechselseitig neutralisieren und gemeinsam im Bildermeer untergehen. Immer wieder tauchen Bilder aus der Flut auf, die sich ins Bewusstsein einfressen und – womöglich – die Einstellung ihrer Betrachter ändern. „When There Is Hope“ – etwa für die Menschen, die zu Anfang in Adrian Pacis beklemmendem Video „Centro di Permanenza temporanea“ eine Gangway erklimmen. Als sich das Bildfeld allmählich öffnet, sieht man, dass da gar kein Flugzeug ist, das sie betreten könnten. Eine Bildfolge, die mich in einen Zwiespalt stürzte, weil sie Unbeteiligtsein nicht erlaubt. Petra Roettig umkreist in der Ausstellung der Kunsthalle Hamburg den irrlichternden Status des Fotografischen zwischen Realität, Tagtraum und Albtraum.

Es war eine Triennale der Kuratorinnen. In den Deichtorhallen räumte noch Sabine Schnakenberg dem weithin unbekannten britisch-amerikanischen Fotografen Philip Toledano genügend Platz ein, seine bewegende Projekt-Fotografie zu demonstrieren: „When Man Falls“. Der betont subjektive Focus erweiterte sich hier wie von selbst in die soziale Sphäre. Eine Entdeckung. Im Bucerius Kunst Forum sorgte Ortrud Westheider schließlich für die opulenteste und schönste Ausstellung der Triennale: „When Water Matters“. Wunderbar belebend und erfrischend. Wie geschaffen für Bilder.