Titel: Kunst und Geld , 2000

WOLFGANG PIRCHER

Vertrauen und Berechnung

SOZIALMASCHINE GELD

Der im Wien des 17. Jahrhunderts überaus populäre kaiserliche Hofprediger Abraham a Santa Clara hat sich auch über das Geld geäußert, allerdings nicht, wie man vermuten könnte, im Zusammenhang mit Zins und Wucher, sondern geradezu soziologisch, was sich in der Wendung „Wer kein Geld hat, ist wie ein Todter“, geradezu zusammenfasst. Es geht hier natürlich nicht um den physischen Tod, der übrigens von ihm fast mit denselben Worten wie das Geld beschrieben wird, sondern um den sozialen Tod. Dementsprechend gibt es ein soziales Leben und das hat den Besitz von Geld zur Bedingung. In der typischen metaphorischen Übersteigerung wird es von ihm zum Souverän der (sozialen) Welt erklärt, mit nachgerade unumschränkter Herrschaft, es regiert also absolutistisch – was just zu dieser Zeit Ludwig XIV. für sich proklamiert. “ In der Stärke gleicht ihm nichts auf der Welt. Es schlägt alles, es trotz allem, es treibt alles, es findet alles, es jagt alles, es beschneidet alles, zermalmet und überwindet alles. Geld beherrscht die Welt, sagt das alte Sprichwort; hättest du auch zehn Mahl den Helikon bestiegen, des Phöbus und der Pierinnen Gunst erworben; was nützet es dir, wenn die kein Geld hast? Geld erwirbt allein alle Gunst, ohne Geld gilt keine Kunst; sie ist ein bloßer Rauch und Dunst, mangelt das Geld. Nur der Besitzer desselben ist der größte Künstler. Mit Geld kann man alles bewirken, alles ausführen, alles erlangen, was man nur haben will; alle Händel in der Welt werden mit diesem geschlichtet. Man findet nichts…

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von Wolfgang Pircher

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