Titel: Der gerissene Faden , 2001

MARKUS BRÜDERLIN

Virtual Reality und die Bildbegriffe

Die Rede vom „Ende der Linearität“ geht einher mit dem Erschlaffen der „Peitsche der Avantgarde“, die die unerbittliche Dynamik des Immer-Neuen antrieb. Wie befreiend klang es, als die Päpste der Postmoderne, wie Gilles Deleuze und Michel Foucault, diese epochale Kundmachung in die Welt setzten. Mittlerweile ist der postmoderne Pluralismus in die Jahre gekommen und scheint sich in der ganzen Breite der kulturellen Produktion festgesetzt zu haben. Doch die Flut und Beliebigkeit an ästhetischen Erzeugnissen nähren den Verdacht, dass man diesen Freibrief benutzt, um sich der Last des Schon-Geleisteten zu entledigen und um die eigene Produktion an der Geschichts- und Qualitätskontrolle vorbeizuschmuggeln. Nirgendwo wird diese Geschichtslosigkeit deutlicher, als im Dunstkreis der Ästhetik der sogenannten Virtual Reality, vor allem dort, wo dieser Begriff als Slogan für künstlerische Innovation instrumentalisiert wird und wo doch meist nur die Technik das Neue ist. Tatsächlich fällt vieles, was unter Virtual Reality subsumiert wird, weit hinter das Realitätsverständnis zurück, das die Moderne mit der Kunst des Ungegenständlichen längst überwunden hat. Gerade die sogenannte computergestützte und vernetzte Medienkunst verfällt gerne der Fiktion, technische Innovation mit künstlerischer zu verwechseln und tendiert auf der anderen Seite dazu, dieses Defizit durch die Rede vom „Ende der Linearität“ zu kaschieren.

Computergestützte visuelle Medienkünste

Heinrich Klotz, der vor zwei Jahren verstorbene Gründungsdirektor des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medientechnologie, rührte im Sommer 1992 bei der Eröffnung einer Ausstellung seines Institutes in Barcelona tüchtig die Werbetrommel: „Kaum je hat ein Kunstwerk seit den zwanziger Jahren soviel Unruhe gestiftet wie das…

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von Markus Brüderlin

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