Titel: Der gerissene Faden , 2001

JEREMY MILLAR

Keith Tyson

The Sony Kit

Jeden Tag scheint es eine neue Liste zu geben. Die erste sah ich letztes Jahr während des Durchblätterns einer Zeitschrift in einem Flughafengeschäft (scheinbar werden diese Art von Zeitschriften nur auf Flughäfen gekauft). Es war eine amerikanische, Life. ‚Die 100 bedeutendsten Ereignisse & Persönlichkeiten der vergangenen 1000 Jahre.‘ Wir fangen mit den Ereignissen an, bei Nummer 100 (‚1582 – den Kalendar festlegen‘), vorbei an 82 (‚1886 – der Welt wird eine Coca-Cola verkauft‘), der Erfindung der Photographie (37) und Gutenbergs Bibel (1).Trotz dieser Tatsache schafft es Gutenberg selbst nicht, in die Liste der 100 bedeutendsten Persönlichkeiten der vergangenen 1000 Jahre, obwohl der Mann, der für am bedeutendsten gehalten wird (muss ich es extra sagen, dass es ein Mann ist, ein amerikanischer Mann?) auch ein Erfinder war. Und deswegen sind es nicht Darwin oder Newton, Columbus oder Luther (und man erwartet nicht wirklich, dass Ibn Battuta, Ibn Rushd oder Ibn al-Haytham hier eine entscheidende Rolle spielen). Nein, die bedeutendste Person der vergangenen 1000 Jahre ist Thomas Alva Edison, 1847-1931, Erfinder des aufgenommenen Tones und der Glühbirne.

Was sagt uns das? Es sagt uns, welche Bedeutung Technologie in unserer Gesellschaft hat und, gewiss, welche Hochachtung wir vor Erfindern haben.(Es sagt uns auch ziemlich viel über amerikanischen Pragmatismus, aber das ist eine andere Geschichte.) In diesem Zusammenhang wirkt die Entscheidung, Edison auf diese Art zu ehren, lachhaft bzw. das könnte sie sein, wenn es nicht auch zum Verzweifeln wäre .Das Problem hat zum großen Teil mit der Struktur der Umfrage zu tun, die wie hier diejenigen Kulturen bevorzugt, die die Leistungen des Individuums höher bewertet als die der Gemeinschaft. Viel der westlichen Technologie – große Segelschiffe, Buchhaltung mit doppelter Eintragung, Optik, Schießpulver, Medizin, die Ziffer Null – verdanken wir den Chinesen, Indern und der islamischen Welt; sehr viel unseres Denkens verdanken wir auch den, von muslemischen Gelehrten ausgeführten, Übersetzungen von Texten zur griechischen Philosophie, die jahrhundertelang vernachlässigt oder von der katholischen Kirche verboten worden waren. Sogar in Life wird als Gutenbergs Haupterrungenschaft die Tatsache genannt, dass er das erste bewegliche westliche Schriftsystem, das auch funktionierte, erfunden hat: dass die Koreaner bewegliche metallene Schrift seit dem vorhergehenden Jahrhundert benutzten und die Chinesen bewegliche hölzerne Schrift dreihundert Jahre davor, scheint wenig auszumachen. Der Osten hatte es versäumt, ein westliches System zu erschaffen.

Es scheint hauptsächlich um den Ruf zu gehen. Das wusste Edison nur zu gut und deshalb ist seine Anwesenheit hier nützlich. Edison war nämlich weniger ein Wissenschaftler oder Erfinder als ein Geschäftsmann und Publizist (er hat einmal gesagt, dass er gar kein guter Mathematiker sein bräuchte, da er jederzeit einen einstellen könnte).

Schnell lernte er, die Fähigkeiten seiner Mitarbeiter zu seinem Vorteil zu nutzen, und keiner war mehr befähigt als Nikola Tesla, ein brillanter junger Serbe, den Edison 1883 bei sich einstellte. Tesla arbeitete viel, machte Überstunden und verbesserte Edisons primitive Entwürfe. Als Tesla vorschlug, die elektrischen Dynamos der Firma neu zu entwerfen, glaubte Edison, dass dies ein monumentales Vorhaben sei, das Jahre bräuchte, und bot dem Serben $50.000 an, falls es ihm gelingen sollte. Tesla vollendete das gesamte Projekt innerhalb von zwölf Monaten; es war jedoch Edison, der das Verdienst für sich in Anspruch nahm. Was das Geld betraf: „Tesla, Sie verstehen unseren amerikanischen Humor nicht!“ Edison stellte Leute ein, die auf ihrem Gebiet die besten waren, und er achtete darauf, dass ihre Leistungen die seinen wurden. Er äußerte sich so: „Jeder stiehlt im Handel und in der Industrie. Ich selbst habe viel gestohlen. Aber ich weiß, wie man stiehlt.“

Stehlen wir uns weg und betrachten den Künstler als eine Art von Erfinder .In der Vergangenheit war diese Rolle weitaus mehr verbreitet und zwar bevor die wachsende Spezialisierung von Wissen dazu führte, dass Künste und Wissenschaften sich voneinander spalteten (denke an da Vinci, Nr.5 unter den Top 100). In diesem Jahrhundert hat sich Duchamp oft für einen Erfinder gehalten; seine Roto-Reliefs hat er zuerst auf einer Erfinder-Messe ausgestellt, allerdings mit wenig Erfolg. Dann gibt es auch John Cage, der sowohl von Duchamp als auch von seinem Vater (der von Beruf auch ein eher erfolgloser Erfinder war) beeinflusst war. Und Keith Tyson? Ich weiß nicht genau, wie Tyson seine Arbeit sieht verglichen mit der eines Erfinders, aber es könnte helfen, diese Parallele etwas genauer zu betrachten. Tysons wichtigste Erfindung, wenn wir diesen Ausdruck hier gebrauchen dürfen, ist seine Artmachine, ein Gerät, das er oft benutzt, um seine Werke auszuführen bzw. das ihm dabei hilft zu entscheiden, welches Werk auszuführen ist (es handelt sich eher um ein arbeitsschaffendes als arbeitssparendes Gerät). Wenn wir an Maschinen denken, ist unser Vorstellungsvermögen oft ziemlich eingeschränkt; das Wort beschwört für viele eine Vision von Zahnrädern, Getrieben und Hebeln aus dem 19. Jahrhundert herauf.

Bei einigen hat sich dieses Bild gewandelt und ist ersetzt durch etwas Modernes, Elektrisches, Elektronisches, Computerisiertes. Dennoch neigen wir noch immer dazu, uns Maschinen als Objekte vorzustellen. Objekte ,die Tätigkeiten verrichten, die Dinge für uns tun. Vielleicht sollten wir diese Technologien unter einem etwas anderen Gesichtspunkt betrachten, der ‚Software‘ mehr Aufmerksamkeit schenken als der ‚Hardware‘. Technologie braucht weder Motoren noch Stecker und trotzdem stellen sich die meisten von uns genau das darunter vor. Das ist besonders dann wahr, wenn (falls) wir versuchen, über irgendeine Form von Beziehung zwischen Kunst und Technologie nachzudenken. Unter solchen Umständen möchten viele immer noch, dass eine Maschine etwas ‚macht‘, etwas aufführt, selbst wenn es nur die Anzeige auf dem Computerbildschirm ist. Alte Vorurteile werden auf neue Situationen übertragen, man sieht Neues innerhalb der alten Begrenzungen (worauf McLuhan hingewiesen hat). Wie einer der Besucher der ‚Kunst und der Computer‘ Ausstellung im ICA es im Jahre 1968 in einem New Scientist-Cartoon ausgedrückt hat, „Ich weiß zwar nicht viel über Cybernetic Serendipity, aber ich weiß, was mir gefällt.“

Tysons Artmachine indessen wurde geschaffen mithilfe der machtvollsten Technologie, die dem Menschen zur Verfügung steht: der Sprache. Manches von dieser Sprache existiert tatsächlich auf einem Computer, während sich anderes auf Flussdiagrammen befindet. Wie Tyson selbst erklärt, „ist es wahrscheinlich am hilfreichsten, es sich als eine komplexe Anzahl von Regeln vorzustellen, die wiederum Zugang schaffen zu verschiedenartigen Informationsquellen wie Büchereien, dem Internet etcetera und diese Information ist dann nutzbar, um Werke in vielfältigen Stilarten und Medien zu produzieren.“ Als Maschine ist sie unbegrenzt ausdehnbar und die Anzahl der Resultate reicht ins Unendliche, jedes ein bisschen verschieden. In der Tat ist es aufschlussreich, hier die Bücherei zu erwähnen. Tyson hat sich auf Borges als großen Einfluss bei der Entwicklung der Artmachine (es gibt andere) bezogen, und vielleicht ist die ‚Die Bücherei zu Babel‘ in diesem Zusammenhang hier die wichtigste Geschichte (obwohl wir ‚Tlön, Uqbar, Orbis Tertius‘ oder ‚Der Garten der gegabelten Wege‘ oder ‚Pierre Menard, Autor des Quixote‘ oder.oder.nicht vergessen dürfen).

„Das Universum (das andere die Bücherei nennen) besteht aus einer unbestimmten und vielleicht unendlichen Anzahl von hexagonalen Galerien mit riesigen Luftschächten dazwischen, umgeben von sehr niedrigen Geländern.“ Nach vielen Jahrhunderten, der Lebenszeit von unzähligen Gelehrten, Reisenden, wird es offensichtlich, dass alle Bücher aus denselben Elementen bestehen – „dem Raum, dem Zeitraum, dem Komma, den 26 Buchstaben des Alphabets“ – und dass „keines der Bücher identisch ist„. Daraus folgert, dass „die Bücherei total ist und dass ihre Regale alle möglichen Kombinationen der circa zwanzig orthographischen Symbole registrieren (eine Zahl, die obwohl extrem hoch nicht unendlich ist): mit anderen Worten, alles, was es auszudrücken gibt, in allen Sprachen.“ Das bedeutet, die wahre Geschichte der Zukunft, die Bedeutung von Gott, die Erzählung des eigenen Todes sind inbegriffen. Und sogar, versteckt unter einer beängstigenden Anzahl von Bänden, der Text, den du augenblicklich liest: viele andere mehr enthalten verbesserte Fassungen, eine etwas akkuratere Beschreibung hier, eine elegantere Phrase da; es gibt sogar Fassungen, stellt euch das vor, die schlechter geschrieben sind. Es genügt zu sagen, dass die Bücherei alles enthält, die Widerlegungen eingeschlossen.

Tysons Artmachine ist in einem gewissen Sinne ein Teil von Borges‘ Bücherei (aber wir sind ja alle Teil von Borges‘ Bücherei). Eher trifft zu, dass sie die Art des Verfahrens gemeinsam haben bloß im umgekehrten Sinne, da durch ein Verringern der Möglichkeiten, durch die Entscheidung diesen oder jenen gegabelten Weg zu wählen, von einer Unendlichkeit von möglichen Werken ein einziges vorgeschlagen wird (irgendwo in Borges‘ Bücherei befindet sich ein Band über die Beziehung zwischen Tysons Arbeiten und Heisenbergs Prinzip der Ungewissheit, es muss allerdings noch gefunden werden). Tyson fängt dann mit der Realisierung der Arbeit an, mit der Materialisation ; tatsächlich scheint ihn die körperliche Zermürbung, die ihm eine solche Prozedur abverlangt, zwar nicht direkt zu erfreuen, aber auf eine gewisse Art Stolz zu machen. Falls man Tyson als Erfinder betrachtet, so nicht als Erfinder eines einfachen Objektes sondern eines komplexen Verfahrens. Während die Maschine die Schwierigkeit des Beginnens, des Wissens darum, wie es weitergehen soll, beseitigt hat, bringt sie die Schwierigkeit des Beendens mit sich. So hat Jacques Ellul es in The Technological Society ausgedrückt: „Je weiter sich der technische Mechanismus entwickelt, der uns erlaubt unseren natürlichen Bedingungen zu entfliehen, desto mehr sind wir den künstlichen technischen Bedingungen unterworfen.“ Wir alle sind gefangen in diesem Labyrinth, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, Tyson, ich, du, unsere Kritiker, wir alle.

Übersetzung: Martina Schmid

ZWISCHENTEXT

Kennt jemand das Problem, nicht zu wissen, wie es weitergeht? Natürlich ist es immer Einfach ein Problem, etwas anzufangen. Sogar davor muss man wissen, dass man anfängt und Ich frage mich, wie weiß man es? Wie trifft man diese Entscheidung? Zweifellos sind das zum Teil schwierige Fragen (obwohl ich mich gerade wundere, warum ich mit diesen überhaupt Hier beginne) aber sie betreffen die menschliche Kreativität und es gibt nichts Komplizierteres. Text und Autor können hier weder weiter darauf eingehen noch klare Antworten geben; but oh Yes, die Fragen bleiben bestehen. Vielleicht wirft menschliche Kreativität nicht nur Fragen auf, Sondern stellt auch die Mittel mit denen wir versuchen, Antworten zu finden? Geht es nicht Offensichtlich um die ununterbrochene Erkundung dieses Zustands, dieses Vorgangs? Nun aber, was dann? Dann was? Ja, es ist immer ein Problem, zu wissen, wie es weitergeht.

von Jeremy Millar

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