Titel: Der gerissene Faden · von Thomas Wulffen · S. 141
Titel: Der gerissene Faden , 2001

THOMAS WULFFEN

Nichtlineare Projektionen

Die Videoarbeiten von Heike Baranowsky

Der Begriff ‚Projektion‘ ist in einem bestimmten Sinne zweideutig. Zum einen kann er eine technische Reproduktion bezeichnen, wie sie in den Videoarbeiten von Heike Baranowsky vorgeführt wird. Zum anderen bezeichnet der Begriff Projektion auch die Übertragung von Wünschen, Gefühlen und Vorstellungen auf ein Gegenüber. In den auf die Realität bezogenen Werken von Heike Baranowsky hat auch dieser Sinn des Begriffs eine spezifische Bedeutung. Denn was der Betrachter sieht, hat er schon gesehen. Er sieht es hier nur ganz anders.

Dieses ganz Andere zeigte sich schon in einer der ersten Videoarbeiten der Künstlerin, ‚En Face‘ aus dem Jahre 1995. Vor dem Betrachter gleitet eine endlose Reihe von Bürofenstern entlang. Der konzentrierte Blick entdeckte mit der Zeit, dass sich die Bilder wiederholen und ihm offenbart sich gleichzeitig eine Art Leben hinter diesen Fenstern, für einen Moment festgehalten. Diese Ansichten kennt der Betrachter, einerseits aus persönlicher Erfahrung, andererseits vermittelt über mediale Welten, insbesondere die des Film. Er versucht diese Erfahrung mit der Projektion vor sich in Einklang zu bringen und scheitert daran. Projektion trifft auf Projektion. Weil das Videoband ‚En Face‘ nur Bewegung suggeriert, aber tatsächlich keine enthält, außer dem Vorbeigleiten unterschiedlicher Stills (sic) von Fensteransichten, entsteht Irritation. Dabei bleibt zu bemerken, dass das ‚Fenster‘ ein wesentlicher Topos abendländischer Kunst ist, dem Heike Baranowsky einen metropolitanen Ausdruck gibt. Dabei dreht die Künstlerin diesen Topos buchstäblich um, indem sie die Perspektive von außen nach innen setzt. Das Fenster zur Welt wird das Fenster des Büros.

Es kann dabei von einer…

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