Titel: Der gerissene Faden , 2001

HARALD FRICKE

Franz Ackermanns »Mental-Map«-Zeichnungen und »Evasion«-Serien

Überall ist es besser, wo wir nicht sind“, so hieß am Ende der Achtzigerjahre ein Low-Budget-Film von Michael Klier, der das Lebensgefühl im Westteil von Berlin beschreiben sollte. Ein Pole kommt auf der Durchreise in die Mauerstadt und will doch nach New York. Wenig später fiel die Mauer und Klier drehte „Ostkreuz“, diesmal mit einem polnischen Kleinganoven, Treber-Jungen und anderen „Fremden“ im Grosstadtbetrieb. Trotz Wende herrscht auch hier eine depressive Grundstimmung, mit der die Protagonisten sich durch den Ostteil der Stadt treiben ließen. Es schien, als wäre bei aller Euphorie des Umbruchs nichts Wirkliches zu entdecken, und auch die Zukunft mehr ein Vakuum. Gleichwohl passte diese Neo-Noir-Atmosphäre hervorragend ins Bild einer Metropole, deren Jugend sich Nacht für Nacht in den Clubs verschwendete. Trotz der überbordenden Farbigkeit sind auch die Städtebilder von Franz Ackermann melancholisch besetzt. Was immer sich bei ihm in pop-artigen Flashes und psychedelisierenden Dekowaben als urban gestalteter Raum zeigt, ist zugleich im Begriff des Verfalls und Auseinanderdriftens. Der 1963 geborene Ackermann setzt dabei auf die Vielschichtigkeit von Images, die allein der visuellen Ordnung gehorchen. Stadt ist ein chaotisches Geflecht, das sich um ein paar Sightseeing-Inseln arrangiert, wuchert und an den Rändern auflöst – mehr Zustand als Territorium. Deshalb repräsentieren die Panoramen auch keine bestimmten Orte, sondern vielmehr einen vagen Mix flüchtiger Erinnerungen, die im Gegensatz etwa zu den leblosen Motiven auf Souvenirpostkarten stehen. Tatsächlich handeln Ackermanns Arbeiten von der Unschärfe des Unterwegsseins. Trotzdem stellt er damit eine Bildsprache her, die unmittelbar an die…

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von Harald Fricke

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