Titel: Der gerissene Faden , 2001

FRANK FRANGENBERG

Tatsuo Miyajima

Zeit ist ein japanisches Thema. In meiner Vorstellung entspricht es in seiner Abstraktheit dem japanischen Streben nach Perfektion. Man lebt – eine Insel – auf wenig Raum, man denkt nach über Zeit: eine elegante Lösung, vom Raummangel abzulenken, da man sich um die andere Dimension schart.

Tatsuo Miyajima zeigt uns Zeit in Zahlen. Sie strahlen, die Zahlen von 1 bis 9. Es sind Leuchtdioden. Die technoid-populäre Erscheinungsweise seiner Objekte und Installationen: vielleicht ist das auch etwas Japanisches. Miyajima verbindet so Populärkultur mit der Idee eines äußerst komplexen Zahlenkosmos. Und Tatsuo Miyajima schafft die erfolgreiche Verbindung, da er durch Buchstäblichkeit fasziniert. Zeit in Zahlen zu zeigen ist so buchstäblich, dass sich Zeit dem Verständnis des Betrachters seiner Zahleninstallationen zu entziehen droht. Damit ist der Eindruck umrissen, den Tatsuo Miyajimas Installationen auf einen haben können. Eine einfache Sache, die sich schnell beschreiben lässt. Das evozierte Gefühl der Erschöpfung lohnt eine längere Beschreibung.

1987 entwickelt Tatsuo Miyajima sein erstes „Gadget“: eine Leuchtdiode, die immer wieder von 1 bis 9 zählt. Seitdem komponiert er Zahlenensemble aus Licht emittierenden Dioden, LEDs. Früher noch auf abgedunkelte Räume angewiesen, können sie im Zuge ihrer technischen Perfektionierung auf Verdunkelung zunehmend verzichten. Der 1957 geborene Künstler arbeitet mit der Verkabelung einzelner Gadgets. Ein simples Grundraster wird gebildet aus vier „Gadgets“ – technische Spielereien nennt Miyajima den elementaren Baustein seiner Kunst. Die Leuchtdioden reagieren auf elektrische Impulse: sie bringen die Zahlen zum Glimmen. Auf ihrer dunkelgrünen, technischen Oberfläche – der den meisten mittlerweile vertraute Anblick von Motherboards o.ae. hat uns darauf vorbereitet – sitzen die Dioden und strahlen: in grün, dort in gelb, auch in orange. Die einzelnen Zahlen glimmen unregelmäßig auf, in zunehmender Geschwindigkeit, in verwirrender Vielfältigkeit dem Betrachter entgegen, zu schnell, als daß dieser die Abfolge der aufleuchtenden Zahlen nachvollziehen könnte.

Die Geschwindigkeit, mit der die einzelnen Zahlen aufglimmen, variiert, so dass sich nebeneinanderliegende Zahlen nie übereinstimmend zu bewegen scheinen. Eine in ihrer Einfachheit längerfristig irritierende Rhythmusverschiebung. Zwischen 1 und 9 ist alles möglich. Die 0 taucht nie auf – das Symbol, in fast jeder Zahlenphilosophie jeder Kultur, für das Absolute. Ein Ende gibt es damit nicht in Tatsuo Miyajimas Welt.

Diese Gadgets stehen in einem Zusammenhang, hängen voneinander ab, und sind so abgegrenzt gegenüber den anderen, die womöglich auch verkabelt sind. Viele Gadgets kombiniert ergeben ein komplexes Statement. In proportionalen Sprüngen zu immer komplexer gearteten Tafelbildern komponiert, hat man das sichere Gefühl, nie dasselbe Bild zu sehen, wie lange man auch das Gegenüber an der Wand fixiert.

Was kann man sich alles mit seiner mathematischen Schulausbildung – ein gefährlich seichter Tümpel aus Halbwissen und Gefühl – noch erklären? Zu diesem Zeitpunkt hat der Betrachter einen empfindlich larmoyanten Aspekt des eigenen Menschseins zu überwinden: am leichtesten durch das Eingeständnis der eigenen Unfähigkeit, die Beziehungen zwischen den Zahlenkomponenten nachvollziehen zu können. Demut kehrt ein. Ist das die richtige Haltung angesichts eines Meeres aus Zeit?

In „Sea of time“ von 1988 arbeiteten 300 einzelne Zähler synchron, aber verschieden schnell. Hunderte Zeiten in ihren eigenen Rhythmen. Von 1 bis 99. Wiederholung.

„Clock for 300 thousand years“ von 1987: 9 Billionen 999 Milliarden Sekunden, in Zehntelsekunden zählend vom Start an. Bis zu seinem voraussichtlichen Ende. Lange nach dem Tode des Künstlers. In diesem Falle verhilft die Buchstäblichkeit seiner Kunst dem Künstler Miyajima zu einer gehörigen Strecke Nachruhm.

Tatsuo Miyajima ließ seine Zahlen nicht nur in Rastern leuchten, auch in Linien laufen. Er fügte sie zu zyklischen Ringen. „Counter Line“ von 1989: eine vier Meter lange Reihe von LED-Zählern. „Counter Circle“ von 1988: einen Kreis beschreibend. Die Linie: die westliche Vorstellung von Zeit – laut Miyajima. Der Kreis: die heilige Form des Ostens.

Den linearen wie zyklischen Arbeiten mit unserem Zahlensystem konnte die Vorstellung eines tickenden Chronometers noch gemütlich beiwohnen. In den Rasterarbeiten kommt einem die Gewißheit über unser Zahlensystem jedoch abhanden. Das Auge kann allein eine aufglimmende Zahl nach der anderen verfolgen, der Geist versucht Kohärenz herzustellen und watet in einem Meer von Zahlen.

Es ist soviel spannender, sich Zeit als ein ewig anwesendes, alles durchpulsendes Element anzusehen, anstatt dem Gefängnis der unentwegt startenden Linearität – 1, 3, 5, usw. – sich zu ergeben. Den Fluß der Zeit in ein Meer aus Zahlen umzulenken, ist auf jeden Fall eine interessante Metaphernumbesetzung. In einem Fluss holt man sich nur nasse Füße. In einem Meer kann man ertrinken, das macht die Spannung von Tatsuo Miyajimas Zahlenkolonnen aus.

von Frank Frangenberg

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