Titel: Der gerissene Faden · von Jutta Koether · S. 156
Titel: Der gerissene Faden , 2001

JUTTA KOETHER

Robert Beck: »The Woods«

The Woods“ ist der Titel für die erste Ausstellung in Deutschland mit Arbeiten des amerikanischen Künstlers Robert Beck. Es ist eine konzeptuelle Ausstellung mit Objekten, ein Arrangement von Dingen, die auch davon sprechen wollen was unsichtbar und oder mehrdeutig bleibt. Holz oder Wald? Narrativ oder theoretisches Statement in Symbolik und Image und Ding verpackt. Was steht hier an und was steht hier wem vor?

Was man sieht ist ein sehr bewusst angeordnetes Ensemble, das mehr als alles andere Ergebnis einer Forschung von einem der liest, spricht, Bilder aufnimmt, erinnert. Da kommt unterschiedlich intensives und auf verschiedenen Ebenen anklickendes visuelles Reizmaterial zusammen, das unabhängig voneinander funktioniert, doch in der Aneinanderreihung und Nebeneinanderstellung zu einer Auslage wird. Eine Art begehbares Diorama. Selbst-Anthropologie in Aktion. Es geht um Vater-Sohn-Beziehungen, Sexualitäten, Weitergeben von Verhaltensschemata, Präferenzen, Einprägungsvorgängen, Lernen. Die einzelnen Gegenstände regulieren die Verbindungen, Interaktionen unter sich. Trotz aller kritischen Distanzierung wird klar, dass es auch ein Tribut an den Vater ist, in für ihn verständlichen Artefakten die Genese des Sohns als Künstler sichtbar zu machen. In der Sichtbarmachung wird der Bann aufgelöst. Was nicht heißt, dass etwas verschwindet.

Man sieht den Bann, und irgendwo darin lassen sich Erklärungen ausmachen, aber nie expliziert. Alles erweiterbar, alles veränderbar, auch die Erinnerungen, auch die Erklärungen. Was jedoch dann am Auge festhält ist das Artefakt, in der Form sehr spezifisch, mit der eigenen spezifischen Materialität. In „The Woods“ tritt etwas aus dem Gewühle an die Oberfläche. Und breitet sich auf eine eher ruhige, durchdachte, semi-konzeptuelle, semi-subjektivistische Weise aus. Ich schaue Zeugnisse von Geschehen, finde aber auch Methoden-Repertoires zum Ordnen solcher Ereignisse vor.

Robert Beck hat eine besondere Beziehung zum Wortspiel. Eine Methode innerhalb der Wortspiel-Möglichkeiten ist es, einen Begriff zu nehmen und außer den ambivalenten Gedankenanhängseln, die sich sowieso schon eingestellt hatten, in einer Wendung den Begriff dann auf einmal übergenau zu nehmen.

In diesem Sinne ist der Holzscheitstoß vor der Galerie („The Woodpile“) am wenigsten und am meisten „Kunstwerk“. Extrem zurückgenommen und doch extrem präsent. Was darauf wartet genommen und verbrannt zu werden. Es ist nicht verkäuflich. In ähnlicher Weise hatte auch eine Arbeit in der Ausstellung „Nature Morte“ gewirkt, vielleicht noch intensiver, weil es den Tod einer Person suggerierte. Da hatte Robert Beck draußen vor der Galerie (CRG in Soho, NY) aber immer noch nahe genug, den Genrebegriff von der „toten Natur“ extrem wörtlich nehmend und etwas installiert mit Blumen, Kerzen, Photo etc., das einen unwillkürlich in die Galerie laufen und die Frage stellen ließ, was denn da passiert sei, ein Unfall, eine Attacke. Es war schon komisch, wie man einfach auf diese Zeichen reagierte. Der Effekt des künstlichen Artefakts und daraus resultierende Verschiebung des Verhältnisses von spiritueller Bedeutung /materiellem space war fast etwas unheimlich, man selbst mitten in der Spannungszone von Einbezogenheit und distanziertem Blick schwankend.

Was Tod aber bedeutet, speist sich aber auch immer daraus, wie man mit dem Begriff aufwächst, welche Erfahrungen und Erinnerungen an die eigene und die Erfahrung der anderen da vermittelt wird. Robert Beck bezieht sich in „The Woods“ auf das, womit er aufgewachsen ist, der durch den Vater versuchtermaßen an den Sohn übertragene Lust am Jagen und damit auch Töten (von Tieren). Direkt zeugen davon ein Video „Untitled (Dec 29, 1993)“, in dem die Linse der Kamera bedeckt wurde, während das, was man sieht, die automatische Focus-Suche der Kamera ist, wird man zum Ohrenzeugen gemacht und hört einen Dialog, in dem der Vater dem Sohn Anweisung zum Schießen mit dem Gewehr gibt. Aufgenommen nach einem (obligatorischen) Weihnachtsaufenthalt beim Vater Ende 1993, mit einer Art historischem Abstand, ging die Sache erst jetzt in die Verarbeitung für „The Woods“ ein. (Fast alle Gegenstände in dieser Ausstellung sind auf 2000 datiert).

Durch das „Nicht-Geschehen“ auf dem Monitor wird man natürlich hellhöriger für den Dialog. Wird selbst Jäger. Spitzt die Ohren. Thematisiert wird somit auch Becks ambivalente Beziehung zwischen dem Schießen mit der Kamera und dem Schießen mit der Waffe, und also unterschiedlichen Formen des „Jagens“ von etwas (lebendige Tiere einerseits, Images für die Kunst andererseits) zu kommentieren. Als anderen visuellen „Beweis“, oder auch dritten Weg, gibt es je ein von Vater und Sohn durchschossenen Zeichnungspapierblock. Man trifft sich auf dem Zeichenblock, der nun auch Übungsblock/Zielscheibe ist. Ein Zwischen- ein Übungs- und Vorbereitungsfeld, sowohl für den Schießenden, als auch den Künstler. Die beiden Papierarbeiten zeigen etwas, das erscheint wie zwei große, graue hässliche Blumen mit einer Verwundung/Loch in der Mitte. Das Schießpulver, das in seiner Farbigkeit/Oberflachenmaterialität einem Graphitpulver/Stift nicht unähnlich ist, stellt die Nuancierungen.

„Father/Son (Daly Over/Under with 12 gauge ‚punkin’ball‘ slug @ close range)“. Der Sohn, der ja die Jagd-Welt des Vaters abgelehnt und irgendwann beschlossen hatte, Künstler zu werden, zwingt nun diese Welt in seine eigene künstlerische Produktion hinein, bzw. das was er dafür hält. Grundsätzlich sind fast alle Arbeiten, die hier gezeigt werden, Eingriffe, kleine Interventionen, Verarbeitungen der festen Anweisungen und des moralistischen Materials, das sich aus einer Erziehung ergibt, bei der man mit Geschwister und Gewehren vorm Christbaum aufgestellt wird.

Das sieht man in der Arbeit „The Family Photo (Christmas 1968)“, das in einem Rahmen aus Rehbeinen präsentiert wird. Es ist ein Hinweis darauf, dass es die Menschen sind, die Trophäenmaterial bilden und die, weil es lebendige Wesen sind, trotz aller Abgeschossenheit, Bearbeitung, Behandlungen weitermachen, daher lebendige Zeichen sind; trotz aller radikalen Pervertierungen, das man weiterhin involviert, Selbst im sich inszenierenden Lebensdiorama. Kein Wunder, dass da Ordnungsversuche gemacht werden, Anordnungen eingeführt, was zu Hilfe genommen wird.

Mit „The Funnel“ nimmt der Sohn/Künstler wieder Gegebenes „Lehrmaterial“ – eine schematische Zeichnung zum Bau einer Tierfalle mit Geäst und Zweigen aus dem Buch „The Modern Man’s Guide To Survival“ und zeichnet sie erheblich vergrößert auf ein Papierbahn. Direkte extreme Modifikation, Darstellung des Eingehens dieses Inhalts in den Orbit einer Person, die die Wahl hat, Künstler zu werden.

Dieses Bewusstsein, dass man wie auch immer man protestierte, sich abwandte (der Teenager R.B. in der Ablehnung des Jäger-Vaters und dessen Welt, Wahl des Künstlerberufs, Erfahrung der eigenen Homosexualität etc.), dass also die Gründe für diese Entscheidungen auch in auf die Entscheidungen in der Gegenwart einwirken. Und in den verschiedensten Momenten und Situationen auch in unterschiedlicher Art aufscheinen und man weiß, Bearbeitung steht an. Und darin kommt alles mögliche vor. Von Abscheu bis Rationalisierungsversuchen, von bewusster Unbeholfenheit, Erinnern, Insistieren, Analysieren. So werden Techniken und Strategien in einem komischen Mix zwischen „subjektiver“ und „objektiver“ Klärung präsentiert.

„The Reproduction („Father, I cannot Tell a Lie; I cut the Tree“)“.

In diese Arbeit („Vater, ich kann einfach nicht lügen, ich habe den Baum abgeholzt“), so gestand es der Sohn dem Vater George Washington, so geht jedenfalls die Legende, die sich seither durch die Jahrhunderte gehalten hat, und den Vater als autoritätsgebende und wahrheitinstallierende Größe behauptet, der man, speziell der Sohn, sich „natürlicherweise“ beugt, einsichtig ist und die Moral wiederum weitergibt an die nächste Generation. (Reproduction, auch noch mal wörtlicher genommen!). Die künstlerische Technik für diese Arbeit nennt man „Découpage“; was nicht darüber hinwegtäuschen soll, dass es das Flair eines Kitschobjekts im Rustikal-Look hat.

Da Inhalt wie Formen sich auf Beziehungen beziehen, die alle sehr verwirrend und vielfältig sind, schienen die Objekte mit obsessiver Genauigkeit, penibel, gestaucht, gepresst, konzentriert ausgeführt zu sein. Als müsste alles, was an „Ordnung“ möglich ist, genau an diesem Objekt abgearbeitet werden. Über jedem Ding hängt eine gewisse Melancholie, die eine Art introvertierte Monstrosität noch betont.

„The Forms (Squirrel # A-50)“

So ein erschreckendes Ding! Hier ist die Modelliermasse „Duraflame“, eine mit Wachs aufgepepptes Holzspan-Gemisch, das zum leichtgemachten Entzünden von Kaminfeuern und Grills benutzt wird, in drei taxidermische Formen von Eichhörnchen-Körpern gestopft. Die so entstanden dunkelbraunen „Formen“ liegen in einem kleinen Haufen auf einer Unterlage aus Zeitungspapier, das eine Reproduktion des „Daily Plainsman“ ist, einem Spezialblatt für Jäger. Alles zusammen liegt auf einem weißen Sockel.

In „The Woods“ sind eher „neutral“ wirkende Sachen eingebaut, wie etwas der Holzscheitstoß; vielleicht um die Monstrosität zu mildern oder/und sie aber umso mehr herausbringen. „The Pup Tent (tree bark)“ bringt das besonders gut heraus. Denn es ist „neutral“, just another ready-made, aber dann eben doch nicht. „The Woods“ lädt ein inneres Szenario mit unoffensichtlich katastrophischen Inhalten. Man geht da hinein und guckt und schweift aber und wird wieder auf tote Punkte gestoßen. Dann wieder wird man auf die Ebene geladen, die einem vorgeführt, was der Künstler so alles tut, um so einen toten Punkt zu vermeiden, bzw. ihn zu verflüssigen. Beck, wie eine Art praktischer Tourguide, zeigt uns wie er sich von einer Technik zur anderen (Photos, Video, Ready-Made, Appropriation, Modifikation) geht, um schließlich zu zwei klassischen Varianten zu kommen, die die am zugespitztesten und prägnantesten Bestandteile des Ensembles bilden: „The Pup Tent (tree bark)“, eine Skulptur. Ein von innen und außen mit einer Art Jäger-Camouflage bemaltes kleines Zelt, das sich auf einem Sperrholz-Plateau befindet, was offen lässt, ob es Sockel, quasi-begehbare Bühne oder einfach nur Präsentation-Staffage ist. Ein Ding, das einen von einer Offensichtlichkeit in allerlei Mehrdeutigkeit reinführt, dass das aus Überkompensation „straight“-gemachte Gepresste wieder aufweicht. Ein Ding, das doppelt und dreifach verkünstlichte „Natur“ anbietet. (Der Exzess hier war in der Planung ein noch gesteigerter gewesen: In einer anderen Version für die Inszenierung der Gegenstände von „The Woods“ war geplant gewesen, die ganze Ausstellung auf so ein Plateau zu platzieren).

Doch auch so hat das Objekt seine Intensität. Es ist ein halb-künstliches/halb echtes Holz, und das Muster des Zelts imitiert Baumrinden. Intensiver Ausschnitt, Hinweis darauf, dass man nur immer einen Teil von etwas zu sehen bekommt, und wenn man ins „Verborgene“ guckt, das dann intensiviert wird, was man sowieso sah … aber was man sowieso sah, war auch nicht genau das, was man zu sehen glaubte, hier konkret also nicht gesiebdrucktes Camouflage Muster, sondern von eigener Hand Gemaltes, innen und außen.

Und sowieso war das „podest“ zu flach, um wirklich ein Geheimnis zu verbergen. Oder?

Und schließlich abschließend „krönendes“ Teil der Ausstellung ist dieses Bild, das auf einer Staffelei präsentiert, sich seinen Inhalt auch noch mal thematisiert. Was eine „institutionelle“ oder aber eine Darreichungsform von Malerei, wie man sie in Kontext von Antiquitäten, Flohmärkten oder Schaufensterdekorationen von Kunstbedarfs-Geschäften findet, bildet es jedoch hier in der konkreten Situation den aggressivsten Gegenstand. Es ist Bild und Skulptur, es steht im Raum, es schaut die Betrachter an, und es zeigt das Schauen selbst. Es geht offensichtlich auch hier darum über eine bekannte allerseits verständliche Vorstellungsweise auch die Technik des gemalten Bildes als Verhandlungstechnik anzubieten. Das erste Bild, seit einigen Jahren, das Robert Beck in Angriff nahm, ging als „The Painting (The Wolfman by The Wolfman)“ in „The Woods“ ein. Was es genau zeigt: Auch wieder Holz, einen allerdings ziemlich tot aussehenden Baum in einer Winterlandschaft mit gerade nach links und rechts ins Bild gemalten Ästen auf denen fünf weiße Wölfe sitzen und uns anstarren. Ein Remake des Bildes das der Freud’sche Wolfmann-Fall Mensch entworfen hatte. (Man findet das in „Aus der Geschichte einer infantilen Neurose“ dargelegt. Die Zeichnung geht zurück auf einen Traum des Patienten, den er erinnert als 3-4 jähriger gehabt zu haben, in dem er sich im Bett liegend am offenen Fenster träumte, durch das eben dieses Bild erschien. Und dieser und andere Träume als Elemente von Tierphobien, Kastrationsängsten, Zwangsneurose zu lesen sind.) Nun sind wir hier den Wölfen mit den fuchsartigen Schwänzen überlassen. Sehen was das Kind, der Patient, Freud, oder Robert Beck sah? Die Erinnerung und die Krankheit des anderen, sowie die Methode der Behandlung werden emblematisch zusammengefasst in einem Artefakt, das wiederum als Erinnerungsauslöser funktioniert, um die Gegenwart zu aktivieren. So sehe ich, dass hier etwas Rhythmisches zustande gekommen ist. Nun lasst uns die Sensibilität von Eindruck und Sinnen erhöhen. Stehlt das Holz!