Titel: Der gerissene Faden , 2001

CHRISTOPH DOSWALD

Gilles Barbier

DAS DIAGRAMM ALS AUSGANGSPUNKT AUTOPOIETISCHER SIMULATIONEN

Was wäre unsere Welt ohne Systeme und Strukturen? Ganz abgesehen vom Fehlen diesbezüglicher Philosophien, würden wir wohl ohne eine bestimmte Systematik auch diverse zivilisatorische Haltungen auf unserem Globus vermissen. Oder etwa nicht? Es ist jedenfalls kaum mehr vorstellbar, ohne Demokratie, ohne Warenhandel, ohne Denkmodelle und ohne die dazugehörigen Strukturen zu leben. Strukturen sind regulative und organisatorische Setzungen, die, damit sie Gültigkeit erlangen, einem intersubjektiven Anspruch zu genügen haben. Dieser durch Erfahrung gefestigte Norm eignet auch eine moralische Komponente – was davon abweicht, wird als Fehler definiert.

Betrachten wir zum Beispiel das System der menschlichen Mobilität, das durch Verkehrswege und -zeichen gebildet wird. Es regelt die Fortbewegung, ganz gleich ob zu Fuß, per Fahr- und Motorrad oder mit dem Auto, ob auf einem Trampelpfad im Dschungel Borneos oder auf der Fifth Avenue in Manhattan. Der Code und die Ökonomie dieser Systeme können sich kulturell allerdings beträchtlich unterscheiden. Während sich etwa in zentralafrikanischen Ländern alle diese unterschiedlich gearteten Verkehrsteilnehmer ohne ersichtliche Ordnung über eine unbefestigte Straße bewegen, huldigt die darin schon sehr geübte westliche Zivilisation der abstrahierenden Funktionstrennung: Velos, Fußgänger, Autos, Untergrund- und Straßenbahnen werden auf separaten Asphalt- und Schienentrassees geführt, damit Konflikte (Unfälle) zwischen den unterschiedlichen Fortbewegungssystemen möglichst vermieden werden. Kommt es trotz dieser Separierung zu Kontakten oder Kreuzungen zwischen den einzelnen Trassees, dann regeln die in der westlichen Welt universellen Verkehrszeichen den Ablauf dieser potentiellen Konflikt-Situation. Wie wir wissen, funktioniert trotz dieser Regelung das System nicht fehlerfrei: der Mensch ist halt keine Maschine und…

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von Christoph Doswald

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