Titel: Das Neue Ausstellen · von Angelika Fitz · S. 188
Titel: Das Neue Ausstellen , 2007

Angelika Fitz

Aktive Kubatur und Kulisse

Neubau als Gegenposition zum Museumsboom – Gfzk Leipzig

In der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig (GfZK), die eigentlich ein Museum ist, dessen Kern die umfangreiche Sammlung des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft im Bundesverband der Deutschen Industrie bildet, hält man nicht viel vom Trend zum Rückzug in den abgesicherten Hafen des bürgerlichen Modernekanons. Stattdessen bezieht sich die kuratorische Arbeit auf offene und experimentelle Stränge. Unter der Leitung von Direktorin Barbara Steiner stehen kontextspezifische, ereignisorientierte und politische Kunstbegriffe im Fokus. Dazu gehört, dass die Sammlung laufend in Dialog mit Wechselausstellungen tritt. Solche Konfrontationen auch räumlich zu intensivieren, war eines der Bedürfnisse, das zum Neubau (2002–2004) des Architektenteams AS-IF führte.

Hinter AS-IF stehen Stephanie Kaindl, Paul Grundei und Christian Teckert, eine deutsch-österreichische Kooperation mit Bürositz in Berlin. Grundei und Kaindl waren bereits in leitender Funktion für verschiedene große Bauvorhaben von Berliner und US-amerikanischen Büros tätig, unter anderem auch für Museumsbauten. Teckert ist vor allem durch Ausstellungsprojekte zu Architektur- und Urbanismusfragen in Erscheinung getreten.

Die Zersplitterung der Kubatur

Behielt Peter Kulka bei seinem Erweiterungsbau der GfZK 1998 die Grundstruktur der bestehenden Gründerzeitvilla weitgehend bei, so setzt AS-IF nun einen eigenständigen Baukörper in den angrenzenden Park, der das bestehende Ensemble zwar städtebaulich zwingend erweitert, aber in seiner geometrischen und formalen Ausprägung auf direkte Bezüge verzichtet. Das flache, durchgehend nur einstöckige Gebäude schmiegt sich an die Grenzen des bestehenden Baumbestandes, wodurch sich ein unregelmäßiger Pavillon ergibt. Mit seinem rückspringenden Sockelbereich scheint er den Park kaum zu berühren und wie ein Floss auf der Oberfläche zu treiben. Die akzidentelle Außenform lässt den Baukörper unübersichtlich und fragmentarisch wirken, was durch Niveausprünge auf der Dachebene noch verstärkt wird.

Trotz seiner gut tausend Quadratmeter Grundfläche entsteht der Eindruck eines leichten Pavillons, der auch temporär gedacht sein könnte und dadurch einen wohltuenden Kontrast zur Monumentalität anderer Museumbauten bietet. Im Inneren bereichert die Zersplitterung der Kubatur die Belichtungssituation der kleinteiligen und verschachtelten Ausstellungsräume. Während der Wunsch nach Tageslicht in der Regel zu großen, durchgängigen (Kunst)Hallen mit einheitlichem Charakter führt, wollten AS-IF möglichst viele unterschiedliche Raumwirkungen erzeugen, die von intimen Situationen bis zu öffentlichen Schaufenstern reichen. Durch exakt gesetzte Oberlichtbänder und Bodenschlitze erhalten auch die zu Innerst liegenden, potenziell für heikle Sammlungsbestände klimatisierbaren Räume natürliches Licht.

Die Unvorhersehbarkeit des Besucherblicks

Die eigentliche Komplexität der Struktur entfaltet sich von Innen nach Außen. Polygonale Raumgefüge, von denen keines identisch ist, schließen aneinander an, umschließen sich oder durchdringen sich wechselseitig. Es gibt keinen Standpunkt, von dem aus die Besucherin die Gesamtzusammenhänge der Ausstellungsräume überschauen könnten. Hin und wieder, wenn eine Raumfolge an eine Außengrenze stößt, taucht plötzlich ein Stadt- oder Parkausschnitt auf. Aus- und Einblicke erhalten ihren Reiz vor allem durch ihre Unvorhersehbarkeit. Es gibt keinen Panoramaausblick, genauso wenig, wie es im Inneren eine Überblicksposition gibt. Die Kontinuität zwischen Innen und Außen bleibt gebrochen. Hier wird kein modernistisches Subjekt angesprochen, dass sich durch Klarheit und Transparenz seiner Position versichern will. In dem fast labyrinthischen Gefüge kommt nie Selbstverständlichkeit auf. Die Wahrnehmung bleibt frisch.

Die Performativität der Wegführung

Bereits Le Corbusier teilte die Architekturen in „tote und lebendige“ ein, „je nachdem, ob das Gesetz des Durchwanderns nicht beachtet oder ob es im Gegenteil glänzend befolgt wurde“. In seiner „promenade architecturale“ wird der abwechslungsreiche Weg zum Symbol für eine mehrschichtige Wirklichkeit. Aber während Le Corbusier seine BenutzerInnen auf genau geplante Pfade der Erbauung führt, weist die Architektur von AS-IF eher Bezüge zu Josef Franks Überlegungen zu „Weg und Platz“ und somit zu einer erweiterten österreichischen Moderne auf. Frank durchkreuzt mit seinen zufällig wirkenden Wegführungen jede modernistische Klarheit und vertritt bereits eine prozesshaft von innen gedachte, nicht repräsentative Architektur, die im Vollzug entsteht und die performativen Möglichkeiten ihrer BenutzerInnen multipliziert.

Die Multifunktionalität der Raumstruktur

Mehrschichtigkeit entsteht im Neubau der GfZK zusätzlich durch Multifunktionalität. Die meisten Räume haben kein fixes Programm. Ein Projektionsraum kann von der Blackbox zur Vitrine werden, eine Galerie zum Vortragsraum, der Vortragsraum zum Atelier für artists in residence und mit wenigen Eingriffen wieder zum Ausstellungsraum, usw. Viele Trennwände entpuppen sich als großformatige Schiebewände, mit denen Raumgeometrien, Raumgrößen und Raumsequenzen verändert werden können. Dass diese Flexibilität nicht in die kontraproduktive Richtung von „Multifunktionalität ist gut für nix“ abdriftet, lässt sich unter anderem auf die langjährige Zusammenarbeit der AS-IF ArchitektInnen mit der Leiterin der GfZK zurückführen. Es wurden bereits vor diesem Projekt unterschiedlichste Ausstellungssituationen gemeinsam erarbeitet.

Das Augenzwinkern der Ernsthaftigkeit

Während die KuratorInnen die Architektur der neuen GfZK als flexibles und kostengünstiges Instrument einsetzen können, gelingt es den ArchitektInnen gleichzeitig, diesen instrumentalen Charakter atmosphärisch zu überschreiten. Differente räumliche Proportionen, konzeptuelle Materialwechsel sowie selbst entwickelte Low-Tech-Details, wie zum Beispiel die Mechanismen der Schiebeelemente oder die Lüftungslamellen, erzeugen eine Konzentration, die der ästhetischen Erfahrung nur zuträglich sein kann. Neben Sichtbeton, Glas und verschieden eingefärbten Verkleidungen tauchen auch ungewöhnliche Materialien auf, wie ein bei Sportanlagen gebräuchlicher Gummibelag, der fallweise an Boden, Decke, Wänden und Außenfassen zur Anwendung kommt. Aus der Entfernung ist die teilweise gummierte Außenfassade kaum von Basaltstein, wie er bei traditionellen Museumsbauten gerne eingesetzt wird, zu unterscheiden. Erst im Näherkommen wird die monumentale Ernsthaftigkeit zum sportiven Augenzwinkern.

Formen, Stimmungen, Attitüden und Stil

Die Architektur wurde hier von Anfang an nicht als neutraler Behälter von Kunst, sondern als konstitutiver Bestandteil der Ausstellung begriffen. Dazu gehört, dass die Wand als Träger oder Hintergrund von Kunst selbst zum Thema gemacht wird. Technischer Aufbau, Volumen und verschiedene Materialitäten der Wände werden an den Naht- und Verschiebestellen immer wieder sichtbar gemacht, nicht als Verweis auf die Konstruktion, sondern auf die Aufgaben, auf die „Tätigkeit“ dieser Wände. Es sind aktive Kulissen, die uns daran erinnern, dass jede Ausstellung auch eine theatralische Aufführung von Kunst ist, dass unsere Erfahrung von Kunst von diesen Inszenierungen abhängig ist. Deshalb sind die komplexen Sinnstrukturen und Formensprachen dieses Kunstraums keinesfalls ein Manierismus. Oder, wie der Künstler Olaf Nicolai in seinem Essay Show Case schreibt: „Fragen nach Formen, Stimmungen, Attitüden und Stil sind kein luxuriöses Spiel mit Oberflächen. Sie sind Fragen nach Organisationsformen von Handlungen.“ Fragen, die vor dem Hintergrund des aktuellen Museumsbooms dringend wieder gestellt werden sollten, wenn wir in Zukunft mehr Auswahl beanspruchen wollen, als uns zwischen musealen Erlebniswelten und sakralen Tempeln der Kunst entscheiden zu müssen. Der Neubau für die GfZK weist intelligente und zugleich lustvolle Wege aus diesem Dilemma.

ANGELIKA FITZ (geb. 1967)?ist Kulturwissenschafterin, Autorin und Kuratorin in den Feldern Architektur und Kunst. Zuletzt Kuratorin von „Ornament & Display“, Co-Kuratorin der Projektreihe „Import Export“ in Bombay, Wien, Berlin sowie der Ausstellung „Reserve der Form“ im Künstlerhaus in Wien; 2005 und 2003 Kommissärin für den österreichischen Beitrag zur Architekturbiennale in Sao Paulo; zuvor „Kapital & Karma“ in der Kunsthalle Wien sowie „Trespassing – Konturen räumlichen Handelns“ in der Secession. Seit 1998 hat sie mehrere Projekte im südasiatischen Raum mit lokalen KulturtheoretikerInnen, KünstlerInnen, ArchitektInnen realisiert. Lehraufträge u.a. am „Southern Californian Institute for Architecture“ in Los Angeles, an der DA-YEH University in Taiwan, an der Donauuniversität in Krems und an der Universität für Angewandte Kunst in Wien. www.angelikafitz.at