Ausstellungen: Brüssel , 2007

Ingo Arend

Die selbstreflexive Nation

Visit (e). Werke aus der Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland

ING-Kulturzentrum, Palast der Schönen Künste, 23.3. – 1.7.2007

Die Deutschen kommen. Als 1989 in Berlin die Mauer fiel, sahen sich die Deutschen selbst als „das glücklichste Volk der Welt“. Der Rest Europas hielt sich bedeckt. Vielen galt ein vereintes Deutschland als Sicherheitsrisiko für Europa. Seit dem Epochenbruch sind achtzehn Jahre vergangen und die Angst vor dem entfesselten Gulliver Deutschland hat sich verflüchtigt. Doch womöglich spürt das Land immer noch alte Vorbehalte bei seinen neuen Partnern. Anders ist es wohl kaum zu erklären, dass Bundesregierung und Bundestag die deutsche EU-Ratspräsidentschaft mit drei hochpolitischen Kunstausstellungen flankieren. Wenn die Kanzlerin die Ausstellung Blicke auf Europa, die zeitgleich zur Visit(e)-Schau im Brüsseler Palais des Beaux-Artes und zur Politik & Kunst – Kunst & Politik-Schau des Deutschen Bundestages zu sehen war, als „das wichtigste Kulturereignis“ ihrer Ratspräsidentschaft bezeichnet, darf man dringlichere Motive hinter dem Großaufgebot an Kunst vermuten als bloß die üblichen Repräsentationsbedürfnisse.

In gewisser Weise kann man Visit(e) und Politik & Kunst – Kunst & Politik als Kontrastprogramm zu der großen Europa-Schau mit der Malerei des 19. Jahrhunderts ansehen. Dort inszeniert sich Deutschland mit Christian Gottlieb Schicks Porträt Heinrike Danneker von 1802 programmatisch: als Deutschland ohne Pickelhaube, als Musterschüler der französischen Revolution und Spiegel der besten europäischen Eigenschaften. Dass es zumindest eine gewisse Diskrepanz zwischen der übernationalen Mission Deutschlands, wie sie Blicke auf Europa so suggestiv vorführt, und der Realität im eigenen Land gibt – diese Erkenntnis verdankt der Besucher den beiden anderen…

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