Titel: Das Neue Ausstellen · von Paolo Bianchi · S. 102
Titel: Das Neue Ausstellen , 2007

Neues Ausstellen

Kunstmuseum Thurgau / Kartause Ittingen Oktober 2006

Das Neue in der Kunstwelt – woran erkennt man es? Bleibt das Neue unbestimmbar, weil es an etwas anschließt und sich gleichzeitig davon absetzt? Die Formulierung von Neuem erfordert auf paradoxe Weise einen Rückgriff auf Strukturen, mit denen sie gleichzeitig brechen will. Ohne ein Nachdenken über das Alte kann die Formulierung von Neuem nicht funktionieren. Etwas Neues entsteht, wenn Menschen es als intellektuelle und intuitive Herausforderung betrachten, mit ihrem ganzen Sensorium gemeinsam zu forschen, zu experimentieren und zu reflektieren.

Neue Museen werden gegründet, Sammlungen erweitert, das Publikum strömt in Massen zu den Ausstellungen. Wenn Ausstellungen zeitgenössischer Kunst von Tausenden von Besuchern frequentiert werden, diese dabei aber höchstens ein paar Sekunden ihrer Aufmerksamkeit einem Bild oder Exponat widmen, stellt sich die Frage: Für wen überhaupt werden Ausstellungen gemacht? Während der Kunstmarkt immer bloß das Neueste oder das gerade eben neu entdeckte Alte auszustellen pflegt, geht es im so genannten Betriebssystem Kunst immer mehr darum, ein „Neues Ausstellen“ zu praktizieren.

Ziel der öffentlichen Vortragsreihe von und mit Ausstellungsmacher/innen am Samstag, 28. Oktober 2006, im Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen (Schweiz) war es denn auch, fünf innovative Persönlichkeiten vorzustellen, die ein verändertes Ausstellungsverständnis repräsentieren, indem sie für ein „Neues Ausstellen“ Raum, Zeit und Energie ein- und freisetzen. Zur Debatte stand die Selbstreflexion als Auseinandersetzung mit der Kunst des Ausstellens. Thema waren sowohl spezielle Ausstellungen und ihre Macher/innen als auch das Ausstellen als solches.

Eingeladen wurden Martin Beck, Moritz Küng, Harm Lux, Madeleine Schuppli und Dorothea Strauss. Die beiden Vorträge von Küng und Beck sind im vorliegenden Heft in Text und Bild abgedruckt.

Am Freitag, 27. Oktober 2006, trafen sich die gleichen fünf Ausstellungsmacherinnen und ausstellende Praktiker zu einem eintägigen Dialog über das „Neue Ausstellen“ im Kunstmuseum Thurgau. Das Setting des Dialogs war ähnlich dem des Gesprächs zwischen Joseph Beuys, Jannis Kounellis, Anselm Kiefer und Enzo Cucchi Mitte der Achtzigerjahre in der Kunsthalle Basel. Damals waren es Künstler, heute sind es Kuratorinnen und Kuratoren. Abseits der Hektik des Kunstbetriebs wurde in klösterlicher Atmosphäre und im gemeinsamen Gespräch über die eigene kuratorische Praxis nachgedacht. Dieser nicht öffentliche Dialog, der in einem privaten Rahmen stattfand, ist eigens für die Veröffentlichung im vorliegenden Band transkribiert, gekürzt und editiert worden.

„Neues Ausstellen“ zeigt sich als Haltung von Ausstellungshäusern und -macher/innen, die Kunst (Medien, Design, Architektur) im Dialog mit Gesellschaft und Öffentlichkeit präsentieren. Ausstellungen entwickeln sich vermehrt zu Orten eines dialogischen Zusammenspiels zwischen Besuchern und künstlerischen Äußerungen. Gelungenes Ausstellen betreibt Zeitdiagnose und lädt das Publikum zum Nachdenken über Welt- und Selbstbilder ein. Anspruchsvolles Ausstellen gewinnt an Bedeutung. Das Bedürfnis nach Relevanz, Nachhaltigkeit und Substanz wächst.

„Neues Ausstellen“ besteht nicht in der Auflistung und Aneinanderreihung von Artefakten, sondern es lebt von der Gestaltung und Vermittlung beziehungsreicher Erzählungen. Neu ist, dass nicht nur Dinge vermittelt werden, wie traditionell vorgesehen, sondern dass es zu einer engagierten Arbeit am Erzeugen von Atmosphären, Inszenierungen und Situationen kommt. So gerät die Bedeutung von „Ausstellungs-Displays“ und der „Diskurs des Ausstellens“ verstärkt in den Blick.

Das „Neue Ausstellen“ wurde in Ittingen von Ausstellungsmacher/innen präsentiert, die sich sowohl als Seismografen, Trendscouts und Talentjäger verstehen, zugleich aber auch mit und durch Ausstellungen kritische Impulse setzen sowie relevante Diskurse gestalten. Mit fünf öffentlichen Präsentationen und einem Dialog-Setting bot die Veranstaltung neue Einblicke in die kuratorische Praxis von Institutionen und Kurator/innen.

Martin Beck: „Ein Begriff wie Neues Ausstellen weckt Widerstände, da er impliziert, dass es gleichzeitig eine neue Form des Ausstellens und in Folge ein neues Interesse daran gibt. Es stellt sich die Frage: Wie wird dieses Neue definiert und was ist das implizierte Alte, zu dem hier eine wertende Relation hergestellt wird? Ist dieses Neue Ausstellen als künstlerischer und kuratorischer Gegenpol zur gängigen Galerieausstellung mit ihrem Fokus auf die Präsentation von individuellen Werken zu verstehen? Oder zielt eine solche Begrifflichkeit auf eine veränderte Rolle von Gestaltung und Kommunikation im Ausstellungskontext?
Die Ausstellung ist prinzipiell ein altes Medium, das eng an die emanzipatorischen Utopien der Moderne gebunden ist. Als solches hatte diese ihren diskursiven – und vielleicht auch formalen – Höhepunkt in den Fünfziger- und frühen Sechzigerjahren. Es ist diese historische Referenz, die meinen Umgang mit dem Medium Ausstellung bestimmt und von welcher aus ich – im Rahmen meiner künstlerischen Praxis – gegenwärtige Modelle visueller Kommunikation im Format Ausstellung entwickle.“

Martin Beck, geboren 1963 in Bludenz, studierte an der Universität Innsbruck, der Akademie der bildenden Künste Wien und der Hochschule für angewandte Kunst Wien. Er lebt und arbeitet in New York. Seine künstlerischen Arbeiten thematisieren Fragen von Autorschaft, Historizität und Display. Konkrete Ausstellungsprojekte greifen häufig auf Diskurse aus Architektur, Design und Populärkultur zurück.

Moritz Küng: „Ausstellungen konzipieren und realisieren hat für mich vor allem mit einer räumlichen Dimension zu tun. Nicht nur mein spezifisches Interesse an zeitgenössischer Architektur und Kunst, und wie sich diese Disziplinen zueinander verhalten, spielen eine wichtige Rolle, sondern insbesondere auch die Auseinandersetzung mit dem Ort oder Raum, in dem die Ausstellung stattfinden soll. Mein Umgang mit Werk und Raum ist ein intuitiver. Letztendlich ist es der Raum der Ausstellung selbst, der sagt’, was und wie man ausstellt
.Diese Auffassung beruht auf der Tatsache, dass ich in meiner Arbeit als Kurator in den seltensten Fällen Ausstellungen in Räumen realisiert habe, die ursächlich auch dafür gebaut wurden. So fanden meine allerersten Ausstellungen 1991 in einem kleinen, trockengelegten Kellerraum statt – im Architekturforum Zürich. Meine letzten auf dem Campusgelände der grössten Institution Belgiens – im deSingel, Internationaal Kunstcentrum, Antwerpen. Dazwischen lag ein ganzes Spektrum von Ausstellungen in Privatwohnungen, ehemaligen Villen, Busremisen, Fabrikhallen, Druckereien, Casinos, Metro-Stationen oder Parcours-Ausstellungen durch Städte. Dieser Hintergrund wirft natürlich die Frage nach dem idealen Raum auf, der aber letztlich utopisch bleibt.
Wenn man von einem Neuen Ausstellen spricht, so glaube ich, dass man, im Gegensatz zur aktuellen Tendenz zum Spektakulären, das Werk wieder glaubwürdig verorten und ihm Raum, Zeit und Kontext geben muss. Dies ist nicht eine Frage der Form, sondern der Mentalität und Haltung, die sich seit einiger Zeit merkwürdigerweise nicht in den Kunstzentren, sondern vor allem an der Peripherie abzuzeichnen beginnt.“

Moritz Küng, Jahrgang 1961, lebt seit 1993 in Brüssel. Er schloss eine Lehre als Innenausbauzeichner bei Robert und Trix Haussmann ab, Architekten, Zürich (1980-84). Er studierte als Innenarchitekt an der Gerrit Rietveld Akademie, Amsterdam (1984-88) und Kunstgeschichte an der Universität Brüssel (1995-97). Er war Redaktionsmitglied der Architekturzeitschrift „Forum“, Amsterdam (1988-90), Koordinator Studium Generale, Rietveld Akademie, Amsterdam (1988-91), Geschäftsführer bzw. künstlerischer Leiter Architekturforum Zürich (1991-92), Assistent-Kurator, Centre National d’Art Contemporain de Grenoble, Le Magasin (1992-93), Kurator bildende Kunst, Festival a/d Werf, Utrecht (1998-2003). Seit 2002 ist er Kurator des Ausstellungsprogramms im deSingel, Internationales Kunstzentrum Antwerpen.

Harm Lux: „Ich stelle mir ein Neues Ausstellen als Wandern auf diversen Kontinenten vor. Es ist ein Wandern, um auf eigensinnige, exzentrische, freakartige oder meditative Personen zu stossen. Auf Menschen, die Parallelwelten entwickeln. Auf Menschen, von denen ich lernen kann. Wenn ich auf solche Menschen treffe, bin ich mir nicht sicher, ob es sinnvoll ist, diese Persönlichkeiten ins Kunstsystem zu überführen, respektive an Kollegen weiter zu vermitteln. Oder ob ich sie in ihrer Eigenwelt belasse.
Zur Zeit versuche ich mit Künstlern, Musikern, Theaterleuten, Tänzern, Performern und Regisseuren eine neue Präsentationsform zu entwickeln, in der sich der Ausstellungsraum in einen performativen Raum verwandelt. Dieses Neue Ausstellen ist nicht mehr abhängig von eindeutigen und sofort interpretierbaren Koordinaten, sondern zeichnet sich aus durch den konstanten Dialog mit dem Gegenüber. Ich sehe darin die Weiterentwicklung eines ‚Relational’-Curating, eines Ausstellungsmachens in Zusammenhängen. Wir entwickeln dieses Experiment als Kollektiv mit circa 16 Personen. Inwiefern es gelingt, weiss ich nicht.“

Harm Lux, geboren 1955 in Vaals/NL, studierte Social-Urban-Planning an der Social Academy / Hoge School West Brabant, Breda/NL (1978-83). Er war Gründer des Artist-Run-Space Lokaal 01 in Breda/NL (1981-87), Assistent von Ulrich Loock an der Kunsthalle Bern (1987-88), Direktor der Shedhalle Zürich (1988-93), Kurator von Shed im Eisenwerk in Frauenfeld (1996-99) und von Location One in New York (2000). Seit 2001 ist er als freier Kurator in Berlin tätig. 2004 wurde ihm vom Schweizer Bundesamt für Kultur der Meret-Oppenheim-Preis verliehen für das Projekt „Routes. Report vom Land der Träume“.

Madeleine Schuppli: „Die Praxis des Ausstellens unterscheidet sich je nach Gebiet – Architektur, Kulturgeschichte, Design etc. – grundlegend. In meinem Arbeitsfeld, der zeitgenössischen Kunst, müssen sich das kuratorische Konzept und das Ausstellungs-Dispositiv aus den Exponaten heraus entwickeln. Nur so ist eine vertiefte Begegnung mit der Kunst möglich. Die Grundvoraussetzung ist ein absolutes Vertrauen in das ausgestellte Werk. Als Kuratorin habe ich dieses aus einer Fülle von möglichen Werken ausgesucht und es damit als wichtig und relevant betrachtet. Nun gilt es, zu diesem Werk zu stehen, es ‚anzupreisen’ und wenn nötig bis aufs Letzte zu verteidigen.
Eine forcierte Inszenierung der Exponate macht keinen Sinn, sie ist unnötig. Die Dramaturgie und Gestaltung einer Ausstellung von zeitgenössischer Kunst muss so selbstverständlich daher kommen, dass sie nicht wirklich wahrgenommen wird. Im Zentrum stehen die Kunstwerke. Die ganze Aufmerksamkeit soll ihnen zukommen. Sie sollen sich bestmöglich entfalten können. Weder das Ausstellen noch das Kuratieren an sich sind Kunst. Im Gegenteil: Diese Tätigkeiten – auch wenn es dazu Können und Erfahrung braucht – stehen im Dienst der Kunst. Das Neue Ausstellen sehe ich in der Präzision, wie kuratorische Praxis gepaart wird mit einem Minimalismus im Dispositiv.“

Madeleine Schuppli, geboren 1965 in Zürich, studierte Kunstgeschichte in Genf, Hamburg und Zürich (1986-1994). Sie war Kuratorin an der Kunsthalle Basel (1996-2000). Seit 2000 ist sie Direktorin des Kunstmuseum Thun. Sie ist Mitglied des Stiftungsrates von Pro Helvetia und des Vorstands des Schweizerischen Kunstvereins. Sie erhielt 2001 das eidgenössische Bundes-Stipendium für Kunstvermittlung und 2004 das Werksemester Berlin der Landis & Gyr Kulturstiftung (2004). Madeleine Schuppli wird neu Direktorin des Aargauer Kunsthauses in Aarau und tritt den Posten am 1. November 2007 an.

Dorothea Strauss: „Mich interessiert in meiner kuratorischen Arbeit die enge und glaubwürdige Zusammenarbeit mit Künstler/innen. Ihre ganz individuellen und subjektiven Lösungen in Verbindung mit meinen Interessen sowie künstlerisch-kulturell-gesellschaftliche Zusammenhänge und ihre Auswirkungen verstehen zu wollen, haben mich in den letzten Jahren geleitet und geprägt.
Neues Ausstellen heisst für mich, an unterschiedlichen Wirkungen zu arbeiten und zwar aus der Perspektive aller beteiligten Themen im Terrain Kunst und Gesellschaft. Unter Wirkungen verstehe ich Fragen nach Anziehungskraft, Auswirkung, Reaktion, Folge und Konsequenz. Neues Ausstellen bedeutet vor allem, eine sorgfältig erarbeitete Allianz zwischen den verschiedenen Bedürfnissen der beteiligten Kräfte herzustellen. In Bezug auf meine Arbeit verstehe ich Neues Ausstellen als Synonym für die Forderung nach einem lebendigen und zugleich gewissenhaften Umgang mit Intimität, Öffentlichkeit, Praxis und Theorie im Beziehungsnetz Kunst/Künstler – Raum/Ort/Kulturraum – Individuum/Gesellschaft.
Aus diesem Anliegen heraus habe ich mich in den letzten Jahren häufig für ein institutionelles Arbeiten entschieden, weil mich die Widersprüchlichkeit zwischen der Verbindlichkeit – und durchaus auch Trägheit – einer dauerhaften Örtlichkeit und der stabil-labilen Dynamik durch Kunst sehr interessiert. Ausstellungen zu konzipieren, Ausstellungsprogramme zu entwickeln und mit Künstler/innen und dem Publikum in einen massgeblichen Prozess einzusteigen, fusst ganz klar auf Teamarbeit und ist an die Notwendigkeit individueller Formen von künstlerischer Freiheit, kritischer Aufmerksamkeit, Sorgfalt, Humor, Sachkenntnis, Intelligenz, Begierde und Liebe gekoppelt.“

Dorothea Strauss, studierte Kunstgeschichte, Filmwissenschaften und Klassische Archäologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main (1982-88). Sie war Kuratorin am Museum Konkreter und Konstruktiver Kunst, Otterndorf (1988-91), Leiterin der Geschäftsstelle Deutscher Werkbund Hessen, Frankfurt/Main (1991-95), Leiterin des Ausstellungsraums „Strauss & Adamopoulos“ (zusammen mit Konstantin Adamopoulos), Frankfurt am Main (1993-96), Leiterin der Kunsthalle St. Gallen (1996-2001), Direktorin des Kunstvereins Freiburg i. Brsg. (2001-05). Im Jahr 2000 erhielt sie den eidgenössischen Kuratoren/innen-Preis des Bundesamtes für Kultur in Bern. Seit Juni 2005 ist sie künstlerische Direktorin des Haus Konstruktiv in Zürich.