Titel: Kunst lernen? , 2017

Bezalel Academy of Arts and Design, Jerusalem

Synergien zwischen Kunst und Handwerk
von Tanja Klemm

Im Alten Testament ist Bezalel ein angesehener Kunsthandwerker, dem Gott Weisheit, Klugheit und die Kenntnis schenkt, Pläne zu entwerfen und sie (in Gold, Silber, Kupfer, Stein oder Holz) umzusetzen. Ferner stattet er den Mann – dessen Name so viel wie „Im Schatten Gottes“ bedeutet – mit der Gabe aus, diese Fähigkeiten auch an andere weiterzugeben. Berichtet wird von ihm im zweiten Buch Mose (Ex. 35, 30), dort, wo der Prophet Bezalel beauftragt, das Heiligtum des Wüstenzugs, die Bundeslade, anzufertigen. Nach wie vor ist das stilisierte Motiv der Bundeslade das Logo der Bezalel Academy of Arts and Design, allerdings dynamisiert, indem es die streng symmetrische Bildvorlage aus dem Jahr 1914 leicht aus der senkrechten Achse nach rechts kippt.

Als der bulgarische Hofbildhauer Boris Schatz die Kunstgewerbeschule Bezalel 1906 gründete, verfolgte er gleich mehrere Ziele. Neben der kunsthandwerklichen Ausbildung junger Leute in Jerusalem sollte die Schule „eine originär hebräische Kunst entwickeln, die zionistische Bewegung künstlerisch unterstützen und die darniederliegende jüdische Wirtschaft in Jerusalem ankurbeln.“1 Der Markt für kunstgewerbliche Produkte für Pilger und Touristen, meist dekorativer und religiöser Natur, blühte zu dieser Zeit bereits in den jüdischen Gemeinden Jerusalems – was die Schule von Bezalel allerdings auszeichnete, war der gleichzeitige Anspruch, Zentrum einer nationalen jüdischen Kunst zu werden.2

Es entwickelte sich in Bezalel in den nächsten Jahren eine genuine Mischung aus traditionellem Kunsthandwerk, das vor allem die Einwanderer aus dem Nahen Osten beherrschten und europäisch orientierter Kunstausbildungspraxis: Die Studenten übten sich im zeichnerischen Naturstudium, in der Ornamentik (der Jugendstil beherrschte die frühen Jahre in Bezalel), in der Elfenbeinschnitzerei, aber auch der Lithographie oder Malerei, sie besuchten Kurse in Kunstgeschichte, Perspektive und Anatomie. Sie erlernten traditionelle handwerkliche Fertigkeiten in Goldschmiede-, Keramik- oder Textilwerkstätten. Die Werkstätten waren entweder unabhängig oder sie befanden sich in der Schule selbst.3 Ikonographisch bestimmte die jüdische Tradition die Arbeiten, sie reichten von sakralen Objekten und Souvenirs bis hin zu Gemälden und Druckgraphiken.4

Zwar musste die Akademie 1929 wegen finanzieller Schwierigkeiten schließen. 1932 jedoch wurde sie bereits wiedereröffnet – diesmal als Bezalel School for Arts and Crafts.5 Eine neue Ausrichtung, die Tradition des Bauhauses prägte von nun an das Ausbildungsprogramm der Schule. Das lag vor allem an namhaften jüdischen Künstlern und Kunsthandwerkern wie Joseph Budko oder Mordecai Ardon, die aus Nazi-Deutschland geflohen waren. 1969 übernahm der Staat Israel die Schule, die sich seitdem Bezalel Academy of Arts and Design nennt.

Hintergrund

Die Tradition von Bezalel als israelische Kunstinstitution ist gegenwärtig in Gesprächen mit Personen, die an der Akademie lehren. Eran Ehrlich beispielsweise bezeichnet Bezalel „als die angesehenste Kunst- und Designakademie in Israel seit 1906.“6 Ihr Einfluss auf Kunst, Design, Architektur und Geschichte in Israel sei enorm.7 Ehrlich leitet seit 2013 das Department of Ceramics and Glass Design – einen der ältesten und gleichzeitig künstlerisch avancierten und international stark wahrgenommenen Studiengänge in Bezalel. Und in der Tat ist es schwierig, sich eine zeitgenössische israelische Kunst- und Kulturszene ohne Bezalel vorzustellen – renommierte Künstler wie Ilit Azoulay, Yael Bartana, Dor Guez, Sigalit Landau, Guy Ben-Ner oder Gilad Ratman sind allesamt mit der Akademie verbunden, sei es durch das Studium oder die Lehre. Künstler zu sein und Kunst zu lehren schließt sich in Bezalel nicht aus. „Die besten Künstler in Israel unterrichten auch“, so Eli Petel, der seit 2011 das Department of Fine Art leitet.8

Ebenso ist Bezalel nach wie vor eng mit dem lokalen Kontext verzahnt und bietet gleichzeitig ein Kunststudium auf internationalem Niveau an – wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen als vor 100 Jahren: Die meisten Studenten in Bezalel sind zwar Israelis oder Migranten, viele aus Russland.9 Besonderes Augenmerk liegt jedoch zudem auf Minderheiten wie arabischen Studenten oder jungen Leuten aus ultra-orthodoxen jüdischen Familien. Ergänzt wird dieser lokale Fokus durch ein extrem breit angelegtes und mit großem Engagement betriebenes internationales Austauschprogramm: Mit über 190 Kunsthochschulen weltweit pflegt Bezalel Partnerschaften – und das heißt auch, dass der Anteil an internationalen Austauschstudenten hier sehr hoch ist; im Department of Fine Art beispielsweise liegt er bei etwa 15 Prozent – nicht wenige der ausländischen Austauschstudenten bleiben nach Ablauf ihres Stipendiums. Ein Schwerpunkt liegt auf dem europäischen und U.S.-amerikanischen Raum, auch aus Sprachgründen.

Man weiß hier, was es heißt, an einem Ort situiert zu sein, der von Kriegen, Konflikten und Terror geprägt ist: „Wir fördern“, so Eran Ehrlich, „einen kritischen Diskurs über soziale und politische Fragen und ermutigen unsere Studenten, ihre eigenen Standpunkte auszubilden.“ Die Akademie arbeite eng mit dem städtischen Sozialamt ebenso wie mit Nichtregierungsorganisationen zusammen; Studenten, die an lokalen Sozialprogrammen mit Jugendlichen teilnehmen, zahlen nur die Hälfte an Studiengebühren, die mit 14.000 ILS, also etwa 5.700 Euro, relativ hoch sind im Vergleich zu Europa, jedoch akademischer Durchschnitt in Israel (und im Vergleich zu den USA oder Süd- und Ostasien gering). Darüber hinaus bestehen enge Verbindungen zu den zahlreichen Jerusalemer Museen und Forschungseinrichtungen – Eran Ehrlich nennt nur einige davon, wie die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, das Islamische Museum, die Hebrew University oder das Weizmann Institute of Science. Es verwundert vor dem Hintergrund einer solch ausgeprägten Sensibilität für den Ort nicht, dass der relativ junge, 2003 gegründete Studiengang Master of Fine Arts (MFA) nicht in Jerusalem angesiedelt ist, sondern in Tel Aviv, der Wirtschafts- und Kunstmetropole Israels. Hier befinden sich die wichtigen Galerien und Museen für Zeitgenössische Kunst.10 Alle Sammler und Künstler leben und arbeiten in Tel Aviv, so Nicola Trezzi, der den Studiengang seit 2014 leitet.11

„A blurring of state-of-the art with traditional craft“

Nicht zuletzt bezieht sich Bezalel nach wie vor auf seine handwerklichen, angewandten und künstlerischen Ursprünge. Was hier zählt, sind die Synergien zwischen diesen beiden Bereichen und weniger ihre Differenzen – und das auf mehreren Ebenen: Bezalel bietet den etwa 2.200 eingeschriebenen Studenten acht Bachelor- und vier Masterstudiengänge mit einem breiten Spektrum an, vom Design bis zur Freien Kunst. Nimmt man die rein historischen und theoretischen Studiengänge sowie die stark besuchten Studiengänge Architektur und Visuelle Kommunikation einmal aus, zählen zu den am Design orientierten Fächern die Bachelorstudiengänge Schmuck und Mode, Keramik und Glas Design, der Bachelor- und Masterstudiengang Industriedesign und der Masterstudiengang Stadtplanung („Urban Design“). Zur zweiten Gruppe gehören die Bachelorstudiengänge Film und Video („Screen Based Arts“) und Photographie sowie die Bachelor- und Masterstudiengänge Freie Kunst. Teilweise sind die Übergänge fließend, wie im Studiengang Keramik und Glas Design, der künstlerisch ausgerichtet ist und einen extrem guten Ruf in der internationalen Kunstszene hat. Hier existiert schlichtweg keine strikte Trennung zwischen handwerklicher Technik und künstlerischem Konzept. Auch für Eli Petel, der das Department of Fine Art leitet, greifen materialbasierte und konzeptuelle Zugänge ineinander: Der Umgang mit und das Nachdenken über Material gehört für ihn zu einer offenen Intellektualität und einem interdisziplinären Zugang, den das Studium der Freien Kunst an seinem Department auszeichnet. Es „eröffnet eine Reihe von Beziehungen – manchmal ist das nicht einmal modernistisch gedacht, sondern vormodern, manchmal religiös, muslimisch, jüdisch, manchmal mystisch – diese Denkformen können wir aufrechterhalten, durch das Material, durch das Tun.“ Das amerikanische Forbes-Magazin bringt die Geisteshaltung in Bezalel mit dem Satz auf den Punkt: „A blurring of state-of-the-art with traditional craft.“12

In der Tat: Fällt in Gesprächen der Begriff „Handwerk“, löst er keinen Schrecken unter den vielen Künstlern aus, die hier unterrichten. Im Gegenteil. Eran Ehrlich beispielsweise bringt seine Haltung zum Handwerk folgendermaßen auf den Punkt: „Meiner Ansicht geht Handwerk über bloße Technik hinaus. Es handelt sich hier um einen Zugang und um eine Denkweise. Handwerk eröffnet schlichtweg andere Prozesse und Sensibilitäten. Für mich ermöglicht Handwerk einen radikalen und kritischen Zugang zu Kunst und Design. Das ist der Grund, weshalb es im Diskurs des Departments so wichtig ist.“ In seinen Anfängen, so Eli Petel, sei Bezalel sehr stark handwerklich geprägt gewesen; dann, vor allem in den 1980er Jahren konzeptuell, heute sei beides gleich wichtig. Interessant ist, dass er handwerklichem, materiellem Tun gar eine ethische und gesellschaftspolitische Dimension zuspricht. Es stelle den mobilen Bildungsschichten als vermeintlichen Kulturträgern einer Gesellschaft ein alternatives, freieres und interessanteres Modell entgegen.

Wie gestaltet sich nun dieses Ineinander von Kunst und Handwerk, von materialbasierten und konzeptuellen Zugängen konkret in den Bachelorstudiengängen Freie Kunst sowie Keramik und Glas Design – in zwei Studiengängen also, die eng zusammenarbeiten, deren Leiter einen ähnlichen Zugang zu materialbasierten Fertigkeiten pflegen und die sich doch an einer wichtigen Stelle unterscheiden: „Ceramics and Glass“ konzentriert sich auf zwei handwerkliche Werkstoffe. Das heißt auch, dass sich die intellektuelle Reflexion hier, in der Terminologie von Glenn Adamson „disziplinär“, an den traditionellen Zuschreibungen und an den konkreten materiellen Prozessen dieser „crafty materials“ orientiert.13 Der Studiengang der Freien Kunst dagegen ist der am stärksten interdisziplinär ausgerichtete Bachelorstudiengang in Bezalel, er bildet sozusagen das Herzstück dieser grundständigen Studiengänge. Konkret heißt das, dass die hier eingeschriebenen Studenten viele Werkstätten der anderen Departments frequentieren – in den Worten von Eli Petel: „We are using everything because we need everything“. Das gilt auch für die intellektuelle Reflexion und die philosophischen Ansätze, die hier sehr breit aufgestellt sind. Es ist zudem etwas anderes, im Kunstdiskurs selbst über Kunst nachzudenken oder das sozusagen von den Rändern aus zu tun, wie das bei den „crafty materials“ nach wie vor der Fall ist, die ihren handwerklichen Horizont immer mittragen. Eigenständige Keramik- und Glasstudiengänge wie an der School of the Art Institute Chicago (SAIC) oder eigene Keramik- und Glasklassen wie an der Akademie der Bildenden Künste in München sind nach wie vor selten, weltweit.

Theorie und Praxis

Alle Bachelorstudiengänge in Bezalel sind seit 1990 in dem hellen Gebäude untergebracht, das sich am Hang des Mount Scopus entlangzieht. Es befindet sich auf dem Campus der renommierten Hebrew University, im Osten Jerusalems – in einem geopolitischen Gebiet besonders enger, nach wie vor umstrittener Grenzen also, die hier sicht- und spürbar sind. Von dem weitflächigen Treppenaufgang vor dem Gebäude jedoch, der gleichzeitig Treffpunkt der Bachelorstudenten ist, eröffnet sich vor allem ein freier Blick, an klaren Tagen über Jordanien hinweg bis zum Toten Meer – das griechische Wort „skopus“ bedeutet so viel wie „Aussicht“ oder „Sichtweite“.

Im Inneren des Gebäudes verteilen sich die acht Bachelorstudiengänge auf acht Stockwerke – allerdings nicht gleichmäßig von unten nach oben. Sie nehmen stattdessen Bereiche im Gebäude ein, die sich über mehrere Stockwerke ziehen können. Das hat den Vorteil, so die ehemalige Studentin Adi Fluman, die sich im Laufe ihres Photographiestudiums auf Digitalkunst spezialisierte und 2016 das MFA-Programm in Tel Aviv abgeschlossen hat, dass die einzelnen Departments untereinander gut verbunden sind und gleichzeitig innerhalb eines Departments verschiedene Orte schnell erreicht werden können.14

Nicht nur versammeln sich alle Bachelorstudiengänge im selben Gebäude – auch der Lehrplan der hier eingeschriebenen Studenten ist ähnlich aufgebaut: 96 Kreditpunkte erwerben die Studenten in ihrem jeweiligen Department – hier handelt es sich vornehmlich um praktische Kurse und 24 Kreditpunkte in Geschichte und Theorie. Diese theoretischen Seminare, die „die Entwicklung der kreativen Fertigkeiten jedes einzelnen Studenten“15 begleiten sollen, besuchen sie zum Großteil im gleichnamigen Department („Department of History and Theory“). Die methodologische und theoretische Bandbreite ist groß hier, sie reicht von Kunstgeschichte, Soziologie, Wissenschaftsgeschichte, Kulturanthropologie und Philosophie bis hin zu wirtschaftlich ausgerichteten oder den „Cultural Studies“ im weiteren Sinne verpflichteten Kursen. Wo die Kunstgeschichte en gros westlich geprägt ist, liegt das Augenmerk der zeitgenössischen Kunstpraxis stärker auf globalen Zusammenhängen, allerdings meist an europäischen und angloamerikanischen Parametern orientiert. Kurse zur arabischen oder israelischen Kunstgeschichte werden auch angeboten.

Allzu aussagekräftig ist das Verhältnis 4:1 zwischen Praxis und Theorie nicht, denn die breit aufgestellten künstlerischen Studiengänge wie Freie Kunst aber auch Keramik und Glas verfolgen in ihrer praktischen Lehre einen philosophischen Zugang, gerade zu handwerklichen Fertigkeiten, die sich die Studenten in den Werkstätten aneignen. Es geht hier also nicht um ein rein mechanisches Erlernen von technischen Abläufen, sondern um eine gleichzeitige Reflexion dessen, was man tut. Im Studiengang Keramik und Glas beispielsweise ist der Kurs „Methoden praktischer und theoretischer Forschung“ („Methods of practical and theoretical resarch“) für alle Studenten über vier Semester hinweg obligatorisch. Eran Ehrlich hat ihn eingeführt. Es handelt sich hier um ein forschungsorientiertes Seminar, das jeweils gemeinsam mit einem Dozenten aus dem Studiengang Geschichte und Theorie angeboten wird.16 Künstlerische Forschung – „Artistic research“ ist hier also sozusagen Bestandteil des Studienplans und läuft von Beginn an parallel zu der künstlerischen Entwicklung der Studenten, auf praktischer, theoretischer und historischer Ebene. Interessant ist, dass dieser Kurs damit zwei Dingen nachkommt, die dem Theoretiker, Performancekünstler und Theaterwissenschaftler Ben Spatz in der angelsächsischen „practice as research“-Bewegung fehlen: eine historische Perspektive auf der einen Seite und ein Kunstbegriff auf der anderen, der auf einem handwerklichen Verständnis von Kunst beruht, im Sinne der griechischen und römischen Tradition der Begriffe techne bzw. ars.17

Forschung über die Departments hinweg verfolgt Bezalel auch ganz dediziert. Zwar bietet die Akademie keinen Ph.D. an, d.h. Studenten können hier keine Doktorarbeiten schreiben, in zahlreichen Projekten jedoch arbeitet die Bezalel Research and Innovation Authority forschungsorientiert mit unterschiedlichen wissenschaftlichen Institutionen, Museen oder Ministerien zusammen.18

„Play and think“

„Wir sind die technischste Akademie in Israel“, so Eli Petel, „gleichzeitig ist das nur eine Form von Wissen, ein Hintergrund. Du musst wissen, wie Du ihn nutzt, das ist alles.“ Und in der Tat scheint sich diese Haltung auch in den Studienplänen zu spiegeln: Die Studenten können frei innerhalb des großen Kursangebots wählen.19 Dennoch gibt es einen Schwerpunkt in der Dynamik eines Bachelorstudiums: Sie verläuft von allgemeinen und einführenden Kursen zu individuellen und vertiefenden. So liegt im Studiengang Keramik und Glas im ersten Jahr ein starker Fokus auf der Vermittlung von „Fertigkeitswissen“, und das in traditionellen Techniken ebenso wie in hochentwickelten. Die Studenten erhalten grundlegende Einführungen in keramischen Technike, sie töpfern, erlernen Gusstechniken, besuchen die Keramik- und Glaswerkstätten sowie Zeichenkurse. Im Gegensatz zum Studiengang Freie Kunst werden hier die praktischen Kurse teilweise auch von Technikern begleitet.

In der Freien Kunst dominieren in den Einführungen die Medien Zeichnung, Malerei und Skulptur, gefolgt von Video oder digitalen künstlerischen Werkzeugen („Digital tools for art“). Welche Einführungskurse die Studenten dabei jeweils genau belegen, steht ihnen auch hier frei. Ab dem zweiten Studienjahr, in dem sie einen eigenen Atelierplatz erhalten, können sie ebenso die Werkstätten anderer Fachbereiche frequentieren. Zu den grundlegenden Neuerungen, die Eli Petel seit 2011 eingeführt hat, zählt vor allem die Stärkung dreidimensionaler, performativer und Neuer Medien; vor seiner Zeit seien noch der Großteil der praktischen Kurse zweidimensional ausgerichtet gewesen. Gleichzeitig betont Eli Petel, dass sich die Studenten bei der Wahl ihrer Kurse nicht primär für bestimmte künstlerische Medien oder Techniken entscheiden, sondern für die Zusammenarbeit mit künstlerischen Persönlichkeiten – persönliche „Identität“, „Wissen“ und „Anerkennung“ sind hier die Schlagwörter. Was die vielen unterschiedlichen Lehrmethoden am Department verbinde, sei just dieser persönliche und künstlerische Zugang – in seinen Worten: „Wir mögen das Handwerk und die Materialien, aber wir haben keinen Stil – wir haben einen ‚teaching style‘“ – Adi Fluman bringt das Prinzip aus studentischer Perspektive auf den Punkt: „play and think“ nennt sie es. Als Photographiestudentin, die sich im Verlauf ihres Studiums zunehmend für die digitale Modellierung von Objekten interessierte und damit für einen Zugang, der in seiner Bandbreite nicht an ihrem Department angeboten wurde, besuchte sie ebenso Performance-Kurse in der Freien Kunst wie Nähkurse im Fachbereich Schmuck und Mode.

MFA – Tel Aviv

Auf ganz andere Formen künstlerischer Fertigkeiten – oder besser: Know-How zielt der zweijährige Master of Fine Arts (MFA) ab, der in Tel Aviv angesiedelt ist und seit 2014 von dem Kurator, Autor, Kunstvermittler und langjährigen Redakteur bei Flash Art International (New York) Nicola Trezzi geleitet wird. Um ein studentisches „studio program“ handelt es sich hier. Das Augenmerk liegt, in den Worten von Trezzi, auf einer „räumlichen Notwendigkeit – im physischen ebenso wie im metaphysischen und konzeptuellen Sinn“: auf der individuellen künstlerischen Praxis in einem eigenen Atelier sowie ihrer intellektuellen und theoretischen Reflexion, vor allem im Rahmen zeitgenössischer kuratorischer Praktiken und des „art criticism“.

Vergleichbare MFA-Programme finden sich im U.S.-amerikanischen Raum – nicht immer jedoch wird den Studenten ein eigenes Atelier zur Verfügung gestellt, schon gar nicht im Zentrum einer Kunstmetropole.20 An Vielfalt und Intensität sucht der Studiengang in Tel Aviv entsprechend seinesgleichen. Verortet in der lebendigen Salameh Street, bietet er den insgesamt 40 Studenten unterschiedliche Möglichkeiten, ihre künstlerische Praxis weiter zu entwickeln und kritisch zu reflektieren: Neben den Ateliers ist da der angegliederte Ausstellungsraum, die Miriam Nissenholtz Gallery, wo die Studenten die gut besuchten jährlichen Abschlussausstellungen ebenso präsentieren wie Gemeinschaftsprojekte. Auch Ausstellungen von Fakultätsmitgliedern finden hier statt.

Seit Januar 2017 leiten zudem vier Künstler, Yael Frank, Nimrod Gershoni, Carmel Michaeli und Ira Shalit die Galerie, unter dem Namen CC17 („Club Conceptual 2017“) – dies, so Nicola Trezzi, vor dem Hintergrund, dass es gerade in Israel wichtig sei, einem tendenziell modernistisch ausgerichteten Kunstbegriff eine erweiterte künstlerische Praxis beizugesellen. In einer Kultur, wo „making“ und „object knowledge“ traditionell eine große Rolle spielten, seien Künstler als Kuratoren, als Sammler, als Autoren noch nicht so stark präsent wie im internationalen Vergleich.

Ganz folgerichtig liegt auf den gesprächsorientierten Komponenten des MFA-Programms besonderes Augenmerk, und hier vor allem auf dem „extra curriculum program“. Israelische und internationale Künstler, Kuratoren, Autoren und Kunsthistoriker sind hier im Laufe eines Semesters zu Gast; sie besuchen die Ateliers, sie begleiten Workshops, sie führen Künstlergespräche oder halten Vorträge.21 Dieses Programm ist, in den Worten von Nicola Trezzi, das „Fenster nach draußen“. Das Ganze wird flankiert von wöchentlichen „critiques“ mit Fakultätsmitgliedern, sei es in Einzelgesprächen oder in der Gruppe, von einem Mentorenprogramm sowie von theoretischen Seminaren.22 Letztere finden in Jerusalem statt, in Kooperation mit dem „Master in Policy and Theory of the Arts“ – die Verbindung nach Jerusalem ist also wichtig, trotz Schwerpunkt in Tel Aviv.23 International renommierte israelische Ausstellungsmacher und Kunstkritiker wie Roy Brand oder Yael Kaduri leiten diese Seminare.

Eigene Austauschprogramme bietet der Masterstudiengang auch an, u.a. mit Paris (École nationale supérieure des Beaux-Arts) und Glasgow (The Glasgow School of Art) sowie ein Residenzprogramm für herausragende Studenten am „Institute of Investigative Living“ in Joshua Tree, Kalifornien, das von der Künstlerin Andrea Zittel, Absolventin der Rhode Island School of Design, und dem Autor James Trainor organisiert wird.

Zwar frequentieren die Studenten im MFA keine Werkstätten, denn das Augenmerk liegt hier nicht auf der Ausbildung und Vertiefung von praktischen Fertigkeiten. Dafür setzen Jahresschwerpunkte wie beispielsweise das „Painting Project“ auf medienspezifische Auseinandersetzungen. Bei dem Projekt, das 2016 zum ersten Mal realisiert wurde, handelt es sich um einen Malwettbewerb, der in Kooperation mit der italienischen Firma Maimeri/Fila für die Kunststudenten in Bezalel ausgeschrieben wurde. Etappen bis hin zur abschließenden Ausstellung „Painting Salon“ waren unterschiedliche praktische und theoretische Aktivitäten wie der Besuch von maltechnischen Workshops oder eines Kurses mit Mitgliedern der New Barbizon-Gruppe. Diese in Israel bekannte und international vernetzte Künstlergemeinschaft besteht aus fünf russischen Künstlerinnen, die sich der Tradition der Freilichtmalerei verschreiben, allerdings im urbanen Kontext. Fast alle haben klassische akademische Ausbildungen in der ehemaligen Sowjetunion hinter sich, die sie in ihrer Malerei feiern und gleichzeitig brechen.24 2017 gibt es eine Neuauflage des Wettbewerbs, dieses Mal mit einer stärker interdisziplinären Ausrichtung sowie einem Augenmerk auf der Praxis einer „erweiterten Malerei“.

Ein Blick in die Zukunft: „New Campus“

Betritt man im Gebäude auf dem Mount Scopus den weiträumigen Empfangsbereich des Büros von Adi Stern, Präsident von Bezalel, fällt der Blick schnell auf eine computersimulierte Ansicht des geplanten neuen Campus, dem „Jack, Joseph and Morton Mandel Campus“ – diskret platziert über einer schwarzen, ledernen Wartecouch und dennoch nicht zu übersehen. Momentan befindet sich das 100 Millionen-Dollar schwere Projekt noch im Bau, für das Jahr 2020 ist die Fertigstellung geplant. Dann wird Bezalel den Hauptsitz auf dem Mount Scopus vollständig aufgeben und die neuen Gebäude mit ihrer weiträumigen, luftigen Terrassenarchitektur beziehen.

Bezalel wird sich dann unweit der Jerusalemer Altstadt mitten im Russischen Viertel befinden, auf einem knapp 4.000 Quadratmeter großen Gelände zwischen der russisch-orthodoxen Dreifaltigkeitskathedrale und dem Museum of Underground Prisoners. Ganz bewusst, so eine Pressemitteilung aus dem Jahr 2013, sei die Entscheidung für diesen Ort gefallen: „Mit dem Umzug wird die Bezalel Akademie für Kunst und Design Teil einer lebendigen, pulsierenden urbanen Sozialstruktur. Sie wird die Innenstadt mit jungem, frischem Wind erfüllen, indem sie Studenten und einen ‚Geist der Kunst’ (‚a spirit of the art‘) in ihre Straßen zurückträgt.“25

In einer Stadt, wo Orte stets mehr als reine geographische Lokalisierungen sind und sich unweigerlich mit einer ihrer vielen komplexen religiösen, kulturellen, nationalen, politischen und historischen Identitäten ebenso wie mit Erfahrungen von Gewalt, Krieg und Terror verknüpfen, bringen metaphorische Formulierungen wie diese die Stimmung und den Genius Loci einer Gegend präziser auf den Punkt als nüchterne historische Beschreibungen.

Der neue Campus fügt sich bewusst in die Gegend ein und verkörpert gleichzeitig die veränderten Bedürfnisse einer avancierten Kunst- und Designakademie: Das japanische Architektenteam SANAA (Sejima & Nishizawa and Associates), das mit der israelischen Firma Nir-Kutz Architects zusammenarbeitet, entwickelte die vielen übereinander geschichteten luftigen Gebäudeebenen entlang der Topographie der Gegend; neben der räumlichen Erweiterung, die der Zunahme digitaler Technologien gerecht werde, spiegele die mehrstöckige Raumanlage mit ihren zahlreichen Treffpunkten für Studenten und Dozenten die interdisziplinäre Haltung der Akademie.26 Der neue Campus scheint auf diese Weise auch ganz bewusst einen anti-territorialen Raumentwurf in eine Stadt zu pflanzen, in der Multikulturalität die Lebenswelt ebenso prägt wie Segregation. Tatsächlich bringt die neue Architektur damit eine Praxis auf den Punkt, die das Kunst- und Designstudium im Gebäude auf dem Mount Scopus nicht erst in der nahen Zukunft charakterisieren wird, denn Austausch und Durchlässigkeit zeichnen die Akademie bereits jetzt aus.

Kurzinterview 

Eran Ehrlich, Leiter des Departments Ceramics and Glass Design, Bezalel Academy of Arts and Design Jerusalem

Tanja Klemm: Was ist das Besondere an Bezalel, gerade auch im internationalen Vergleich?

Eran Ehrlich: Im internationalen Vergleich bietet Bezalel viel Einzigartiges. Zu allererst ist da die Verortung der Akademie. Auf der einen Seite ist Bezalel eine zeitgenössische Akademie, der Standard ist hoch im Vergleich zu westlich-akademischen Kriterien, sie teilt Methodologien mit Kunst- und Designhochschulen weltweit, ihre Dozenten und Studenten sind eng mit den globalen Kunstszenen und -diskursen verbunden. All das macht sie zu einer westlichen Akademie. Gleichzeitig befindet sie sich in Jerusalem. Die Vielfalt unter den Studenten ist groß; unser Alltag ist von Konflikten, Terror, Kriegen etc. geprägt. All das, sowie unser Kulturerbe macht die Akademie zu einem Teil des Nahen Ostens. Das ist der große Unterschied zwischen Bezalel und den meisten Kunst- und Designhochschulen in Europa und den U.S.A.

Wie gestaltet sich das Verhältnis zwischen computerbasierter und materialbasierter Arbeit am Department of Ceramics and Glass Design?

Ich denke, dass es unsere Pflicht ist, unterschiedliche Formen kreativer Prozesse zu erforschen. In meinem Department nutzen manche Studenten computerbasiertes Arbeiten als Zugang zu ihren kreativen Prozessen, bei anderen Studenten blockiert der Computer die Kreativität. Ich glaube, dass wir vielzählige Prozesse untersuchen und auch alten Zugängen Raum geben sollten. Es ist wichtig nicht zu vergessen, dass Kunst und Design nicht mit dem Computer entstanden sind und dass andere Zugänge erhalten bleiben müssen.

Welche Bedeutung haben Materialfertigkeiten am Department?

Wenn ich über diese Frage nachdenke, ist es mir wichtig zu betonen, dass wir alles Erdenkliche tun, um die Trennung zwischen Technik und Konzept zu vermeiden. Dennoch ist es wichtig, dass die Studenten die Techniken gründlich lernen, die wir verwenden. Denn Technik hat einen Wert jenseits der Praxis, und dieser ist nicht damit erfasst, wenn man sagt, „du benötigst technisches Wissen“. Im ersten Jahr eignen sich unsere Studenten sehr intensiv Fertigkeitswissen an, das sie in den folgenden zwei bis drei Jahren vertiefen können. Wir versuchen, ihnen so viel Spaß wie möglich an Fertigkeiten zu vermitteln, von traditionellen bis hin zu avancierten.

ANMERKUNGEN
1 Michael Wuliger, „Ästhetik des Zionismus. Die Jerusalemer Kunstakademie Bezalel feiert ihren 100. Geburtstag“, in: Jüdische Allgemeine, 12.1.2006 (http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/5055 [6.11.2016]). Vgl. auch die Webseite der Akademie: http://www.bezalel.ac.il/en/about/landmarks/ (11.11.2016). Gedankt sei an dieser Stelle für die vielfältige Unterstützung, die Gespräche und schriftlichen Korrespondenzen folgenden Personen in Bezalel: Eran Ehrlich, Adi Fluman, Shani Goldberg, Eli Petel, Nicola Trezzi und Libi Zipser.
2 Vgl. Dalia Manor, Art in Zion. The Genesis of Modern National Art in Jewish Palestine, London u. New York 2005.
3 Vgl. Manor 2005, S. 35–39 (wie Anm. 2). Vgl. zu der starken jemenitischen Handwerkstradition in diesen frühen Jahren, die meist von Frauen weitergegeben wurde und ihrer Stellung in Bezalel: Yael Guilat, „Between Lulu and Penina: The Yemenite Woman, Her Jewelry, and Her Embroidery in the New Hebrew Culture“, in: Nashim: A Journal of Jewish Women’s Studies and Gender Issues 11 (2006), S. 198–223.
4 Vgl. den Bericht in der New York Times vom 9. Januar 1914 zur Ausstellung der Bezalel School in New York: http://query.nytimes.com/gst/abstract.html?res=9C07E4DE113CE733A25757C1A9679D946496D6CF&legacy=true (11.11.2016).
5 Vgl. zum Verhältnis von Bezalel und der Arts and Craft-Bewegung Manor 2005, S. 36–39 (wie Anm. 2).
6 Alle Zitate von Eran Ehrlich sind der schriftlichen Korrespondenz vom 28. August 2016 entnommen.
7 Die Verknüpfung von Bezalel und israelischer Kunstgeschichtsschreibung beispielsweise gilt als gesetzt in der akademischen Welt, wird allerdings im Rahmen einer globalen Kunstgeschichte jüngst zunehmend auch hinterfragt. Vgl. z.B. die internationale Konferenz „(Dis)Place: New Directions in the History of Art in Israel“, Tel Aviv University, 17.–18. Mai 2017.
8 Alle Zitate von Eli Petel sind einem Gespräch am 14.10.2016 entnommen.
9 Rund 20 % der Bevölkerung in Israel ist russisch. http://newbarbizon.wixsite.com/new-barbizon/about (23.11.2016).
10 Das sind beispielsweise das Tel Aviv Museum of Art oder das Center for Contemporary Art Tel-Aviv (CCA) sowie im Großraum Tel-Aviv das Petach Tikva Museum of Art, das Herzliya Museum of Contemporary Art oder das Museum of Art Bat-Yam (MoBY).
11 Alle Zitate von Nicola Trezzi basieren auf einem Gespräch am 1.9.2016 sowie zahlreichen schriftlichen Konversationen.
12 http://www.forbes.com/sites/carolinehoward/2011/05/10/names-you-need-to-know-bezalel-academy/#29cb86f458a7 (30.11.2016).
13 Vgl. zur Disziplinarität resp. Postdisziplinarität und dem Begriff der „crafty materials“ Glenn Adamson, Thinking Through Craft, London u.a. 2007, hier S. 1 und 74.
14 Alle Zitate von Adi Fluman basieren auf einem Gespräch und einer schriftlichen Korrespondenz am 23.11.2016.
15 http://www.bezalel.ac.il/en/academics/history/about/ (20.11.2016).
16 Im Wintersemester 2016/17 arbeiteten die Dozenten und Studenten mit der Archäologin Valentine Roux (Centre National de la Recherche Scientifique, Paris) zusammen, einer Keramikspezialistin mit Augenmerk auf technologischen Aspekten innerhalb der archäo-ethnologischen Forschung.
17 „As I have argued, art can only be research if it is understood in terms of craft (Latin: artes; Greek: techne).“ Ben Spatz, What a Body Can Do. Technique as Knowledge, Practice as Research, New York 2015, S. 231. Und weiter: „As I argue below, a diachronic perspective is essential in establishing the rigor of any research, including embodied research, yet surprisingly few champions of PaR (Practice as Research) emphasize this point.“ Ebd., S. 229.
18 Vgl. http://www.bezalel.ac.il/en/about/research/ (23.11.2016).
19 Vgl. die Kurspläne auf den Seiten der Akademie.
20 Nur vier Beispiele sind die MFA-Programme an der Columbia University School of the Arts, an der School of the Art Institute in Chicago (SAIC), am California Institute of the Arts (CalArts) oder an der Rhode Island School of Design (RISD).
21 Nur eine kleine Auswahl: Uri Aran, Pierre Bal-Blanc, Nicolas Bourriaud, Romy Golan, Corin Hewitt, Agnieszka Kurant, Lars Laumann, Chus Martínez, Jonathan Meese, Joshua Neustein, Wilfredo Prieto oder Société Réaliste.
22 Vgl. zur Praxis der „Art Critiques“ innerhalb der Künstlerausbildung im US-amerikanischen Raum James Elkins, Art critiques: A Guide, Washington 20143.
23 Die Masterstudiengänge „Policy and Theory of the Arts“, „Industrial Design“ und „Urban Design“ situieren nicht auf dem Mount Scopus, sondern im sogenannten Hansen Compound, einem ehemaligen Krankenhaus im gehobenen Jerusalemer Viertel Talbiya.
24 Zu New Barbizon: http://newbarbizon.wixsite.com/new-barbizon/about (23.11.2016).
25 http://www.bezalel.ac.il/res/2013newsevents/general/newcampren.pdf (5.11.2016).
26 Ebd.