Titel: Vom Ende der Demokratie · von Oliver Zybok · S. 140
Titel: Vom Ende der Demokratie , 2010

W.J.T. Mitchell

Bilder sind „Lebenszeichen“

Ein Gespräch mit Oliver Zybok

Populäre Kultur und Theorie erweisen sich traditionell als Problemzonen der Kunstgeschichte. Das Feld der Visuellen Kultur, auf dem sich auch Theorie, Text und populäre Kultur überschneiden, ist seit jeher das Arbeitsgebiet des amerikanischen Literaturwissenschaftlers und seismografischen Beobachters W.J.T. Mitchell, der 1992 für die sich abzeichnende Wende vom Wort zum Bild den Begriff des „pictorial turn“ prägte. Ihn interessiert die Tatsache, dass keine Fotografie einfach einen Ausschnitt aus der Welt der sichtbaren Erscheinungen zeigt, sondern vielmehr die visuellen Spuren der Zeit abbildet, in der sie entstanden ist. In diesem Charakteristikum erkennt er die Brisanz der Bilder. Die Massenmedien haben unterschiedliche Methoden entwickelt, diese Brisanz unsichtbar zu machen. Es ist dabei unerheblich, ob sie die aussagekräftigen Bilder durch Zensur eliminieren oder ob diese durch Unterdrückung in der Masse kursierender Klischees verschwinden. Stellen sie eine Gefahr für die demokratische Gesellschaftsordnung dar?

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Oliver Zybok: Die bildliche Darstellung von Situationen und Sachverhalten sowie die Informations- und Wissensvermittlung durch Bilder spielen mittlerweile in den meisten Lebensbereichen eine entscheidende Rolle. Kein elektronisches Hilfsmittel, wie Telefon, Organizer, Messenger, Kamera, iPod oder Spielkonsole kommt ohne Bilder aus. Unabhängig von kulturellen Kontexten und Sprachkenntnissen können Bilder kulturübergreifend verstanden werden. Weltweit wächst eine Generation von Menschen heran, für die Kommunikation über elektronische Medien selbstverständlicher Alltag ist. Es scheint aber bisher an notwendigen Kompetenzen zu fehlen, wie man Bilder in den neuen Bildwelten beurteilt und bewertet. Würden Sie dem zustimmen?

W.J.T. Mitchell: Ja und nein, denn ich denke, Ihre Frage widerspricht sich selbst. Sie sagen, dass „Bilder…

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