Magazin: Publikationen , 1998

Boris Groys Kunst-Kommentare

Ist die Autonomie der Kunst zu retten? Oder ist etwa gar die Forderung nach einem separaten Bereich ästhetischer Praxis unangemessen, weil sich ihr Sonderstatus zunehmend als kompensatorische Beschönigung lebensfeindlicher Zweckrationalität erweist? Wo und in welcher Form ist also Kunst noch wert, unterstützt zu werden?

Auch für die KommentatorInnen von Kunst sind das dringliche Fragen. Vor allem postmoderne Beliebigkeit und der Vormarsch von Marketing und PR im Kunstgeschäft verstärken den Verdacht, daß Texte über Kunst in ein böses Spiel verwickelt sind. Boris Groys, der im vorliegenden Band über sein Handwerk nachdenkt, möchte angesichts dieser trüben Aussichten jedoch nicht resignieren. Er solidarisiert sich zwar mit der skeptischen Behauptung, daß das meiste, was an Kunst-Kommentaren geschrieben wird, die ursprüngliche Erfahrung und die eigentliche Intention der Kunst bestenfalls verziert, wenn nicht behindert; aber diese Auffassung sprengt natürlich nicht den Rahmen der Kunstkritik. Seine Formel dafür lautet schlicht, daß man das Kunstwerk „in seiner Nacktheit“ wieder zurückgewinnen möchte. Solche Art von Bescheidenheit ist nicht gerade neu. Sie signalisiert einen Verzicht auf diskursive Privilegien, der einer Vertrauensbasis als Voraussetzung dienen soll.

Ist es vielleicht einfach nur der herrschende Mangel an derart ehrlicher Direktheit gegenüber der Kunst, der eine grundlegende Skepsis gegenüber allem Geschriebenen immer weiter verstärkt? Auch Groys glaubt das nicht. Denn die TeilnehmerInnen am ästhetischen Diskurs sind in der Regel mit allen Wassern gewaschen. Sobald eine Form der Selbstdarstellung erfolgreich überzeugt, wird sie von anderen kopiert, und skrupellos angewendet, um die naiveren Beobachter zu überrumpeln. KunstkommentatorInnen müssen also schon ein paar gute Einfälle haben, und…

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von Michael Hauffen

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