Titel: Transgene Kunst: Klone und Mutanten · von Sven Drühl · S. 112
Titel: Transgene Kunst: Klone und Mutanten , 2001

Sven Drühl

Chimärenphylogenese

Schenkt man den teilweise euphorischen Prognosen und Forschungsergebnissen der Biologie und Gentechnik Glauben, so stehen wir an der Schwelle zu einem Zeitalter der freien Wesen-Kombinatorik, der direkten Mischung aller Arten untereinander. Mäuse mit menschlichen Ohren (bislang nur auf dem Rücken), Schiegen (Mischung aus Schaf und Ziege), Kuhunde, etc. Alles scheint möglich, letztlich sogar die Schaffung völlig neuer – bislang undenkbarer – Superspezies. Was anmutet wie das Hirngespinst aus einem düsteren Schöpfungs-Science-Fiction, ist bei genauerer Betrachtung nichts anderes als die wiedererstarkte Version einer uralten Vision, die seit Jahrtausenden in beinahe allen Hochkulturen zu finden ist: die Beherrschung des Fremden und Unglaublichen durch die Erschaffung von Mischwesen – oder besser Chimären. Nur ist das Erschaffen solcher Hybride nun zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit nicht mehr allein auf die bildnerische Form mittels der Künstlerphantasie eingeschränkt, sondern vollzieht sich im realen Schöpfungsakt der Naturwissenschaftler. Der Körper von Mensch, Tier und besonders aller daraus resultierenden Hybride wird hier gleichsam zum Produkt einer neuartigen ökonomisch ausgerichteten Bio- und Sozialmacht.

„Vielleicht werden wir Zeugen der Erschaffung zahlloser neuer Tierchimären, unter anderem auch von Mensch-Tier-Hybriden. So könnte beispielsweise ein Schimp/Mensch – halb Schimpanse, halb Mensch – Realität werden. Die Mensch-Tier-Hybriden könnten als Versuchsorganismen in der medizinischen Forschung oder als Organspender für die Xenotransplantation große Verbreitung finden. Die künstliche Erschaffung von klonierten, chimären und transgenen Tieren könnte das Ende der freien Wildbahn und den Beginn einer bioindustriell gestalteten Welt einläuten.“ 1

Die Zukunft wird zeigen, was davon – jenseits aller moralischen Implikationen – dem Machbarkeitswahn anheimfällt und…

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