Ausstellungen: Berlin · von Frank Frangenberg · S. 279
Ausstellungen: Berlin , 2001

FRANK FRANGENBERG

Ugo Rondinone: „Slow Graffiti“

Schipper+Krome, Berlin, 15.9. – 31.10.2001

Komm herein: und du stehst frontal vor einer 5 x 5 Meter großen Spiegelmosaikwand. Der Rest ist white cube. Nein, an der rechten Seite lehnt an der Wand ein fetter verlassener Clown aus Polyester am Boden, er trägt einen leuchtendblauen Pelz. Die Paraderolle des Clowns: Entertainment, Spaß und Spiel, sie scheint von diesem nicht mehr aufführbar. Die Situation, die Ugo Rondinone bei Schipper+Krome entworfen hat, lebt von der Konfrontation beider Skulpturen, Spiegelwand und blauer Clown, und der Addition eines dritten Moments: dem zwangsläufig anwesenden und so gespiegelten Zerrbild des Betrachters.

Der mächtige Eindruck der Installation im hohen Raum der Schipper+Krome Galerie in der Berliner Linienstraße verdankt sich in erster Linie der machtvollen Inbesitznahme des Platzes. So eine Wand ist ein Statement, das niemand ignorieren kann. Die floralen Mosaikglassplitter, von ferne erinnern sie an die berauschend dichten helldunkel kontrastierenden Landschaftsbilder, die Ugo Rondinone auch im Programm hat, spiegeln den white cube der Galerie und geben ihn fragmentiert wider. Wohin soll sich der Betrachter bewegen, wie sich verhalten: es gibt keine andere Perspektive, es sei denn, man wendet der Wand seine Seite zu – um weniger Schussfläche zu bieten – oder dreht ihr entschlossen den Rücken zu – feige: in den Rücken die Kugel zu bekommen. Seitlich positioniert hat der Betrachter bei einer von zwei Möglichkeiten diesen traurigen Clown vor sich. Groq ging noch, der weinte ja wenigstens. Dieser hier zuckt nicht mehr mit der Wimper, so blau und passiv ist er. Der Clown, dazu gedacht, die Betrachter über sich selbst lachen zu lassen, erschien in Rondinones Oeuvre zuerst 1995 in großen Graffitimalereien. Im nächsten Jahr war Ugo Rondinone selbst der Clown, als solcher verkleidet. Der Clown bei Schipper+Krome im Jahr 2001 übernimmt gar keine soziale Rolle mehr. Existentialismus nach Rondinone ist, wenn der Fremde von Camus als kaputter Clown am Strand sitzt und über gar nichts mehr nachdenkt. Quicklebendig wirkt da die zufällig vorbeikommende Assoziation von Franz Kafka, wie er im drei Uhr nachmittags auf dem Sofa liegt und sich wieder Gedanken macht über das Aus-dem-Fenster-Springen.

Es stellt sich die Frage, was der Betrachter noch von der Ausstellung hat, wendet er ihr entschlossen den Rücken zu: gar nichts. Dann doch lieber die zwanghafte Situation versuchen zu ertragen.

In die Spiegelmosaikwand, Titel: „What do you want?“, sind vier Lautsprecher integriert, die einen typischen Rondinone-Dialog wider geben. Eine Frauenstimme auf dem linken, eine Männerstimme auf dem rechten Kanal führen einen beckettschen Dialog miteinander, aneinander vorbei. Der knapp eine Minute dauernde Loop formuliert eine deprimierende inhaltliche und formale Ziellosigkeit. Samuel Beckett hat seinen Figuren wenigstens noch hin und wieder eine schützende Tonne mitgegeben. Ugo Rondinone geht an dieser Stelle mit seinem gigantischen Zerrspiegel in die Offensive. Die Mosaike sind der Motor der Bewegung in diesem white cube mit Clownsballast. Eine irritierende, verstörende, kaum sinnvoll zu nennende Aktivität. Leidtragender ist wie immer man selbst: der Betrachter. Zwischen verzerrter Widerspiegelung und unausweichlicher Passivität wird er konstitutiver Bestandteil und hoffnungsloser Akteur in Ugo Rondinones Installation. Agonie, Apathie, atmosphärische Verdichtungen der hoffnungslosen Sorte: was gäbe es nun für uns zu tun? Jedes Handlungsmuster verliert in dieser Ugo Rondinone Installation ihren Sinn. Seine Arbeit, der Künstler als Akrobat, findet seine Balance in den Ambivalenzen seiner Installationen. Langsam, langsam bewegen wir uns durch den Raum von Ugo Rondinone und lassen uns brechen und zerren, die Wahrnehmung verlangsamen, die Wirklichkeit verzögern: Slow Motion, Slow Graffiti. Weder ist das Lautsprechergemurmel aktueller als einschlägige Beckett-Dramen, noch wirken die Clowns unbehaglicher als die von Bruce Nauman und auch Spiegel sind nicht die frischeste Metapher für Identität. Trotz alledem: wenn der Künstler Ugo Rondinone in diesem Moment auftreten würde und sich zu erkennen gäbe – viele Betrachter würden ihm folgen, allein nur um der Perspektive absoluter Zwanghaftigkeit zu entrinnen.

von Frank Frangenberg

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