Gespräche mit Künstlern · von Doris von Drathen · S. 200
Gespräche mit Künstlern , 2001

PEDRO CABRITA REIS:

BLIND SEIN, KANN EIN SEHR
REICHES SEHEN BEDEUTEN

EIN GESPRÄCH VON DORIS VON DRATHEN

Als Vorbereitung des Interviews in Lissabon gehen wir erst einmal zum Hafen. Pedro Cabrita Reis meint, ich könnte seine Arbeit nicht verstehen, wenn ich nicht auf der Mole die „saudade“ gespürt hätte, jenes unerklärliche Gefühlsgemisch aus Fern- und Heimweh gleichzeitig, das einen beim weiten Blick über den Tejo erfassen kann. Auch legt er Wert darauf, mir von einer alten Straßenbrücke aus den Schwung der darunter herführenden Trambahnschienen zu zeigen, in deren Kurve genau gegenüber der kleinen Kirche sein Atelier liegt. Pedro Cabrita Reis wechselt in unserem Gespräch zwischen französisch, englisch, spanisch, italienisch und portugiesisch, sein Wortschwall schüttet Sprache, und doch ist eine große Stille um ihn. Er denkt in gebauten Emotionen, baut Konstruktionen aus engagierten Ahnungen, allerdings um der Realität näher zu kommen.

Doris von Drathen: Du hast diese Wachtürme in Stahl gebaut – es ist nicht schwer, sich darin Staatsdiener vorzustellen, die mit glasigem Blick alles kontrollieren, was sich in ihrem Radius ereignet. „Olhar, olhar, sempre“, 2000, heißt die Arbeit. Wird man blind, wenn man gezwungen ist, hinzusehen? Öffnet sich der Blick erst wenn man frei ist?

Pedro Cabrita Reis: Blind sein, kann ein sehr reiches Sehen bedeuten. Hier geht es um Abstumpfung. Nicht das Auge wird blind, sondern die lebendige Fähigkeit zu sehen, die Freigebigkeit, die Offenherzigkeit fehlen. Das Auge schaut weiter, aber es sieht nichts. Die Geistesgegenwart verlöscht, das Bewusstsein, Realität wahrzunehmen verschließt sich.

Warum sprichst du von Großzügigkeit in diesem Zusammenhang?

Weil Wahrnehmung, weil das wirkliche…

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