Essay , 2001

AMINE HAASE

Faszination und Fluch der Bilder

Die Bilder des New Yorker World Trade Center vom 11. September 2001 laufen in unserer Erinnerung auch weiter, wenn die Fernsehapparate längst ausgeschaltet sind, so oft haben wir sie bei CNN und arte, im ZDF und in den ARD-Sendern gesehen. Ein Linienflugzeug fliegt in einen der Zwillingstürme des WTC und verwandelt die auf seiner Zerstörungsschneise liegenden Etagen in einen Feuerball, dann in schwarzen Rauch. Ein zweites Flugzeug steuert in den zweiten WTC-Turm. Dann stürzt der erste Turm in sich zusammen, kurz darauf der zweite. Eine Riesenwolke von Staub breitet sich aus, eine unheimliche Druckwelle rast durch die Straßenfluchten. All das lässt sich beschreiben – wie ein Film, der uns mit Katastrophenbildern längst vertraute gemacht hat. Nicht beschreiben lässt sich der Gedanke an die Menschen, die in den Türmen dem Terror-Angriff hilflos ausgesetzt waren, die arglos sich im südlichen Manhattan bewegten, die – später – todesmutig zu ersten Rettungsaktionen herbeieilten. Selbst das voyeuristische Fernsehen zeigte nur kurz und aus großer Distanz Menschen, die in den oberen Etagen des WTC weiße Tücher schwenken, die sich in die Tiefe stürzen.

Der Fluch der elektronisch übermittelten Bilder liegt in ihrer Faszination. Und die ist in der Unfassbarkeit begründet: Wir können nicht glauben, dass sie Wirklichkeit wiedergeben. Wir schauen immer wieder hin, bis wir es glauben müssen. Und dann setzt sich der Fluch fort: Die Bilder, die wir mit Mühe als Realität erkannt haben, überlagern Bilder, die wir kennen – aus der Kunstgeschichte, Bilder, die allgemein als „schön“ und „erhaben“ bezeichnet…

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