Titel: Transgene Kunst: Klone und Mutanten · von Sven Drühl · S. 144
Titel: Transgene Kunst: Klone und Mutanten , 2001

Sven Drühl

Florale Utopien

Das Gebiet, auf dem der Eingriff ins Erbgut längst zur Normalität geworden ist, ist das der genetisch veränderten Pflanzen. Ob Gen-Soja, Gen-Mais oder Gen-Tomaten – überall wird versucht, den Ertrag, die Resistenz, das Aussehen und sogar den Geschmack zu optimieren bzw. zu verändern. Unter dem moralischen Deckmantel der Abschaffung des weltweiten Ernährungsproblems laborieren Wissenschaftler an den Pflanzen und Gemüsen der Zukunft und erschaffen so zahlreiche transgene Arten. Die Gefahren, die dieses größte ungesteuerte Freilandexperiment in der Geschichte der Menschheit in sich birgt, sind noch längst nicht abzuwägen. Monokulturen vernichten die Artenvielfalt, da meist von nur einer einzigen gentechnisch veränderten Stammpflanze in der genetischen Züchtung ausgegangen wird. Die gewünschte Herbizidresistenz führt, wenn sie von den Schädlingen erst einmal durch Mutation überwunden ist, zwangsläufig zu neuen Problemen. Wo Umweltverschmutzung und Ressourcenausbeutung nicht mehr rückgängig zu machen sind, verspricht die Naturwissenschaft Abhilfe in Form einer veränderten Flora, die sich den neuen Bedingungen anpasst, ganz nach dem Motto: Wenn die Pflanzen in der zukünftigen Umwelt nicht mehr überleben können, müssen wir eben die Pflanzen verändern, nicht die lebensweltlichen Bedingungen verbessern. Affirmation des Bestehenden verbunden mit vorauseilendem Gehorsam ist die Folge – Rücksichtnahme auf die Gegebenheiten der Natur scheint überflüssig, wo man mit den Überlebensstrategien der neuen Arten frei spielen kann. Eine ähnliche Haltung – wenn auch mit poetisch-ästhetischer Implikation – ist der Ausgangspunkt des Künstlers Reiner Matysik für die Konstruktion seiner fiktiven Pflanzen. Mit den zahlreichen Entwürfen einer „Flora futuralis“ leistet er das, was viele Künstler schon lange nicht mehr leisten wollen:…

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