Titel: 10. Berlin Biennale , 2018

Das Poetische ist politisch

Zum Glück hat die 10. Berlin-Biennale keine Angst vor Schönheit. Den letzten politischen Biss lässt sie aber vermissen

von Ingo Arend

Rot, grün, blau, gelb, violett. Im Erdgeschoss der Berliner Kunst-Werke (KW) sind 100 Gemälde, jedes misst genau 28,5 mal 50 Zentimeter, über eine ganze Wand verteilt. ¿Dónde están los héroes? nennt die kubanische Künstlerin Lorena Gutiérrez-Camejo ihr Werk aus dem Jahr 2015/16, in dem sie sich mit Macht und Herrschaft in Kuba beschäftigt. Die Bilder vertikaler Streifen, linear fortlaufend an der Wand befestigt, erinnern an die Muster und Farben von Auszeichnungen und Medaillen, wie sie auf Militäruniformen, nicht nur in Kuba, zu finden sind. In dem Werk fallen die zwei Hauptmotive der 10. Berlin- Biennale in eins. In seiner Monumentalität steht das 2,85 Meter hohe und fünf Meter lange Werk für das Prinzip des Heldischen. Und das serielle Muster, ohne weiteren politisch-visuellen Kommentar, weist die Arbeit als Musterbeispiel für die Ästhetik ab, mit der die Schau zu überzeugen versucht: Politische Kunst, der man das Politische auf den ersten Blick nicht ansieht und es sich im Poetischen verschlüsselt. Unglücklich das Land, das Helden nötig hat. Bertolt Brecht legte diesen Satz Galileo Galilei in seinem Drama „Leben des Galilei“ in den Mund. Er widerspricht damit seinem Schüler Andrea Sarti, nachdem er sich der Inquisition gebeugt und sein Bekenntnis zum aristotelischen Weltbild widerrufen hatte. Der oft falsch zitierte Satz ließe sich als Beweis dafür nehmen, dass das postheroische Zeitalter, das die 10. Berlin-Biennale anruft,…

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