Titel: Manifesta 12 · von Sabine B. Vogel · S. 184
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Titel: Manifesta 12 , 2018
Titel: Manifesta 12

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II. Garden of Flows

Zu dem Kapitel „Garden of flows“ gehören der Botanischen Garten, Palazzo Butera und Volpe Astuta. In diesem Teil stehen die Giftigkeit, das Pflanzenleben und die Kultur der Gartenarbeit in Bezug auf die globale Gemeinschaft zur Debatte.

1795 unter der Leitung der königlichen Universität eröffnet, beherbergt der BOTANISCHE GARTEN (Orto Botanico) heute auf 10 Hektar rund 12.000 verschiedene Pflanzenarten, darunter alleine 34 unterschiedliche Palmen. Eine besondere Attraktion ist der riesige Feigenbaum, der 1845 von Norfolk Island aus dem pazifischen Ozean eingeführt wurde, aber auch die Orangenbaum-Allee. Während der Manifesta mischen acht Künstler ihre Werke mitten in diese Vielfalt der Gärten und greifen immer wieder die Idee der (Pflanzen-) Migration subtil auf.

01

Ein eigenwilliges Herbarium inklusiv Fundort und Klassifizierungen hat der kolumbianische Künstler Alberto Baraya eingerichtet: Zwischen den Palmen in einem Gewächshaus hängen große Schautafeln. Darauf werden allerdings nicht die Pflanzen ringsum analysiert, sondern Plastikpflanzen dokumentiert, die Baraya in Sizilien fand und die der lokalen Flora minutiös nachempfunden sind. Auf einer der Schautafeln erkennt man eine Pfingstrose, die Baraya am Grab von Salvatore Riina in Corleone fotografierte. Der 2017 in Haft verstorbene Mafioso hatte seinerzeit die Morde an dem Untersuchungsrichter Giovanni Falcone und dem Mafia-Jäger Paolo Borsellino in Auftrag gegeben, zwei Symbolfiguren des Kampfes gegen die Mafia in Sizilien. Dieses kleine Detail in Barayas Installation ist eine der wenigen, direkten Anspielungen an die Mafiageschichte Palermos.

02

Unauffällig platziert Lungiswa Gqunta ihre Objekte, die zwischen den Blättern auf dem Boden im Treibhaus liegen: Flaschen mit einer giftgrünen Flüssigkeit. Sie interpretiere den Garten „als geschichteten Raum“, heißt es im Katalog, voller „Geschichten, heiligen Ritualen und Erinnerungen“. Diesem „Raum“ fügt sie mit Benzin gefüllte Alltagsobjekte hinzu, die Gqunta laut Katalog „zu Waffen werden, die Mobilisierung und einen Akt von Widerstand suggerieren“.

03

Der Künstler und Anthropologe Leone Contini sammelte in Italien zehn Jahre lang Samen und Früchte verschiedenster Zucchini-Pflanzen. Damit folgt er seiner Arbeitsmethode, interkulturelle Spannungen und Machtverhältnisse, Vertreibung, Migration und Diaspora mit den Mitteln der zeitgenössischen Anthropologie zu untersuchen. Im Botanischen Garten zeigt er jetzt die durch die vielfältige Migrationsgemeinschaft in Italien entstandene Vielfalt der Frucht, indem er die Objekte in Vitrinen wie historische Objekte ausstellt, dabei auch an eine Diversität erinnernd, die in dem Vereinheitlichungsbestreben unserer Zeit verloren zu gehen droht. Dafür legte er auch im Botanischen Garten ein Versuchsfeld an, in dem der typisch sizilianische, schlangenartige Sommerkürbis Cucuzza auf Kürbiskollegen aus Bangladesh, Sri Lanka, der Türkei und China trifft.

04

Indirekt greift die schwedische Künstlerin Malin Franzén das Thema Mafia auf, wenn sie für die wunderschönen Abdrucke von Pflanzen jene auswählt, die in dem vergifteten Umfeld an der Mündung des Oreto überleben, wo jahrzehntelang illegal Müll abgelagert wurde. Sie bezieht sich dabei auf den sizilianischen Botaniker Paolo Boccone (1633 – 1704), der eine eigene Technik entwickelte: Er fügte den gepressten Pflanzen Farbe hinzu und druckte sie dann direkt auf ein Papier, man nennt dieses Verfahren „Naturdruck“. Der Mönch und Arzt konzentrierte sich dafür auf Heilpflanzen, Franzen zeigt eine zeitgenössische, wissenschaftliche Untersuchung zusammen mit den klassischen Drucken von Pflanzen, die einen toxischen Boden heilen können.

05

Auf Toyin Ojih Odutolas Kohle- und Pastellkreide-Zeichnungen sehen wir das Leben der Afrikaner in Italien, traditionelle Maskenobjekte zwischen Grünpflanzen in einer Wohnung, aber auch eine Frau, die an Casper David Friedrich erinnernd über das Meer schaut. Bekannt wurde die in Nigeria geborene, in Alabama aufgewachsene und heute in New York lebende Künstlerin durch ihre Selbstportraits in schwarzer Tinte, ihr Markenzeichen ist die besondere malerische Darstellung der schwarzen Haut. Als Portrait der Schwarzen in Italien sucht Scenes of Exchange die verborgenen Verbindungen zwischen Objekten, Umgebung und den Menschen.


06

Einen gänzlichen anderen Umgang mit Pflanzen verfolgt Zheng Bo, dessen Video in einem kleinen Bambuswald verborgen ist. Junge Männer liegen im Grünen, nackt, aber weitgehend verborgen vom Gebüsch. Man sieht, wie sie Blätter liebkosen, Stengel streicheln, hört sie stöhnen. Sieben Männer filmte der Künstler in einem Wald bei Taiwan, Öko-Queerness wird dieser intime Kontakt mit Pflanzen genannt.

07

Die Idee der (Pflanzen-) Migration greift Khalil Rabahs Arbeit Relocation, Among Other Things auf. Der in Palästina geborene Künstler wurde bekannt für sein Archäologisches Museum von Palästina, das zwar eine rein künstlerische Schöpfung ist, aber auf reale politische Zustände verweist. Auch sein Projekt der Riwaq Biennale dient dazu, die israelische Besatzungspolitik in den Blick zu rücken. In Palermo hat Rabah den Tineo Pavillon übernommen und die vorhandenen Vitrinen, aber auch Einkaufswagen, Metallregale und Kartons mit Objekten vollgestopft, Uhren, Tassen, religiöse Ikonen, auch Fotoalben, Elektrozeugs und Stoffe sind fein säuberlich sortiert. Auf den lokalen Märkten war ihm aufgefallen, aus wie vielen Kulturen und Kontexten die Waren stammen und hier zusammenfinden – worin er eine Entsprechung zu den Pflanzen im Botanischen Garten sieht.

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In einem verborgenen, dunklen Gang hinter einem Gewächshaus zeigt Michael Wang fossile Abdrücke von tausend Jahre alten Pflanzen, die noch oder wieder in industriellen Brachen zu finden sind. In seinem zweiten Beitrag lädt er uns ein, hinter der Mauer des Botanischen Gartens verrostete Tanks zu entdecken – Beispiele eines „extremen Levels der Vergiftung“, wie er erklärte. Dem Wasser des historischen Brunnens fügte er Cyanobakterien hinzu, das jetzt giftig-blaugrün brodelt. Früher als Blaualgen bezeichnet, gehören sie zu den ältesten Lebensformen überhaupt. Sie können die Richtung des Lichteinfalls wahrnehmen, manche betreiben sogar einen – nach heutigem Wissensstand – einmaligen Stoffwechsel im Tag -Nacht-Rhythmus: tagsüber Photosynthese, nachts Stickstofffixierung, also die Umwandlung von molekularem Stickstoff. Vor 2.5 Milliarden Jahren veränderten Vorläufer dieser im Wasser lebenden Bakterien durch die Freisetzung von Sauerstoff die Lebensbedingungen auf der Erde. Allerdings produzieren sie auch Sekundärmetaboliten, die schädlich sein können, manche gehören sogar zu den stärksten natürlichen Giften. Eine unverhältnismäßige Vermehrung von Cyanobakterien entsteht durch hohen Phosphatgehalt im Wasser bei ungeklärtem Abwasser vor allem in Verbindung mit höheren Wassertemperaturen.

von Sabine B. Vogel

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