Titel: Editorial , 2018

Migration, Mythen und kollektive Psychosen

10. Berlin Biennale und Manifesta 12 in Palermo

Die Kunst unserer Zeit ist geprägt von einer enormen Vielschichtigkeit, die geographisch und kulturell immer umfangreicher wird. In unseren Museen findet diese Ausweitung der Landkarte nur zögerlich Eingang, die Sammlungsschwerpunkte sind weiterhin westlich orientiert. Anders ist es auf Biennalen. Die im Zweijahresrhythmus stattfindenden Großausstellungen suchen immer neue Austragungsorte unter aussagestarken Themen. Darin liegt auch der große Reiz dieses Ausstellungsformats, das uns auf unerwartete Touren durch Städte schickt und die Fragen unserer Zeit aufgreift – die dieses Jahr besonders brennend ausfallen, wenn die 10. Berlin Biennale und die 12. Manifesta in Palermo um Migration, Mythen und kollektive Psychosen kreisen.

Richtete die 1. Berlin Biennale 1998 noch den Blick auf die kulturelle Landschaft jener Stadt, die damals zur Bundeshauptstadt umgewandelt wurde, öffnete sich das Konzept bald immer weiter. Seit einigen Ausgaben wird das Profil zunehmend über den hohen Anspruch definiert, besonders radikale, gerne auch kontroversielle Konzepte zu finden.

„We don’t need another hero“ betitelt die afrikanische Kuratorin Gabi Ngcobo diese 10. Biennale für Deutschlands Hauptstadt. Den gleichnamigen, berühmten Song schrieb Tina Turner ursprünglich für den Kultfilm Mad Max. Ngcobo entlehnt jetzt den Slogan, um Postkolonialismus und eine Neubetrachtung der Geschichte zu thematisieren, über Wahnsinn, den „aktuell weitverbreiteten Zustand einer kollektiven Psychose“ und das „kritische Potenzial von Strategien der Selbsterhaltung“. Susanne Boecker und Sabine B. Vogel stellen sämtliche Werke an den vier Ausstellungsorten in einem Rundgang vor. Im Interview mit Heinz-Norbert Jocks kommt die Kuratorin Gabi Ngcobo zu Wort; Ingo Arend entdeckt in der Berlin Biennale ein Plädoyer für Schönheit, Max Glauner wirft einen kritischen Blick auf das Konzept und weist die Nähe zum neuesten Kunstmarkttrend „Afrika“ nach.

Als europäische Wanderbiennale angelegt, gastiert die Manifesta mit dem Titel „The Planetary Garden – Cultivating Coexistence“ dieses Jahr im sizilianischen Palermo. Berühmt für die offene Migrationspolitik und die dunklen Geschäfte der Mafia, meistert diese problemüberladene Situation erstmals ein Architekturbüro. OMA (Office for Metropolitan Architecture) aus Rotterdam erarbeitete über drei Jahre den „Palermo Atlas“ als Bestandsaufnahme der sizilianischen Stadt und lud vier „Mediatoren“ dazu, die diese Herkulesaufgabe zu bewältigen hatten. Sie schaffen es, in den bezaubernd schönen Palästen, Kirchen und Gärten in der einzigartigen, im 9. Jahrhundert von arabischen Herrschern erbauten Altstadt Palermos Beiträge zu platzieren, die den komplexen Kontext bewältigen. Manifesta und Berlin Biennale fotografierte Wolfgang Träger, Sabine B. Vogel führt durch die 20 Orte in Palermo. Heinz-Norbert Jocks sprach mit Leoluca Orlando, dem charismatischen Bürgermeister von Palermo, über dessen Idee einer „Willkommenskultur“, mit Manifesta-Direktorin Hedwig Fijen über Palermo, mit den „Mediatoren“ über den Palermo Atlas und den Manifesta-Titel „Planetarischer Garten“; Uta M. Reindl stellt das umfangreiche, unter dem Motto „Koexistenz kultivieren“ stehende Kollateral-Programm vor und Ingo Arend zeigt sich begeistert von der „extremen Bodenhaftung“ dieser „ortskompatiblen Biennale“. Seine Konklusion der Manifesta kann auch als Barometer für jede gelungene Biennale gelten: Die Kunstbiennale diene „als Katalysator eines Mentalitätswandels“.

Sabine B. Vogel

von Sabine B. Vogel

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