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Artikel
Magazin · von Amine Haase · S. 487
Magazin , 2000

Das Schweigen der Bilder

Photograph Baudrillard

Philosophische Photographie – gibt es das? Natürlich nicht. Aber Jean Baudrillard, unterstützt von Peter Weibel, möchte uns dazu bringen, an sie zu glauben. Tatsächlich ist es wohl eher eine Glaubenssache, als eine Sehweise, in Baudrillards Fotos aus 15 Jahren Philosophisches zu entdecken. Allerdings die begleitenden Texte lenken den Blick. Was wie Großstadt-Reportage oder Ruinen-Romantik, wie Farb-Faszination oder Stilleben-Arrangements eines begnadeten Amateurs aussieht, bekommt durch das Wort eine andere Dimension. Nicht etwa, dass Texte direkt die Bilder kommentieren würden. Nein, die Titel sind immer nur lapidare Orts- und Zeitangaben: Las Vegas 1996, Zeebrugge 1992, Paris 1986. Aber die zwei Baudrillard-Essays kehren quasi die Optik um – und stürzen den Betrachter der eher belanglosen Fotos in Verwirrung. Entzieht der Soziologe Baudrillard, der als Philosoph gilt, ihm doch den Boden unter den Füssen. Er behauptet nämlich, nicht der Photograph gehen auf Motiv-Jagd, sondern das Objekt nähme ihn gefangen. Indem er das Objektiv – mit Worten – umkehrt, richtet er die Objekte auf uns, nicht unseren Blick auf die Objekte. Da mag sich der Kopf des Foto-Betrachters und Begleittext-Lesers wohl drehen.

Baudrillard, der Analytiker unserer Simulations-Gesellschaft, in der die Medien den Platz des Lebens erobern, Baudrillard, der behauptet, „der Golfkrieg hat nicht stattgefunden“ – außer in den Medien, dieser Zweifler an allem was uns Realität und Zukunft bedeutet, versucht uns jetzt auch der Erinnerung zu berauben. Denn was ist Photographie im herkömmlichen Sinn anderes als Erinnerung? Für Baudrillard ist „jedes fotografierte Objekt nur die Spur, die das Verschwinden von allem anderen hinterlässt. Das ist ein fast perfektes Verbrechen, eine fast vollständige Auflösung der Welt, die nur die Illusion dieses oder jenes Objekts ausstrahlt, wovon das Bild dann ein unbegreifliches Rätsel macht“. Also „wenn irgend etwas Bild werden möchte, so nicht um anzudauern, sondern, um besser verschwinden zu können“. Was bleibt, ist folglich nicht einmal mehr die Erinnerung des photographierten Objekts, sondern an sein Verschwinden. Ein Lieblingsthema Baudrillards, sicherlich. Aber, aufgestülpt auf die Photographie, doch etwas erdrückend.

Dabei ist Baudrillards Credo ziemlich simpel: „Die Lust zu fotografieren, kommt vielleicht von folgender Feststellung: Aus einer allgemeinen Perspektive gesehen, einer Perspektive des Sinnes, ist die Welt ziemlich enttäuschend. Im Detail gesehen und gewissermaßen überrumpelt, ist sie immer von einer perfekten Evidenz.“ Diese „perfekte Evidenz“ versucht Baudrillard, in seinen Fotos von zerfallenden Fassaden, farbenfrohen Graffiti, leeren Seepromenaden, vermoosten Stegen, skurrilen Wäscheleinen, abgestellten Rädern einzufangen. Ach nein, er ließ sich ja von den Objekten des Verschwindens einnehmen. Aber warum nur scheint das Adjektiv immer schon quasi einsatzbereit neben dem Objekt der Begierde zu liegen? Vielleicht schlagen die Dinge dem philosophierenden Soziologen ein Schnippchen? Der muss beim Photographieren „auch geistig mit seinem Atem anhalten, um zeitlich und körperlich innezuhalten. Er muss aber auch geistig mit dem Atem innehalten und abschalten, damit seine geistige Oberfläche so leer ist wie der Film“. Der Autor in der Falle des Medien-Jargons? Vielleicht – obwohl die Vorstellung des Photographen als belichtungsfähiger Film ja auch etwas von einer Perspektive 2001 haben kann.

In dem vielleicht sympathischsten Absatz in Baudrillards Text „Denn die Illusion steht nicht im Widerspruch zur Realität“ schreibt der 1929 geborene Franzose über „das Schweigen des Fotos“. Er reklamiert dieses Schweigen, „eine der wertvollsten Eigenschaften“ des Fotos, auch für das Objekt, „welches es aus dem platzraubenden und betäubenden Kontext der realen Welt herausreißt“. Baudrillard: „Von welchem Lärm und von welcher Gewalt es auch immer umgeben ist, das Foto gibt das Objekt der Immobilität und dem Schweigen zurück. . . Es ist die einzige Art, die Städte in Stille zu durchlaufen, die Welt in Stille zu durchqueren.“ Und was Baudrillard am meisten bedauert, „ist die Ästhetisierung der Photographie – dass sie eine Kunstform geworden ist und sich in den Schoß der Kultur begeben hat“. Ob seine eigenen Fotos sich einer „Ästhetisierung“ entziehen, allein durch Behauptungen, ist allerdings fraglich. Allzu oft scheint der Photograph Baudrillard doch Klischee-Vorstellungen zu erliegen, die er als Soziologe und Autor zu umgehen versucht. Ein Fahrrad vor einer Gracht heißt „Amsterdam 1989“, eine Barrikade aus Fässern und anderem Müll „New York 1994“, ein Blick auf wolkenverhangene Dünen „Friesland 1994“.

Baudrillard bleibt bei seiner „Grundregel“: Es sei „das Objekt, das uns sieht, es ist das Objekt, das uns träumt. Es ist die Welt, die uns reflektiert, es ist die Welt, die uns denkt“. Tatsächlich kann das ein Schlüssel zum Erkennen der Philosophen-Photographien sein: der romantische Blick.

Der abschließende Text von Peter Weibel kompliziert den Blick auf diese Fotos. „Kairos und Kontingenz in der Fotografie am Beispiel Jean Baudrillard“ nennt er sein Nachwort, in dem er an dessen frühe „radikale Theorie“ einer „Äquivalenz von Subjekt und Objekt“ erinnert. Und: „Baudrillard ist Fotograf des kairos und nicht des chronos, des Jetzt und nicht der Zeit. Er reagiert auf das Jetzt, den flüchtigen Moment, den Zufall der Erscheinung eines Bildes bzw. von farbigen Objekten, die sich selbst als Bild anordnen und anbieten, bzw. den Zufall der Anwesenheit eines Fotografen.“ Hinter so vielen Worten verschwinden die Bilder dann tatsächlich.

Amine Haase

Jean Baudrillard: „Photographies 1985-1999“, Hrsg. Peter Weibel, Texte von Jean Baudrillard, Christa Steinle, Peter Weibel, Hatje Cantz Verlag. Deutsch, französisch, englisch, 200 Seiten, 100 Abbildungen, 78 DM.