Titel: Die Kunst der Selbstdarstellung · von Paolo Bianchi · S. 138
Titel: Die Kunst der Selbstdarstellung , 2006

Paolo Bianchi

Das Selbst als (roter) Faden

Der Faden im Bild als Metapher für Verbindung, Verknüpfung, Verstricktes, Vernetztes, Vergängliches und Verbindliches

Der Faden ist ein textiles Medium. Seine genuinen Eigenschaften sind Durchlässigkeit, Beweglichkeit, Anpassungsfähigkeit und Transparenz. Die Möglichkeit, mit ihm auf ein Anderes zu reagieren, macht ihn zu einem geeigneten Anschauungs- und Übungsfeld für dialogische Methoden und denkerische Prozesse. Feste Stoffe wie Metall, Holz, Stein usw. werden am bestehenden Material geformt. Das entspricht dem wissenschaftlichen Vorgehen der theoretischen Scheidung und Differenzierung eines Forschungsfeldes. Flexible Stoffe wie das Textile entstehen aus einer Immaterialität: vom Punkt (Faser) über die Linie (Faden) zur Fläche (Gewebe) und – durch Faltung oder Zuschnitt oder Nahtbildung – zum dreidimensionalen Objekt. Das entspricht dem künstlerischen Verlauf von der sinnlichen Wahrnehmung zum Ideenkonzept.

Wenn die Matrix ästhetischen Daseins und künstlerischer Produktionsweise in Analogie zu einem Faden gesetzt wird, dann ist die Funktion der Künstler/innen und Produzent/innen die des Fadens, der in eine Zuckerlösung getaucht wird, um Kandiszucker zu machen, indem sich daran etwas organisiert und kristallisiert. Zwischen nacktem Körper und ihn bekleidender Hülle liegt der Faden als nomadische Grundbedingung für die Mobilität des Selbst.

Omphale und Herkules

Die Ethnologin Heide Nixdorff weist nach, dass „diverse Ethnien die Parallelität zwischen Textilherstellung, Leibbildung (Gewebe) und Denken (Faden), in ihrer Mythologie und Dichtung thematisiert haben. Aufgrund der besonderen Produkteigenschaften wie Weichheit, Geschmeidigkeit, Anpassungsfähigkeit, Gestaltbarkeit, der Feuchtigkeitsaufnahme, dem Temperaturausgleich, der Eignung für Hüllenbildung und seiner raschen Vergänglichkeit, kommt dem Textilen besonders die Konnotation von Leben spendender Kraft zu, wie etwa beim Weben von Schleiern in Tempeln, bei Peplosfeiern…

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