Titel: Die Kunst der Selbstdarstellung · von Paolo Bianchi · S. 104
Titel: Die Kunst der Selbstdarstellung , 2006

Paolo Bianchi

Die RAF als «attraktive lebensform»

Short Cuts 3: Rote-Armee-Fraktion

Im Anschluss an den Text „Die Macht und das Selbst“ von Hans-Jürgen Wirth, der unter anderem davon handelt, wie die Terroristen der RAF der Nazi-Generation demonstrativ vorführten, wie man einen bis zur Selbstaufopferung gehenden Widerstand gegen ein Terror-System leistet, erfolgt hier eine Nachlese anhand einer Auswahl von Kunstwerken und Presseberichten betreffend der „RAF-Ausstellung – zur Vorstellung des Terrors“ (Berlin und Graz 2005). Die Ausstellung zeigte nicht die RAF, sondern deren Spiegelung in den Medien und in der Kunst. In der retrospektiven Debatte über die deutsche Studentenrevolte steht die These von ihren totalitären Tendenzen der entgegengesetzten Interpretation gegenüber, wonach der Aufstand der Kinder gegen das Vergessen der NS-Väter die Ära der Schuldverdrängung beendete und damit ein Katalysator für den Anschluss der (west)deutschen Gesellschaft an die demokratische Moderne des Westens war. War die RAF ein Bruch mit einer im Kern libertären, antiautoritären Bewegung oder die Fortsetzung ihrer ambivalenten Dynamik mit terroristischen Mitteln? Bis heute ist die Geschichte der RAF für die Öffentlichkeit von besonderer Bedeutung.

Geschichte einer noch nicht kalten Selbstfindung

Am 20. April 1998 endlich erklärte die Rote-Armee-Fraktion ihre Auflösung. «Heute beenden wir das Projekt. Die Stadtguerilla in Form der RAF ist nun Geschichte», stand in dem bei der Nachrichtenagentur Reuters eingegangenen Schreiben. Acht Seiten Text, die das Eingeständnis enthielten, die «Wirkung politisch-militärischer Aktionen» überschätzt zu haben – ein Dokument der Niederlage, worin die Absender der Toten aus den eigenen Reihen gedachten, über die Opfer des Terrors wie üblich kein mitfühlendes Wort verloren und sich…

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