Titel: Die Kunst der Selbstdarstellung · von Paolo Bianchi · S. 148
Titel: Die Kunst der Selbstdarstellung , 2006

Paolo Bianchi

Das Selbst als Fakt + Fiktion

Short Cuts 6: Marion Strunk

Wenn der Verfasser im vorhergehenden Text «Das Selbst als Faden» bezeichnet, zeigt er auf, dass sich künstlerisches Schaffen nicht linear und direkt, sondern netzartig und flexibel vollzieht. Das ähnelt weniger dem Pfeil als vielmehr dem Einfädeln. Indem Marion Strunk Fotos mit Wollfäden bestickt, kommt es zu einem Wechselspiel zwischen Fakt und Fiktion. An Stelle der zielgerichteten Linearität tritt die kreisende Bewegung des Stickens, die sich dadurch auszeichnet, dass die Annäherung an den Kern einer Sache oder auch des Selbst immer wieder aufgeschoben wird und in einer Präsenz der Absenz mündet. Strunk erklärt: „Subjektsein erfolgt über Versuch und Übung. In meiner Arbeit geschieht dies nicht fadenscheinig, sondern stichfest.“

Foto + Faden. Die Schweizer Künstlerin Marion Strunk durchsticht Fotografien mit spitzer Nadel, die einen Faden zieht. Durch den Faden transformiert sich die Fotografie in Stoff, Textil, Textur bis ein Bild aus „Foto + Faden“ entstanden ist. „Embroidered Images“ („Gestickte Fotografien“) wie das die Künstlerin nennt. Das Statische der Fotografie gewinnt durch das Flexible des Fadens ein unerwartetes Potenzial für Veränderung. Der Fotografie als „Abbild“ wird durch den Faden etwas Ambivalentes und Doppeldeutiges beigegeben. Bedeutungen und Wertungen kommen hinzu. Die klaren Strukturen der Fotografie werden durch die Beweglichkeit des Fadens irritiert. Das Besticken der Bilder hat etwas von dem Weben einer paradoxen Geschichte, welche die Betrachtenden umgarnt und ihre atmosphärische Wirkung erst vor den Bildern wirklich erlebbar macht – im Atelier oder Ausstellungsraum. Die Sehbewegung pendelt sowohl zwischen dem Bild (als Fakt) und dem…

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