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Essay · S. 76 - 79
Essay , 1986

Thomas Wulffen
Die Frage der Hoffnung

Bemerkungen zu einem Vorurteil und dessen möglicher Aufhebung

Die Leiden sind allgegenwärtig, auf der Netzhaut des Auges und in der Haut des Körpers. Nichts scheint dem universellen Zugriff der Katastrophe entgehen zu können. Und dennoch sind wir gewappnet. Verdrängungen, Ersatzbildungen und Alltagsmagie gestatten uns ein Leben, das eher einem Überleben gleicht. Die nicht funktionierende Kaffeemaschine ist uns näher als Bhopal. Wir leben in einem globalen Dorf, aber die Realität vollzieht sich nur im eigenen Haus. Wirkliche Erfahrung des Schreckens findet nur statt in der Vermittlung, aber wir mißtrauen den Bildern, weil wir uns der Leiden nicht bewußt werden wollen. Überlebensstrategie verkauft sich als Lebensmöglichkeit. Offensichtlich haben wir Reservate, die sich gegen diese Endzeitstimmung behaupten: das Glück der Könige, die gelebte Utopie der Alternativen und die Versprechungen der Kunst. Das Glück der Könige gehört der ‚arbeitenden Bevölkerung‘. Die gelebte Utopie ist Bestandteil einer Szene, die sich vorgenommen hat, neue Felder von Leben zu entwickeln, in mehr oder minder großer Absetzung gegebener gesellschaftlicher Zustände. Die Versprechungen der Kunst überschreiten jede dieser Trennungen, in unterschiedlicher Form.

Die Versprechungen

Kunst kennt zwei Momente, in denen sich Hoffnung finden läßt. Der eine verweist auf den anderen und es mag sich herausstellen, daß sie voneinander abhängig sind. Sie gründen auf eine Tradition, die sich allerdings hinter verschiedenen Bezeichnungen verbirgt. Möglicherweise lassen sich die Versprechungen historisch herleiten, spätestens mit dem Beginn einer bürgerlichen Kultur. Es wird nachzuweisen sein, wie in diesen Zeiten, in denen die Aufklärung selbst als bloße Versprechung enthüllt wird, die im folgenden…


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